WeihnachtenPhilosophie des Plätzchens
Seite 2/5:

Kritische Größe und variable Haltbarkeit

Die kritische Größe des Plätzchens

lässt sich aus dem Wort allein nicht zuverlässig bestimmen. Die Etymologie sagt nur, dass Plätzchen vom Platz eine Eigenschaft übernommen haben: in irgendeiner Weise eher flach als hoch zu sein. Aber auch wenn sie als Kuchen bezeichnet werden, geht daraus keine Flächenausdehnung hervor. Pfefferkuchen messen kaum ein Drittel eines ausgewachsenen Elisenkuchens.

Wenn wir den Pfefferkuchen trotzdem, weil er so etwas wie den Bodensatz eines bunten Tellers darstellt, zum Maßstab nehmen, dann gehörten Dominosteine und Spekulatius noch dazu – aber Printen und Elisenkuchen schon nicht mehr. Das wäre einerseits schmerzlich, weil zu den Elisenkuchen meiner Großmutter viel zu sagen ist, aber andererseits hätte es aus anderem Grund seine Berechtigung: Elisenkuchen und Printen müssen deutlich schneller gegessen werden als andere Plätzchen, weil sie sonst steinhart werden (mit Ausnahme der Elisenkuchen meiner Großmutter, die schon steinhart den Backofen verließen).

Die Haltbarkeit des Plätzchens

zum allgemeinen Maßstab zu machen, könnte indes für manche Überraschung sorgen. Unterm Schokoüberzug neigen viele Plätzchen zum Schimmel, andere werden ranzig, die cremegefüllten sauer. Manche Forscher haben deshalb vorgeschlagen, von der inneren Beschaffenheit gänzlich abzusehen und das Plätzchen nur über den Kontext seiner Verwendung zu definieren. Ein Plätzchen wäre dann jedes Gebäck, das auf einen bunten Teller gelegt werden kann. Oder auch nur einfach ein Keks, der zu Weihnachten gegessen wird. Oder – wenn der Keksbegriff seinerseits zu unscharf erscheint – alles Gebackene, was im Umkreis der Adventszeit auftaucht, aber deutlich unter der Größe eines Stollens bleibt (damit bekäme man auch die modische Hybridform des Stollenplätzchens definitionstechnisch in den Griff).

Zu Herzen gehen solche Haarspaltereien natürlich nicht. Radikale Skeptiker neigen sogar zu der Annahme, dass die Rede von Plätzchen erst in einem bestimmten Sprachspiel Sinn ergebe – im Zusammenhang mit Wörtern wie »Weihnachten«, »Advent«, »Backen« und »Familie«, vor allem aber in Kombination mit Possessivpronomen. Und in der Tat verwandelt sich, was sonst vielleicht Keks wäre, sofort in ein Plätzchen, wenn man ihm ein »mein«, »dein« oder »unser« vorschaltet. Es kann sinnvollerweise nur heißen: »Wie schmecken dir meine Plätzchen?« Und nicht »Wie schmecken dir meine Kekse?«

Das kontextabhängige Plätzchen

ist inzwischen ein akzeptierter Begriff. Manche Forscher sehen den Kontext aber weniger sprachlich als gesellschaftlich bestimmt. Zum Beispiel: Wer isst schon für sich alleine Plätzchen? Könnte es sein, dass sich Plätzchen, vom einsamen Individuum beim Fernsehen verzehrt, in Kekse zurückverwandeln? Oder bleiben sie Plätzchen, wenn es sich um eine Weihnachtssendung handelt?

Zumindest scheinen Plätzchen eine gesellige Dimension zu haben, und diese Geselligkeit lässt sich auch näher bestimmen. Was von Müttern oder Großmüttern zur Weihnachtszeit gebacken wird oder von Kindern unter Anleitung von Müttern oder Großmüttern, und zwar indem es erst ausgestochen oder gespritzt oder von fettigen kleinen Fingern zu Kugeln gerollt wurde und dann auf ein Blech gelegt – das wird mit ziemlicher Sicherheit Plätzchen ergeben. Frauen verweigerten sich früher überhaupt nur ganz selten der weihnachtlichen Bäckerei; es gab wenige Tätigkeiten, für die sie so zuverlässig gelobt wurden, und sei es, weil die Moral des Handgemachten alle, auch die ungenießbaren Resultate adelt.

Selbst meine Großmütter, denen das Backen nicht in die Wiege gelegt wurde und die mutmaßlich zum ersten Mal nach 1945 eine Küche von innen sahen, haben sich der Verpflichtung zum Plätzchen nicht entziehen können. Die Mutter meiner Mutter, die so zart war, dass sie Zitronen vor dem Auspressen auf den Fußboden schleuderte, damit sie nicht so hart waren in ihren weichen Händen (wie ein wütender Derwisch sprang sie über den Steinboden und kämpfte mit den gelben Kugeln), buk stets nur eine Sorte Plätzchen, aber diese gehörte zu den kompliziertesten und entbehrungsreichsten überhaupt.

