Nur in Niedersachsen und Bayern werden noch Studiengebühren erhoben. Und vielleicht nicht mehr lange. In Niedersachsen ist am 20. Januar Landtagswahl; gewinnt die Opposition aus SPD, Grünen und Linken, sollen die Gebühren abgeschafft werden. In Bayern sind im Herbst Landtagswahlen, und auch hier macht sich die Opposition gegen Studiengebühren stark – im Januar will sie Unterschriften für einen Volksentscheid sammeln. Plötzlich kann sich auch die CSU um Ministerpräsident Horst Seehofer vorstellen, die Studiengebühren abzuschaffen. Ist das Thema in Deutschland also bald endgültig erledigt? Eher nicht. Oder wenn, dann nur vorläufig.

In vier bis fünf Jahren werde die Diskussion wieder aufleben, sagt Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Dem schließt sich auch die Wissenschaftsministerin von Niedersachsen, Johanna Wanka (CDU), an: »Ich bin der Meinung, es wird einen zweiten Anlauf geben – und zwar bundesweit.« Denn das Grundproblem bleibt: Die Hochschulen haben zu wenig Geld. Die Zahl der Studenten hat sich in den letzten Jahren stark erhöht, die Finanzierung blieb unverändert. Studiengebühren sind als Einnahmequelle hochwillkommen.

An der Universität Augsburg zum Beispiel werden so pro Semester rund 5 Millionen Euro eingenommen. Das Geld wird für zusätzliche Tutoren und Dozenten ausgegeben, für bessere Laborausrüstung, neue Gebäude und dafür, dass die Bibliothek nicht mehr um 17 Uhr schließt, sondern bis 24 Uhr geöffnet hat. Investitionen, die direkt den Studenten zugutekommen. Studenten und Hochschulen fordern deshalb, dass das Land Bayern diesen Betrag übernimmt, sollte es die Gebühren nicht mehr geben. So jedenfalls geschah es auch in den fünf Bundesländern, in denen Studiengebühren nach einem Regierungswechsel abgeschafft wurden. Allerdings kompensieren die Bundesländer das Geld meist nur für eine bestimmte Zeit. Und sie erhöhen die Summe nicht. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gibt es inzwischen mehr Studenten als zu der Zeit, als die Kompensationssumme eingeführt wurde, der Betrag aber blieb gleich. Und in Hessen kürzte die Regierung nach dem Wegfall der Campusmaut den Grundetat der Hochschulen stark. Von der Kompensation für den Wegfall der Studiengebühren blieb deshalb nur ein Teil übrig.

Die Hochschulen brauchen aber Geld, vor allem wenn Bund und Länder als Folge der Schuldenbremse weiter sparen. Es liegt also nahe, in einigen Jahren wieder einen Teil von den Studenten einzufordern. Horst Hippler spricht von »Studienbeiträgen«. »Gebühren« sei das falsche Wort. »In Deutschland werden in Relation zu den tatsächlichen Kosten nur kleine Beiträge erhoben. Die sind leistbar«, sagt der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Schließlich handele es sich ja gerade einmal um 83 Euro im Monat, rechnet man die 500 Euro pro Semester auf sechs Monate um. Außerdem betont Hippler: »Man kann eine Eigenbeteiligung von den Studenten verlangen, weil die Verdienstchancen später im Job auch höher sind.«

In die Frage, ob Studiengebühren sinnvoll und notwendig sind, mischt sich dabei auch die Frage, ob Studiengebühren gerecht sind. Ja, sagen die Befürworter. »Es geht um gesellschaftliche Gerechtigkeit«, findet etwa die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka. Gebührenbefürworter wie sie und Hippler argumentieren, dass andere für ihre Ausbildung auch zahlen müssen, zum Beispiel der Handwerker, der einen Meister macht. Ohne Studiengebühren würde die Ausbildung der Akademiker komplett von den Steuern der Allgemeinheit finanziert. Überspitzt formuliert: die Krankenschwestern zahlt für den künftigen Chefarzt. Hinzu komme, dass in Deutschland zwar die Schulausbildung frei ist, allerdings für Kindergärten zum Teil erhebliche Gebühren verlangt werden.

