Streit um SuhrkampDer Paukenschlag

Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach prozessieren schon lange um die Macht bei Suhrkamp. Durch das Urteil des Berliner Landgerichts droht dem Verlag der Untergang. von 

Als an diesem Montag im Berliner Landgericht das Urteil im Rechtsstreit zwischen Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach verlesen wurde, rieben sich auch Kenner der Suhrkamp-Materie die Augen: So viele Prozesse dieser Art hatte es in den vergangenen Jahren seit dem Tod von Siegfried Unseld 2002 gegeben, und immer gingen sie aus wie das Hornberger Schießen: Danach lief alles weiter wie zuvor, nämlich neue Klagen der Gesellschafter, neue gegenseitige Attacken in Interviews und gleichzeitig, eigentlich ein Wunder, weiterhin neue, tolle Bücher. Dieses Urteil war nun tatsächlich ein Paukenschlag, eine Zäsur, die das Ende von Ulla Berkéwicz als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags einläutet.

Hans Barlachs Medienholding Winterthur hält 39 Prozent am Suhrkamp Verlag. Seit Jahren versucht er, seine Rechte als Minderheitsgesellschafter geltend zu machen. Seit Jahren möchte er in wichtigen Fragen des Unternehmens gehört werden. Seit Jahren dringt er auf die Absetzung der Geschäftsführung. Jetzt hat ihm das Landgericht Berlin recht gegeben. Es ist ein Paukenschlag, der alle erzittern lässt, denen das Schicksal des Suhrkamp Verlags am Herzen liegt. Wie immer man über die menschlichen Qualitäten von Ulla Berkéwicz denken mag, wie lang die Liste der Mitarbeiter auch ist, die unter ihrer Ägide gegangen worden sind, wie viele Mitgesellschafter sie juristisch auch in die Ohnmacht zu treiben versucht hat, als Verlegerin verantwortet sie nach wie vor ein glanzvolles und in der deutschen Verlagslandschaft einzigartiges Programm. Niemand kann wollen, dass das in Gefahr gerät.

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Die Suhrkamp-Autoren

Theodor W. Adorno, Giorgio Agamben, Isabel Allende, Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett, Louis Begley, Walter Benjamin, Thomas Bernhard, Pierre Bourdieu, Bertolt Brecht, Paul Celan, Jacques Derrida, T. S. Eliot, Hans Magnus Enzensberger, Michel Foucault, Max Frisch, Jürgen Habermas, Peter Handke, Hermann Hesse, Uwe Johnson, Wolfgang Koeppen, Siegfried Kracauer, Hermann Lenz, Claude Lévi-Strauss, Niklas Luhmann, Cees Nooteboom, Amos Oz, Peter Sloterdijk, Gertrude Stein, Martin Walser, Christa Wolf

Beim Suhrkamp Verlag war man über das Urteil »ebenso schockiert wie überrascht«. Damit hatte man nicht gerechnet. Das aber ist ein bisschen verwunderlich. Ulla Berkéwicz hat ihre Mitgesellschafter nie als Ansprechpartner akzeptiert. Sie hat versucht, sie von möglichst allen Entscheidungen des Verlags fernzuhalten. Weil sie in Personalunion Mehrheitsgesellschafterin (über die Unseld-Familienstiftung, die 61 Prozent am Verlag hält) und Geschäftsführerin war, konnte sie ihre Macht voll ausspielen. Auch gegen den Geist des Gesellschaftervertrags. Und gegen den Geist des Gesellschaftsrechts insgesamt, das einem 39-prozentigen Minderheitsgesellschafter selbstverständlich eine erhebliche Mitsprache über die Geschicke des gemeinsamen Unternehmens einräumt.

Als Privatperson hatte sich Ulla Berkéwicz zusammen mit ihrem Bruder eine Villa in Berlins großbürgerlichster Lage, am Nikolassee, gekauft, deren einschüchternde Pracht und Herrlichkeit jeden Besucher den Atem anhalten lässt. Als Geschäftsführerin mietete sie sodann gleichsam von sich selbst Teile der Villa für den Verlag, um in diesen Räumen Schriftsteller und Gäste des Verlags zu empfangen. Es war der durchaus sinnvolle und überdies erfolgreiche Versuch, den Verlag nach dem Umzug in seinem neuen Berliner Umfeld gesellschaftlich zu verankern: der Suhrkamp-Salon.

Gewiss hatte seinerzeit auch Siegfried Unseld in der Nutzung und Abrechnung seiner Frankfurter Villa in der Klettenbergstraße nicht kleinlich zwischen privat und geschäftlich unterschieden, aber zwischen Siegfried Unseld und der Schweizer Unternehmerfamilie Reinhart (deren Nachfolger die Medienholding Winterthur ist) herrschte eben ein Vertrauensverhältnis. Hans Barlach wurde, anders als es der Gesellschaftsvertrag vorsieht, zu dieser Anmietung nicht gefragt. Daraufhin klagte er und bekam nun recht. Auch dass erhebliche Teile der Ausstattung der Villa dem Suhrkamp Verlag in Rechnung gestellt wurden, hat das Gericht moniert. Ein Geschäftsführer müsse – und das ist der inhaltlich entscheidende Gedanke des Urteils – die Interessen aller Gesellschafter vertreten.

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