FotografieDie Spur der Steine

Die Grafikerin Anna Meyer ließ sich Steine aus aller Welt und Fotos von deren Fundorten schicken – und macht daraus ein Bilderrätsel für Menschen mit Fernweh. von 

Die Wiederentdeckung der Entdeckerfreude

Machte einem der Kiesel, den man in fernen Zeiten auf dem Schulweg fand, mehr Freude als das ferne Gebirge, auf das man als Erwachsener kürzlich kletterte?

Als Kind sammelt man Steine, als Erwachsener macht man Fernreisen. Beides hat mit Entdeckerfreude zu tun. Seit man sich auf Google Maps seinen Sehnsuchtsort von allen Seiten anschauen kann, seit man Bewertungen von Unterkunft, Natur und Kultur im Internet nachlesen kann, seit man Wetter und Wassertemperatur jederzeit checken kann, ist die Entdeckerfreude vor Ort allerdings ein bisschen flöten gegangen.

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Anna Meyer, 27, Grafikerin, kennt das Fernweh. Aber was, fragt sie sich in ihrer Abschlussarbeit mit dem Titel Nowhere, passiert eigentlich mit dem Fernweh, wenn wir uns jederzeit online trösten können? Realität, Fiktion, das Ding an sich, Abbild, Authentizität, solche Sachen. Bevor wir uns jetzt in philosophischen Betrachtungen verheddern, wollen wir lieber die Geschichte hinter Meyers Bildern erzählen, die ist nämlich auch interessant.

Meyer, selbst Steinesammlerin seit frühester Erinnerung, wollte die kindliche Entdeckerfreude wiederbeleben und bat Freunde und Freundesfreunde in aller Welt, ihr Steine zu schicken, die sie an dem Ort aufsammeln sollten, wo sie sich just befanden. Möglicherweise braucht ihr zuständiger Postbote jetzt eine Physiotherapie, denn bei Anna Meyer trudelten in den Wochen nach ihrem Aufruf über Tumblr und Facebook über 100 Steine unterschiedlichster Größe und Beschaffenheit ein. Der größte wog, das schwört sie, acht Kilo und kam von ihrem ehemaligen Erdkundelehrer aus Grönland.

Neben den Steinen hatte Meyer noch um ein Foto des Fundortes gebeten. Wobei Fundort nicht ganz so eng gesehen werden sollte, Hauptsache, das Bild gab den Ortseindruck des Finders wieder. Schließlich fotografierte Meyer die eingesendeten Steine, denn so schön authentisch das auch gewesen wäre, in ihre Abschlussarbeit passten sie einfach nicht hinein. Statt Ortsangaben hat Meyer die Koordinaten unter die Fotos geschrieben, die man bei Google Maps eingeben muss, um direkt an die Stelle geführt zu werden, wo der Stein einst lag. Der Betrachter kann sich natürlich auch den Spaß machen und selber rätseln, wo das wohl sein könnte (Auflösung siehe unten). Oder er lässt das Geheimnis einfach Geheimnis sein.

Wenn es, was Anna Meyer hofft, jemals zu einer Ausstellung kommen sollte, dann kann diese durch die Besucher ständig erweitert werden. Jeder dürfte selbst einen Stein und ein Foto mitbringen. Wer jetzt noch kein Fernweh bekommen hat, der bleibt am besten, wo er ist. Christine Meffert

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