Nein, Studiengebühren sind nicht gerecht, sagt die Gegenseite. Bildung müsse kostenlos bleiben – auch und gerade für Studenten. »Der Staat hat nur begrenzt Mittel zur Verfügung, aber Bildung ist eine der Kernaufgaben. Dafür muss Geld bereitgestellt werden, und das geht auch, wenn der politische Wille da ist«, sagt Franziska Traube, Sprecherin der Landes-Asten-Konferenz in Bayern. Studiengebühren seien sozial selektiv. »Es trifft immer die, die wenig haben«, sagt die Studentin der TU München. Kinder aus einkommensschwachen Familien würden so vom Studium abgehalten.

 "Wer von einem Studium profitiert, sollte auch an der Finanzierung beteiligt sein"

Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung konnte dies allerdings nicht bestätigen. Auch die Zahl der Erstsemester deutet darauf hin, dass Studiengebühren nicht abschreckend wirken. In Bayern und Niedersachsen sind von 2009 bis 2011 kontinuierlich mehr Abiturienten an die Hochschulen geströmt, nicht nur im G-8-Jahr. In anderen Bundesländern ohne Studiengebühren, wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen stagniert die Erstsemesterzahl dagegen.

In der Frage, ob Studiengebühren gerecht sind, werden die Meinungen wohl weiterhin auseinandergehen. Jörg Dräger, heute Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung, hat als parteiloser Wissenschaftssenator in Hamburg die Studiengebühren eingeführt. Er nennt sie »das letzte ideologische Kampfthema in der Wissenschaftspolitik«, denn »Studiengebühren abschaffen« passe auf jedes Wahlplakat. »Da wird ein komplexes Problem auf zwei Worte reduziert«, sagt Dräger. Klar, jeder wolle am liebsten alles umsonst. Wichtig sei es deshalb, die Alternative aufzuzeigen. Die Frage dürfe nicht lauten »Studiengebühren – ja oder nein?«, sondern eher: »Was ist fairer: Bis zu 600 Euro pro Monat für die Kita oder 83 Euro für die Uni?«.

Ein weiteres Problem neben der Gerechtigkeitsfrage ist die Umsetzung. Das Thema Studiengebühren sei in Deutschland falsch angegangen worden, sagt etwa der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher. Es brauche einen anderen, nachhaltigen und effizienten Ansatz. »Diejenigen, die von einem Studium profitieren, sollen auch an der Finanzierung beteiligt sein«, betont Schleicher. Ein guter Weg sei das nordische Modell: In Schweden und Finnland etwa ist Bildung vom Kindergarten bis zum Studium kostenlos, dafür zahlt man später für hohe Einkünfte auch sehr hohe Steuern. »Eine so hohe Steuerprogression ist in Deutschland aber nicht denkbar«, sagt Schleicher.

Vorbild könnten dagegen Großbritannien und Australien sein, die ebenfalls einen guten Weg eingeschlagen hätten. Dort werden die Studiengebühren erst nach dem Abschluss gezahlt. Wichtig bei dieser Variante sei, dass die Rückzahlung erst dann beginnt, wenn die Absolventen ein gesichertes Einkommen von einer bestimmten Höhe haben. Dass dies auch in Deutschland funktionieren kann, beweise die private Universität Witten-Herdecke. In seinem Büchlein Die Studiengebühren-Lüge beschreibt der Wirtschaftswissenschaftsprofessor Stefan Winter von der Universität Bochum das Modell, das in Witten-Herdecke gilt: Die Studenten haben die Wahl, entweder sie zahlen sofort oder später. Auch eine Mischform ist möglich. Die Zahlungsmoral der Absolventen sei hervorragend, Rechtsstreitigkeiten kämen faktisch nicht vor, berichtet Winter. Falls die Studiengebühren also wiederkommen, bleibt zu hoffen, dass ein anderes System für sie gefunden wird und dass darüber eine sachliche Diskussion stattfindet. Die Gewinner wären stabil finanzierte Hochschulen – und damit auch die Studenten.

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