WeihnachtenPhilosophie des Plätzchens
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Das Plätzchen ist eine Willensfrage

Der erfüllte Plätzchentraum

ist jedoch nicht in der Nähe jener übersüßen, überprall gefüllten Nougatexzesse zu suchen, die sich nach Mozart nennen. Nougat ist nur die vulgäre Bestätigung des Elends. Es verlangt die Connaisseurs, die in der Entbehrung ihr Gelüst trainierten, gerade nach der Eleganz eines gar nicht so reich gefüllten Brabanters (ein Hauch nur von Konfitüre zwischen seinen seidigen Flanken) oder sogar nach der Zurückhaltung eines idealschlanken, aber gerade richtig vanilleduftenden Kipferls. Sie sind wie Museumsbesucher, die sich niemals ein Gemälde leisten könnten, aber unter dem Niveau Tizians auch mit keinem glücklich wären.

Das Plätzchen ist eine Willensfrage

genauso wie eine der handwerklichen Ausführung. Darum die Lust, ihm immer neue, willkürliche Namen zu geben und mutmaßlich immer solche, die dem Ideal der Zeit entsprechen. Darum die Husarenkrapfen und Husarenzipfel in den Ländern kakanischer Tradition, die diese Waffengattung besonders verehrten. Zu jedem Plätzchen kommt die Rezeption, die je ihrer Zeit verhaftete Lektüre und Aufführungspraxis hinzu. So wie jede Zeit ihren Goethe hat, hat auch jede Hausfrau ihre Vanille- oder Nusskipferl beziehungsweise -hörnchen.

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Es gibt Plätzchenbäckerinnen, die selbst die Haselnussmakrone zu felsenartiger Trockenheit ausdörren – genauso wie solche, die noch dem Sandkuchenteig einen Rest gnädigen Klitsch lassen (schlesisch-mundartlich für das feuchte, nicht gänzlich ausgebackene Innere eines Kuchens). Der Klitsch ist in der Bäckerei, was im Leben der Humor und die Nachsicht sind. Das ist nicht jedem gegeben. Unnachgiebige Mütter backen unnachgiebige Plätzchen. Großzügige Schlampen produzieren großzügig aus der Form gelaufene Haufen. Perfektionisten stellen Kunstwerke her, die mit ihrer Unerbittlichkeit selbst gedankenlose Plätzchenesser einschüchtern. Geistesabwesende Genies bringen nur Andeutungen zuwege.

Und so kommt am Ende jeder in seinem Plätzchen nur sich selbst entgegen. Ein bunter Teller kann ein Spiegelkabinett sein, in dem einen das eigene Antlitz aus lauter Karikaturen angrinst, schmeichlerischen, ernüchternden oder mit einem Charme verlockenden, den außerhalb der Weihnachtsbäckerei niemand an uns kennt. Für manche Plätzchen muss man stark sein, sagten wir. Wahrscheinlich gilt das vor allem für die eigenen – vielleicht aber überhaupt für alle Plätzchen. Wenn man nicht über die Rohheit verfügt, sie gedankenlos wegzufuttern, stellen sie auf der Zunge unser ganzes Leben infrage.

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Leserkommentare
  1. Einfach ein schöner, besinnlicher Artikel. Danke an den Autor.

    Ich backe gerne, viel und oft; halte mich an bewährte Rezepte, bin aber in der Formgebung nicht zu genau. Dafür fehlt mir wohl die Feinmotorik und Geduld. Auf die mangelnde Zeit will ich es gar nicht schieben. Dabei blicke ich anerkennend, aber nicht neidisch auf die präzisen und kunstvollen Erzeugnisse mancher anderer Bäcker (im Gegensatz zum Brotbacken scheinen es bei den Plätzchen noch immer wenig Männer zu sein) oder Bäckerinnen und freue mich immer sehr, diese Kunstwerke geschenkt zu bekommen.

    Wäre wäre Weihnachten ohne das Teig gewordene Abbild der Persönlichkeit des Bäckers in Auswahl, Ausführung und Darbietung. Damit kann kein Industrieprodukt mithalten: Dort sind Zimtsterne immer perfekt weich, Lebkuchen niemals bröselig und Springerle oben hellweiss mit perfektem Füsschen.

    • Hagmar
    • 21. Dezember 2012 22:04 Uhr

    Ich bin überzeugt, Herr Jessen hat eine Wette abgeschlossen, ob er es schafft, einen fünfseitigen Artikel über Plätzchen zu schreiben, den auch jemand zu Ende liest.
    Im Ernst, ich fand ihn lang. Aber eigentlich in jedem Abschnitt mindestens eine Satzperle, die zu finden, die Lektüre wert war und die man sich - wie ein wunderbares Plätzchen ganz langsam kauend, im Munde explodieren lässt. Und trotz der fünf Seiten hat Herr Jessen eine ganz wichtige Eigenschaft des Plätzchens vergessen: Seine Tauschbarkeit. Meine Mutter hätte ohne Weiteres jedem seinen Lieblingsbuntenteller machen können, die Vorlieben waren bekannt und änderten sich nur selten. Aber das wäre ja nur das halbe Vergnügen gewesen. Der Peffernussliebhaber (kamen Pfeffernüsse im Artikel überhaupt vor??) musste sich von mindestens zwei Butterplätzchen trennen und wer keine Zimtsterne mochte, war in der überaus glücklichen Lage, meinem Vater im Tausch dafür die begehrten Vanillegipferl abzuluchsen. Die Tauschwährung war von Teller zu Teller verschieden. Ich hatte grosses Glück: Von klein auf war ich das einzige unter 5 Geschwistern, das süchtig nach Anisplätzchen war und weder Zimtsterne noch Königsberger Marzipanherzen (von Muttern gemacht) mochte......

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