Sängerin Nelly Furtado"Ich trug Jogginghose und kochte Suppe"

Die Sängerin Nelly Furtado brach vor einem Konzert zusammen. Sie sehnte sich nach Normalität. von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Frau Furtado , wann haben Sie gespürt, dass Sie ein Talent für Musik besitzen?

Nelly Furtado:  Schon als kleines Kind war Musik mir heilig. Ich hatte immer Musik im Kopf. Meine Mutter arbeitete früher als Chefin der Zimmermädchen in einem Motel, sie nahm mich oft mit und setzte mich dort in einen Laufstall. Ich hörte die Geräusche der Waschmaschine, des Trockners und der Maschine, die die Betttücher faltete. Für mich klang all das wie Musik, ich machte Lieder daraus. Durch diese Geräusche habe ich ein gutes Gefühl für Rhythmus bekommen.

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ZEITmagazin:  Waren Sie schon immer ein Energiebündel?

Nelly Furtado

34, wurde in Kanada geboren. Sie ist die Tochter portugiesischer Einwanderer, als Teenager arbeitete sie mit ihrer Mutter als Zimmermädchen. Ihre Single I’m Like a Bird machte die Sängerin 2001 weltberühmt, 2002 erhielt sie einen Grammy. Zuletzt erschien ihr Album The Spirit Indestructible, mit dem sie im Frühjahr durch Deutschland tourt.

Furtado: Nicht immer. Mit 17 Jahren wurde ich depressiv, eine Phase, die dauerte, bis ich Anfang zwanzig war. Es ist sehr bedrückend, kreativ sein zu wollen, es aber nicht sein zu können.

ZEITmagazin: Was ging in Ihnen vor in dieser Zeit?

Furtado: Ich schlief den ganzen Tag, wollte mit niemandem reden. Manchmal fiel es mir schwer, überhaupt einen Zugang zur Welt zu finden. In einem Raum voller Menschen fühlte ich mich isoliert, sogar wenn ich mit meiner Familie zusammen war oder mit Freunden. Als ich 22 war, sah es für meine Karriere nicht besonders gut aus. Zwei Jahre später war ich für vier Grammys nominiert.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen  |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: Sind Sie jemand, der sich selbst überfordert?

Furtado: Ja, das ist mir mehr als einmal passiert. 2007 startete ich meine weltweite Get Loose- Tour. Ich trat jeden Abend auf. Vor dem Konzert in Amsterdam war ich ausgebrannt und müde. Zehntausend Fans warteten auf mich. Und ich weinte, weil ich Panik hatte, es nicht zu schaffen. In der Garderobe sagte ich zu meiner Schwester: »Ich schaffe es nicht! Ich schaffe es nicht!« Ich hatte einen richtigen Nervenzusammenbruch.

ZEITmagazin: Aber Sie traten trotzdem auf.

Furtado: Ja, ich ging verheult auf die Bühne. Durch die Scheinwerfer bemerkte es keiner, aber die ersten zwei Lieder sang ich unter Tränen. Dann ging es mir besser, trotzdem war dies eine der beängstigendsten Erfahrungen meines Lebens. Nach der Tour wachte ich eines Morgens auf und fragte mich, ob das alles überhaupt einen Sinn hat. Diese Vernarrtheit der Medien in Prominente, der Glaube, dass jemand, der hübsch angezogen über einen roten Teppich läuft, mehr wert ist als andere. Ich habe langsam realisiert, dass einfach niemand perfekt ist, auch nicht die Menschen, die wir fälschlicherweise anbeten und idealisieren. Wir denken, sie sind perfekt, und wir sind unglaublich enttäuscht, wenn wir herausfinden, dass auch sie abstoßende Seiten haben.

ZEITmagazin: Wie haben Sie Ihr Burn-out überwunden?

Furtado: In den letzten Jahren konnte ich mir selbst weiterhelfen, glücklicherweise stand Gott mir bei. Ich wurde mir bestimmter Verhaltensweisen bewusst und begann, sie zu bekämpfen. Zum Beispiel war ich immer viel zu selbstkritisch. Als Kind war ich pummelig, bis ich mich mit 15 bemühte, etwas abzunehmen. Als junge Frau in diesem Geschäft wirst du ständig nach äußerlichen Kriterien beurteilt, siehst dauernd Fotos von dir, musst in Kleider passen, die dir für Fotoshootings gegeben werden – das ist ziemlich hart, ich kam damit nicht zurecht. Erst seit drei, vier Jahren akzeptiere ich mich wirklich, egal, wie ich auf Fotos aussehe.

