Weihnachten : Philosophie des Plätzchens
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Das Sozialgesetz des Plätzchens

Das Sozialgesetz des Plätzchens

lässt sich in einem einfachen Koordinatensystem abbilden. Wenn die x-Achse der Grad der Verschwendung und die y-Achse den Differenzierungsgrad der Produkte misst, ergibt sich die typische Buckelkurve einer jeden Kulturentwicklung von der Armut zur Dekadenz. Zunächst steigen Buntheit und Formenvielfalt – bis die ebenfalls steigende Verschwendung eine neue Einförmigkeit erzeugt: Das teuerste Material ist gefunden und setzt sich durch. Die Kurve fällt wieder. Auch ein Autosammler, der seinen Ankaufetat kontinuierlich anhebt, wird am Ende nur noch Ferraris in der Garage haben. Ein Gourmet, der vor allem teuer essen und trinken will, wird schließlich nur noch Kaviar mit Champagner zu sich nehmen.

Das Charakterplätzchen

ist keine Ausnahme, sondern Regel. Nicht nur die Prunksucht der rheinischen Tante drückte sich im Gebäck aus, sondern auch das entgegengesetzte Wesen einer ganz anderen Tante, deren notorische Diskretion und Bescheidenheit sich in ebenso diskreten Plätzchen niederschlug. Sie waren dünn und durchsichtig bis zur Unsichtbarkeit – so wie sich die Tante selbst in Gesellschaft unsichtbar machte. Es kostete Anstrengung, sie überhaupt zu bemerken. Ihre Bescheidenheit war getarnter Hochmut: Sie wollte, dass ohne Mühe ihre Gesellschaft nicht zu haben sei. Und genauso musste man sich mühen, Geschmack und Art ihrer Plätzchen, eine Ahnung von Vanille oder Zimt, zu bemerken, wenn sie nicht folgenlos auf der Zunge zergehen sollten.

Ein Sonderfall des Charakterplätzchens – oder sollte man in diesem Fall eher Genreplätzchen sagen? – sind die Kinderplätzchen, die aus dem Teig hervorgehen, der von kleinen Händen grau geknetet und am Ende mit Zuckerguss übergossen und mit bunten Streuseln überstreut wird. Man könnte in diesen Plätzchen, die niemand haben und niemand essen will, ein Zeugnis der Mutterliebe, wenn nicht schon taktloser Voreingenommenheit für die eigene Brut sehen. Indes graust es die Kinder selbst vor ihrem Machwerk, in Sonderheit vor den bunten Streuseln, die so gar nicht zu Weihnachten gehören, eher zu Silvester. Aber selbst als Silvesterkekse hätten sie noch immer Teil an der falschen Lustigkeit von Luftschlangen und Konfetti, es sind Boten von Trostlosigkeit und Leere, eigentlich eine Beleidigung des Kindes, weil sie kindgerecht nur für die Augen von Erwachsenen sind (nicht anders als die bunte Bettwäsche, die der Sentimentalität der Eltern schmeichelt und Kindern Albträume verschafft).

Das skurrile Plätzchen

verdankt sich selten reinem Unvermögen. Etwas Schicksalhaftes tritt hinzu, und so war es auch mit dem, was dem Backofen meiner Großmutter väterlicherseits entsprang. Die große, hagere und stolze Frau, die als Achtzehnjährige aus dem Flensburger Elternhaus auskniff, um in München Mathematik zu studieren, war nicht für ihre Einfühlung bekannt, insbesondere nicht für Einfühlung in Nahrungsmittel. Was sie auszeichnete, waren Haltung und Tapferkeit. Wir müssen tapfer sein, soll sie gesagt haben, als ihr die Witwenrente verweigert wurde, nachdem mein Großvater von den Nazis gehängt worden war. Wir müssen tapfer sein, sagte sie sich auch vor dem Backofen, in dem sie einen Stollen buk, der außen hart und innen hohl war. Die Mandelsplitter, Zitronat- und Orangeatstückchen klapperten darin wie in einer Rassel. Mein herzloser Onkel pflegte den Stollen ans Ohr zu halten und demonstrativ zu schütteln. »Da ist es wieder, das berühmte Geräusch!«

In seinem Spott lag aber mindestens ebenso viel Rührung, Rührung vor der unerschütterlichen Treue zu sich selbst, die meine Großmutter bewies und die vor allem Treue zur eigenen Unzulänglichkeit war, aber auf geheimnisvolle Weise das Selbstverständnis der ganzen Familie zum Ausdruck brachte. Sie lebte mit dem Strandgut einer Überlieferung, die im Wesentlichen aus solchen Rezepten bestand, nach denen sich steinharte Stollen oder jene berühmten, nicht minder harten Elisenkuchen backen ließen, die sich von dem Stollen nur dadurch unterschieden, dass sie keinen Hohlraum hatten, in dem irgendetwas klappern konnte.

