Willemsens JahreszeitenEs wird Winter

War das überhaupt ein Herbst? Unser Kolumnist vermutet: Eher ein gut vermarkteter Spätsommer. Oder ein hochgejazzter Frühwinter. Irre allemal von Roger Willemsen

Jetzt, da manche Tanne ahnt, wie balde die fromme LED-Leuchte über sie kommen und der Christmas-Hip-Hop angestimmt werden wird, jetzt, da über Bethlehem Waffenstillstand herrscht, jetzt, da die Kinderschänder des Herodes die Weihnachtsbotschaft von Xavier Naidoo und Kool Savas vernommen haben: »Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten, und ich zerquetsch euch die Klöten«, jetzt, da der Staatsanwalt von einer Anzeige gegen solch halbstarke Sado-Folklore absieht, weil sie eigentlich total lieb gemeint war, jetzt begreifen wir, dass der direkte Weg zum Weihnachtsfrieden »Ohropax« heißt, und dennoch nehmen wir die unbeantwortete Frage auf, die das Mannheimer Naabtal-Duo auch aufwarf: »Wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?«

Anders gefragt: Wo laufen sie denn? Sie laufen sich warm. Ihr Hippodrom heißt Reichstag, ihr Rennen Wahlkampf, und es geht über die Distanz. Machen Sie Ihre Einsätze auf Totilas Steinbrück, den Millionenhengst, der schon verbraucht wirkt, deshalb jetzt erst mal weniger beim rhetorischen Decken bei Industriellen eingesetzt werden und mehr auf Arbeiterklasse trainieren soll. Denn wie sagt Mitbesitzer Paul Schockemöhle: »Mit Totilas ist alles schiefgelaufen.« Steinbrück wird sich nun mehr ums Vaterland verdient, das heißt, er wird weniger Verdienst machen – wobei dem Mann ja weniger seine Honorare anzulasten wären als vielmehr eine Mentalität, die offenbar alles einsackt, was zu kriegen ist. Nur auf dem Felde der Philanthropie ist er auffällig unauffällig geblieben.

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Aber was waren das auch für Zeiten, in denen Günter Gaus Gerhard Schröder sogar seinen Opernball-Besuch in der Piëch-Loge vorhielt, was Schröder mit seinem Haifisch-Lachen quittierte, worauf Gaus nur insistierte: »Aber das Bild eines Sozialdemokraten im Frack! Aber das Bild...« Ja, diese Zeiten waren quasi kürzlich, als die Sozialdemokratie noch ein wenig sozialer und überzeugender ausfiel. Heute ist der Mann, der ehemals gegen Jürgen »Kinder statt Inder« Rüttgers Wahlkämpfe verlor, unter den rhetorischen Top- und Multiverdienern angekommen. Für den Bürger eine Wähl-and-win-Situation: Im Bundestag gibt es seine Empörung gratis.

Roger Willemsen

57, wurde bekannt als Talkshow-Moderator und als Autor. Zuletzt erschien bei S. Fischer sein Roman Momentum. In seiner Serie "Willemsens Jahreszeiten" blickt er jedes Vierteljahr auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der vergangenen Monate zurück.

Bei der Kanzlerin ist dagegen ungewiss, ob sie sich überhaupt auf ein Rennen einlässt oder die Dressur vorzieht, weil sie schon so viele Pirouetten um sich selbst gedreht hat, dass ihr ganz schwindelig ist, vor allem vor Selbstlob. Diese Regierung sei »die erfolgreichste« seit Erich, dem Hunnenkönig, hat sie neulich gesagt, was ja auch bedeutet: Das Geld ist da, wo es hingehört, die Arbeit ist so entlohnt, wie sie es verdient hat, Krankheit macht sich bezahlt, Gesundheit ist bezahlbar, die Chancen sind gleich, die Ressourcen unerschöpflich, die Energien erneuert.

Auch die Grünen wissen jetzt, welche Pferde sie ins tote Rennen schicken werden, und da ihnen die unangepasste Vergangenheit heute eher peinlich ist, proklamiert die frisch designierte Fachkraft in der Kategorie Spitzenkandidatur Katrin Göring-Eckardt mit kretschmännlicher Inbrunst: »Die Grünen waren immer schon bürgerlich.« Gewiss waren sie auch immer schon grünlich, und deshalb ist heute eine Ausnahmeerscheinung wie Claudia Roth vielleicht schon ein wenig zu unbürgerlich und zu grün für sie.

Dagegen erinnern die neuen Subversiven, die Piraten, eher an die Wanderhure: Sie wandert nicht, sie hurt nicht, man weiß gar nicht, was sie will. Die Piraten wollen Freibeuter sein, doch sie schrecken keinen, sie wollten das Parlament entern, kapern aber niemanden, und der Wind, der ihr Segel bläht, ist ein Shitstorm, gespeist aus den Stoßseufzern der enttäuschten Seelen, die zwischen Displays und Ego-Ansprüchen heimatlos wurden.

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