ZEITmagazin: Was war Ihre Rettung?

Furtado: Nach dieser Tour kehrte ich nach Hause zurück, knipste den Arbeitsschalter aus und verordnete mir eine Auszeit, um meine Gesundheit wieder aufzubauen. Ich zog mir eine Jogginghose und Flip-Flops an und kochte Hühnersuppe. Meine Tochter war gerade in die Vorschule gekommen, ich wollte einfach nur zu Hause sein und das Leben einer normalen Mutter führen. Bis dahin war ich eher eine Nomadenmutter gewesen und war zusammen mit meiner Mutter und meiner Tochter dauernd herumgereist. So ein Leben ist ziemlich anstrengend. Mit 20 hatte ich begonnen, auf Tour zu gehen, mit 28 machte ich zum ersten Mal Pause – eine ziemlich lange Zeit.

Louis Lewitan

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Der Psychologe und Coach lebt und arbeitet in München

ZEITmagazin: Hilft es, sich auf das Wesentliche zu besinnen, wenn einen das Leben herausfordert?

Furtado: Ja. Das Geheimnis ist, das Leben nicht zu verkomplizieren. Bis vor vier Jahren lebte ich in einem riesigen Haus. Dann zog ich in die kleinste Wohnung, die sich finden ließ. Ich hatte die Balance verloren und spürte, dass ich jeden Bereich meines Lebens vereinfachen und straffen musste, inklusive meiner direkten Umgebung. Ich glaube an die Verbindung zwischen der Welt im Kopf und der, die einen umgibt. Mit meinem Mann und meiner Tochter in ein kleineres Zuhause zu ziehen war wichtig. Diese schlichte Umgebung brauchte ich, um wieder träumen zu können. Ich musste einfach wieder träumen und dafür sorgen, dass die Träume wahr werden.

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Leserkommentare
    • Zack34
    • 15. Dezember 2012 22:00 Uhr

    Eine großartige Musikerin ist mir hierduch näher geworden, die klare Struktur ihrer Gedanken zeugt von einer Selbstreflexion, die ihresgleichen sucht, die letzten zwei Sätze sind ein Gedicht.

    • Spieler
    • 15. Dezember 2012 23:37 Uhr

    Gleichfalls vielen Dank für dieses Interview, und auch das letzte. Dort konnte man auch ein (?) Lied anhören: http://www.zeit.de/kultur...

    Zwei Sachen, ganz unabhängig vom Musikgeschmack, gefallen mir hier:

    Zum einen scheint mir der Mensch nach dem Lesen etwas näher, überhaupt erscheint ein Mensch hinter der Marke "Nelly Furtado". Wenn mancher vielleicht meint, es handele sich dennoch nur um Marketing, dann ist es meiner Ansicht nach zumindest gut gemacht.

    Zum anderen gefällt auch mir der letzte Absatz. Dazu fällt mir dann auch folgendes Zitat, mir unbekannter Quelle ein, ich glaube es kommt von einem Architekten:

    "Gestalte Deine Umgebung. Sie wird Dich gestalten."

    Dann noch etwas abseits vom Thema: Der Zeitung Zeit oder eben zeitonline traue ich immerhin auch noch zu, dass dieses Interview wirklich so statt fand, wie hier geschrieben. Wie hieß noch mal dieser berühmte Journalist (?), der jahrelang Interviews mit Hollywoodstars erfunden und mit Erfolg an große Zeitungen verkauft hat?

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    ... hieß der Journalist.

  1. ... hieß der Journalist.

    Antwort auf "Thoughts"
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    • Spieler
    • 16. Dezember 2012 18:47 Uhr

    Tom Kummer also... das erleichtet mir eventuelle Suchen sehr, daher vielen Dank.

    • Spieler
    • 16. Dezember 2012 18:47 Uhr
    4. Danke!

    Tom Kummer also... das erleichtet mir eventuelle Suchen sehr, daher vielen Dank.

    Antwort auf "Tom Kummer ..."

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