Die braunen Kuchen, aus dem Baltikum stammend und in Hamburg noch als Kemmsche Kuchen bekannt, werden mit Zuckerrübensirup und zahlreichen Gewürzen gemacht; der Teig muss tagelang rasten und wird schließlich zu Talern gebacken, die spröde, hart wie Glas und genauso zerbrechlich sind. Sie sind für den Postversand gänzlich ungeeignet, waren aber gerade dazu gedacht, als Päckchen an andere verarmte, vertriebene und verstörte Verwandte geschickt zu werden, zum seelischen Trost. Der Trost bestand darin, dass die Empfänger in dem Haufen Krümel, der sie erreichte, die Zerstörung ihrer eigenen Existenz wiedererkannten. »Braune Kuchen werden mit dem Löffel gegessen«, erklärte meine Großmutter.

Aber tatsächlich lässt sich auch dies zur Definition heranziehen: Plätzchen, wenn sie nicht zu Hause gebacken werden, kommen in einem Paket von Verwandten oder Freunden.

Das Plätzchenpaket

ist seither nicht aus der Mode gekommen. Für uns Kinder war es eine echte Attraktion, aber nicht unter dem Versorgungsgesichtspunkt, sondern als Unterhaltungsangebot. Es brachte Kunde von den extremen Charakterunterschieden, regionalen Gebundenheiten, kulturellen Differenzen, die auch unter Verwandten herrschen und sich in dem Gebäck unwillkürlich und unzensiert, wie uns schien: sogar wider Willen niederschlugen. Die Tanten und Cousinen, dachten wir, hätten gar nicht anders gekonnt, als genau diese Plätzchen zu backen. Ihre Pakete wurden von uns mit der Begeisterung des Grafologen gelesen, die Handschriftenproben berühmter Dichter in die Hände bekommen.

Das spektakulärste Paket erhielten wir von unserer rheinischen Verwandtschaft. Es war nicht größer als die üblichen, aber bei Weitem schwerer, und die Plätzchen darin waren nicht nur enger gepackt, sie waren auch jedes für sich von höherem spezifischem Gewicht, was bei Gebäck vor allem heißt: von höherem Fettanteil. Die Plätzchen aus dem Rheinischen waren die fettesten, die ich jemals kennengelernt habe. Ihre Farbe war durchgehend grau, die Farbe von Rindertalg, wie mein Vater boshaft behauptete.

Auch dieser Umstand ließe sich als Zeichen lesen oder wurde von uns jedenfalls so gelesen: als Demonstration der wohlhabenden Verwandtschaft, an nichts gespart zu haben, vor allem nicht an Butter. In ihrem übertriebenen Einsatz verlor die Butter jedoch jede Exklusivität, sogar Farbe und Geschmack, sie erschlug die Wirkung aller übrigen Zutaten und ließ selbst Unterschiede zwischen weit voneinander entfernten Plätzchensorten verschwinden. Der Luxus machte alle Plätzchen grau. Die Verschwendung schuf etwas Ähnliches wie die Güterknappheit im Sozialismus: das Einheitsplätzchen.

Leserkommentare
  1. Einfach ein schöner, besinnlicher Artikel. Danke an den Autor.

    Ich backe gerne, viel und oft; halte mich an bewährte Rezepte, bin aber in der Formgebung nicht zu genau. Dafür fehlt mir wohl die Feinmotorik und Geduld. Auf die mangelnde Zeit will ich es gar nicht schieben. Dabei blicke ich anerkennend, aber nicht neidisch auf die präzisen und kunstvollen Erzeugnisse mancher anderer Bäcker (im Gegensatz zum Brotbacken scheinen es bei den Plätzchen noch immer wenig Männer zu sein) oder Bäckerinnen und freue mich immer sehr, diese Kunstwerke geschenkt zu bekommen.

    Wäre wäre Weihnachten ohne das Teig gewordene Abbild der Persönlichkeit des Bäckers in Auswahl, Ausführung und Darbietung. Damit kann kein Industrieprodukt mithalten: Dort sind Zimtsterne immer perfekt weich, Lebkuchen niemals bröselig und Springerle oben hellweiss mit perfektem Füsschen.

    • Hagmar
    • 21. Dezember 2012 22:04 Uhr

    Ich bin überzeugt, Herr Jessen hat eine Wette abgeschlossen, ob er es schafft, einen fünfseitigen Artikel über Plätzchen zu schreiben, den auch jemand zu Ende liest.
    Im Ernst, ich fand ihn lang. Aber eigentlich in jedem Abschnitt mindestens eine Satzperle, die zu finden, die Lektüre wert war und die man sich - wie ein wunderbares Plätzchen ganz langsam kauend, im Munde explodieren lässt. Und trotz der fünf Seiten hat Herr Jessen eine ganz wichtige Eigenschaft des Plätzchens vergessen: Seine Tauschbarkeit. Meine Mutter hätte ohne Weiteres jedem seinen Lieblingsbuntenteller machen können, die Vorlieben waren bekannt und änderten sich nur selten. Aber das wäre ja nur das halbe Vergnügen gewesen. Der Peffernussliebhaber (kamen Pfeffernüsse im Artikel überhaupt vor??) musste sich von mindestens zwei Butterplätzchen trennen und wer keine Zimtsterne mochte, war in der überaus glücklichen Lage, meinem Vater im Tausch dafür die begehrten Vanillegipferl abzuluchsen. Die Tauschwährung war von Teller zu Teller verschieden. Ich hatte grosses Glück: Von klein auf war ich das einzige unter 5 Geschwistern, das süchtig nach Anisplätzchen war und weder Zimtsterne noch Königsberger Marzipanherzen (von Muttern gemacht) mochte......

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Weihnachten | Nahrungsmittel | Genuss | Kochen
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service