WeihnachtenPhilosophie des Plätzchens
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Das Plätzchen ist kein Demokrat

Die Arithmetik des Plätzchens

geht üblicherweise von acht Stammsubstanzen und sechs Grundformen aus (Hörnchen, Kringel, Kugel, Taler, Herz und Quader) und kommt damit auf eine Kernzahl von 48 Typplätzchen. Multipliziert mit den üblichen Aromen (Vanille, Zimt, Schoko, Zitrone, Orange, Kaffee, Rum, Haselnuss, Mandel, Walnuss, Ingwer, Kardamom), ergibt das 576. Die Zahl lässt sich sofort verdoppeln, wenn man die Wahl zwischen zwei Arten von Zusätzen erlaubt (kandierte Früchte und ganze oder geschrotete Nüsse), und noch einmal verdoppeln durch die Wahl zwischen Schokolade und Zuckerguss als Überzug. Damit stehen wir schon bei 2.304. Die möglichen Füllungen schließlich – Schoko, Vanille, Zitrone, das umstrittene Marzipan und die modische Erdnuss, die klassische Marmelade, die wir hier noch nicht einmal nach Früchten differenzieren – bringen die Zahl der theoretisch denkbaren Plätzchen auf erstaunliche 13.824, in Worten: dreizehntausendachthundertvierundzwanzig. Und dabei haben wir noch nicht einmal das einst berühmte Haschplätzchen in seinen verschiedenen Ausformungen mitgezählt, ganz zu schweigen von dem Öko-Plätzchen mit seinen Karotten-, Fenchel-, Hirse- oder anders abscheulichen Bestandteilen.

Das theoretisch mögliche Plätzchen

wird natürlich niemand backen wollen, eine Haselnussmakrone mit Zitronenfüllung und Schokoladenüberzug wäre schlechterdings ekelerregend, genauso wie sich Blätterteig nicht optimal mit Orangeat verbinden lässt. Aber selbst wenn man sich eine Backmatrix vorstellt, in der manche Kombination ausgeschlossen ist, mit schwarzen Feldern für offensichtliche Barbareien und echte No-Gos (lässt sich nicht backen) – stellt man voll Staunens fest, dass sich die mathematische Vielfalt in der Praxis nicht annähernd niedergeschlagen hat. Die Plätzchenzahl, die das Internet kennt, macht kaum ein Zehntel aus, und selbst diese Zahl verdankt sich vor allem Exzessen der Etikettierung. Die immer gleichen Plätzchen tauchen unter immer neuen Namen auf.

Insofern spricht manches dafür, dass die wirkliche Plätzchenkunde vor allem Namenskunde ist, ein Fall für den Linguisten, nicht für den Confiseur. Es lassen sich ja auch die verdächtigsten Plätzchen am leichtesten sprachlich enttarnen, insbesondere diejenigen, die sich mit dem Vorsatz »Mozart-« schmücken, Mozart-Taler, Mozart-Küsse, Mozart-Kringel. Mozart bedeutet vor allem Nougat, jedenfalls etwas ungerechtfertigt Schweres, geschmacklich übermäßig Robustes und Vulgäres, also im Grunde gerade nicht Mozartisches, sondern eher Wagnerianisches.

Das klassische Plätzchen

hat sich gleichwohl aus der ermüdend wiederholten Serie der immer neu und umgetauften Verwandten herausheben können, es ist der Fürstenstand der bunten Teller. Man kann die Herrschaften lieben oder hassen, aber aus dem Kanon wegzudenken sind sie nicht. Es verhält sich mit Vanillekipferl und Zimtstern, Elisenkuchen und Kokosmakrone wie mit Goethe und Schiller, Thomas Mann und Bertolt Brecht: Sie haben ihre Anhänger und ihre Verächter, aber ob man sie schätzt oder nicht, ist unerheblich.