Der Plätzchenpedant

wird natürlich darauf hinweisen, dass sich Elisenkuchen vom Stollen durch etwas ganz anderes unterscheiden, insofern der Stollen aus Hefeteig besteht, die Elisenkuchen aber zur Familie der Makronen zählen. Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Von einem Linnéschen System der Plätzchenklassifikation sind wir noch weit entfernt. In der Umgangssprache, die nun einmal unsere einzige Plätzchensprache ist, werden als Elisenkuchen genauso die Verwandten des Lebkuchens bezeichnet, die auf einer Oblate ruhen. Wie denn überhaupt manche Plätzchennamen ihrem Wesen nach ganz unterschiedliche Plätzchen bezeichnen, die Bärentatzen zum Beispiel gibt es aus Rührteig, aber ebenso aus gezuckertem Eischnee, was so ziemlich einen Unterschied ums Ganze ausmacht.

Zum Plätzchen gehört Pedanterie. Zumindest eine Grundklassifikation sollte getroffen werden: nach dem Teig. Es gibt die erwähnten Makronen aus Eischnee, es gibt die Rührteige mit dem Sonderfall des Mürbeteigs, es gibt Spritzgebäck im engeren Sinne, also einen in Fett ausgebackenen Brandteig, und es gibt Spritzgebäck im weiteren Sinne, der sich nur auf die Weise bezieht, in der ein Teig aufs Backblech gebracht wird, es gibt die wohlbekannten Lebkuchen und die seltenen Blätterteigplätzchen, die gerne die Form miniaturisierter Schweineohren annehmen. Schließlich gibt es Plätzchen, die eigentlich Konfekt sind, zu diesen müssen die Florentiner gerechnet werden, und es gibt die Hybride aus Konfekt und Gebäck, hierzu gehören die schamlos mit Marzipan angereicherten Rührteigplätzchen. Puristen sagen ja, Marzipan habe in Plätzchen nichts zu suchen. Marzipan, also etwas eigentlich schon Fertiges, wieder als einen Rohstoff zu behandeln ähnele jener Barbarei des berühmten Untermieterkuchens, der ohne zu backen aus Keksen und einer Schokoladenmasse hergestellt wird und nicht in den Ofen, sondern zur Aushärtung auf die beschneite Fensterbank gestellt wird.

Aber wie auch immer es sich damit verhält – jede Familie hat ihre eigene Vorstellung davon, was als unanständig gelten muss –, alles in allem sind es nur sieben bis acht nach ihrem Teig unterscheidbare Stämme, die sich zur Vielfalt von weit über tausend aktenkundigen Plätzchen erst durch Multiplikation mit ihren möglichen Formen, Aromen, Zusätzen, Füllungen und Überzügen aufschwingen.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Danke für den schönen Artikel

Einfach ein schöner, besinnlicher Artikel. Danke an den Autor.

Ich backe gerne, viel und oft; halte mich an bewährte Rezepte, bin aber in der Formgebung nicht zu genau. Dafür fehlt mir wohl die Feinmotorik und Geduld. Auf die mangelnde Zeit will ich es gar nicht schieben. Dabei blicke ich anerkennend, aber nicht neidisch auf die präzisen und kunstvollen Erzeugnisse mancher anderer Bäcker (im Gegensatz zum Brotbacken scheinen es bei den Plätzchen noch immer wenig Männer zu sein) oder Bäckerinnen und freue mich immer sehr, diese Kunstwerke geschenkt zu bekommen.

Wäre wäre Weihnachten ohne das Teig gewordene Abbild der Persönlichkeit des Bäckers in Auswahl, Ausführung und Darbietung. Damit kann kein Industrieprodukt mithalten: Dort sind Zimtsterne immer perfekt weich, Lebkuchen niemals bröselig und Springerle oben hellweiss mit perfektem Füsschen.