Sie bleiben in ihrer satanischen Übergröße genauso untilgbar, unvergesslich und unvermeidlich wie der trostlose Spekulatius, der penetrante Pfefferkuchen, die entsetzlichen Schmalznüsse (mit echtem Schweineschmalz) und die durchdringend faden Brandteigderivate. Ist der Zimtstern in seiner unerbittlichen Trockenheit und Penetranz des Aromas oder der Pfefferkuchen in seiner kieferbrechenden Härte nicht ganz wie Brecht, der dem Leser wie dem Leben jeden sanfteren Ton verweigerte und sich ganz in den Dienst einer erbarmungslosen Moral stellte? Und doch braucht man den Zimtstern, weil man sich nun einmal nicht allein von den im Innern verlockend feuchten Makronen ernähren kann.

Das trostlose Plätzchen

gehört zu dem unerlässlichen Bodensatz eines jeden bunten Tellers, es gehört wie die Ofenkartoffel zum Steak, wie das Styropor zum Päckcheninhalt, wie das Grafit zu den Brennstäben in einem Kernreaktor. Das trostlose Plätzchen ist dafür da, die Zunge von den intensiveren und delikateren Eindrücken zu reinigen, man braucht es wie das Wasser zum Wein, wie die langweiligen Gäste neben den glänzenden Unterhaltern einer Party. Ein Fest, auf dem nur die Schönen und die Sprühenden auftreten, ist unerträglich; man braucht auch die stummen Zaungäste, die mit ihrer Langeweile erst den Glanz der anderen wirken lassen.

Das Plätzchen ist kein Demokrat

und schon gar nicht egalitär. Es gibt die Elite (Florentiner, Brabanter, Linzer Plätzchen), und es gibt das Volk (Lebkuchen, Spekulatius, Spritzkuchen ohne Überzug noch Füllung). Die einen sind selten und mühsam herzustellen, die anderen leicht in Serie zu fertigen und im Überfluss vorhanden. Die Welt der Plätzchen ist ungerecht. Es fehlt darum in der Adventszeit nie an den Ermahnungen, nun auch einmal zu den Lebkuchen zu greifen. »Man kann nicht nur Florentiner essen.« Der moralische Appell ähnelt der Aufforderung, sich auch im Überfluss nicht gehen zu lassen und freiwillig Prüfungen anzunehmen. »Das Leben ist nun mal kein Zuckerschlecken.«

Das ist insofern ein interessantes Phänomen, als selbst die weniger attraktiven Plätzchen ja immer noch wesentlich aus Zucker bestehen und jedenfalls keine Grundnahrungsmittel darstellen, an denen man nicht vorbeikommt. Es findet aber offenbar in jeder Gesellschaft, auch in der Gesellschaft der weihnachtlichen Backwaren, eine Differenzierung in hoch und niedrig statt, die moralisch gewichtet wird, und zwar stets nach der ebenso christlichen wie kommunistischen Vermutung, dass die wahren Werte unten, also in diesem Fall bei dem Proletariat der Plätzchen zu finden sind. »Die Letzten werden die Ersten sein.« Und so gelang es mir als Kind mühelos, besondere Anerkennung bei meiner Mutter zu finden, indem ich an den Prasselkuchen seufzend vorbei nach den Spekulatius griff.

Der Verzehr ungeliebter, sozusagen diskriminierter Plätzchen (meine Schwester sprach von »Randgruppenplätzchen«) wurde ungefähr so gewertet wie die Pflege von Leprakranken in Afrika oder der Umgang mit Obdachlosen. Zum vollständigen Äquivalent einer politischen Moral hätte nur gefehlt, dass man sich über das bittere Schicksal dieser Plätzchen empört und ihre Emanzipation gefordert hätte. Und tatsächlich – tatsächlich war mein kindliches Gemüt schon verdorben genug, um meine Hinwendung zu den Verliererplätzchen mit rhetorischen Floskeln der Aufwertung zu begleiten.

Der Plätzchen-Revolutionär

tritt am bunten Teller auf wie alle, die sich der Masse als Führer andienen, um dereinst zu herrschen. Mehr aus Sparsamkeit geboren, aber mit ähnlichem Anspruch auf politische Überlegenheit zeigt sich der egalitäre Zug bei den Plätzchensortimenten, die in Gemeindehäusern, Altenheimen, Jugendherbergen oder Kliniken gereicht werden: Sie bestehen fast nur aus dem Proletariat der Plätzchen. Steigern lässt sich Freudlosigkeit nur noch in Form jener ökologisch-alternativen, der sogenannten grünen Plätzchen, die Hässlichkeit und Ungenießbarkeit unverhüllt als Tugendideal ausstellen.

Aber wie vom Sozialismus noch erinnerlich, haben die politisch korrekten Produkte eine Tendenz, Reaktionen von fataler Dialektik hervorzurufen. Unbeherrschbar wächst bei ihren Konsumenten, den Kranken, Kindern, selbst den grünen Fakiren der Natürlichkeit, eine wilde Gier nach dem extravaganten Plätzchen, nach dem enthemmten, lasterhaften, besonders süßen – die Sehnsucht nach dem schlimmen, dem wirklich schlimmen Plätzchen. Die durch Not verhinderten oder aus moralischer Anmaßung enthaltsamen Plätzchenesser verzehren sich nach dem Verbotenen.

Leserkommentare
  1. Einfach ein schöner, besinnlicher Artikel. Danke an den Autor.

    Ich backe gerne, viel und oft; halte mich an bewährte Rezepte, bin aber in der Formgebung nicht zu genau. Dafür fehlt mir wohl die Feinmotorik und Geduld. Auf die mangelnde Zeit will ich es gar nicht schieben. Dabei blicke ich anerkennend, aber nicht neidisch auf die präzisen und kunstvollen Erzeugnisse mancher anderer Bäcker (im Gegensatz zum Brotbacken scheinen es bei den Plätzchen noch immer wenig Männer zu sein) oder Bäckerinnen und freue mich immer sehr, diese Kunstwerke geschenkt zu bekommen.

    Wäre wäre Weihnachten ohne das Teig gewordene Abbild der Persönlichkeit des Bäckers in Auswahl, Ausführung und Darbietung. Damit kann kein Industrieprodukt mithalten: Dort sind Zimtsterne immer perfekt weich, Lebkuchen niemals bröselig und Springerle oben hellweiss mit perfektem Füsschen.

    • Hagmar
    • 21. Dezember 2012 22:04 Uhr

    Ich bin überzeugt, Herr Jessen hat eine Wette abgeschlossen, ob er es schafft, einen fünfseitigen Artikel über Plätzchen zu schreiben, den auch jemand zu Ende liest.
    Im Ernst, ich fand ihn lang. Aber eigentlich in jedem Abschnitt mindestens eine Satzperle, die zu finden, die Lektüre wert war und die man sich - wie ein wunderbares Plätzchen ganz langsam kauend, im Munde explodieren lässt. Und trotz der fünf Seiten hat Herr Jessen eine ganz wichtige Eigenschaft des Plätzchens vergessen: Seine Tauschbarkeit. Meine Mutter hätte ohne Weiteres jedem seinen Lieblingsbuntenteller machen können, die Vorlieben waren bekannt und änderten sich nur selten. Aber das wäre ja nur das halbe Vergnügen gewesen. Der Peffernussliebhaber (kamen Pfeffernüsse im Artikel überhaupt vor??) musste sich von mindestens zwei Butterplätzchen trennen und wer keine Zimtsterne mochte, war in der überaus glücklichen Lage, meinem Vater im Tausch dafür die begehrten Vanillegipferl abzuluchsen. Die Tauschwährung war von Teller zu Teller verschieden. Ich hatte grosses Glück: Von klein auf war ich das einzige unter 5 Geschwistern, das süchtig nach Anisplätzchen war und weder Zimtsterne noch Königsberger Marzipanherzen (von Muttern gemacht) mochte......

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