SuhrkampDer Leser zählt

Es darf nicht sein, dass ein großer Verlag durch den Hass seiner Eigentümer vor die Hunde geht. von 

Der Suhrkamp Verlag war so etwas wie die hochkulturelle Reedukation der frühen Bundesrepublik. Sein Verleger Siegfried Unseld versammelte die wichtigsten Schriftsteller des Landes um sich, versorgte die theoriesüchtige Studentenbewegung mit Denkstoff und holte die internationale Moderne nach Deutschland: die erhabene Gralsburg aufgeklärter Intellektualität. Doch nach seinem Tod 2002 kam der Verlag vor allem durch die Rechtsstreitigkeiten zwischen Unselds Witwe Ulla Berkéwicz und ihren Minderheitsgesellschaftern ins Gerede. Es war nicht leicht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Jetzt hat das Berliner Landgericht ein Urteil gesprochen, das in seinen Konsequenzen wenig Raum für abwiegelnde Interpretationen lässt: Ulla Unseld-Berkéwicz wird als Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Außerdem muss sie zusammen mit ihren beiden Mitgeschäftsführern knapp 300000 Euro Schadensersatz an den Verlag zahlen. Der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach (39 Prozent) hat damit recht bekommen und wird nun in der Neuordnung des Verlages erstmals entscheidend mitsprechen.

Nach Siegfried Unselds Tod haben Schriftsteller von Daniel Kehlmann bis zu Martin Walser, von Imre Kertész bis zu Adolf Muschg dem Verlag in verzweifeltem Zorn den Rücken gekehrt. Sie sahen in Ulla Berkéwicz nicht die geeignete Verlegerin für diesen einzigartigen Verlag. Über die Unseld-Familienstiftung gehören Ulla Berkéwicz 61 Prozent. Sie hat sie dazu genutzt, sich selbst als Geschäftsführerin einzusetzen, zugleich hat sie eine stolze Reihe hoch angesehener Verlagsmitarbeiter vor die Tür geworfen.

Anzeige

Es ist das gute Recht, einen Verlag, der einem gehört, auch selbst zu leiten. Jeder darf über sein Eigentum verfügen. Allerdings gehört der Suhrkamp Verlag nicht Ulla Berkéwicz allein. Also muss sie sich mit den Mitgesellschaftern ins Benehmen setzen. Das aber hat nie geklappt. Ein Mitgesellschafter nach dem anderen kämpfte zuerst um etwas Mitsprache, schrie dann seine wütende Verzweiflung in die Öffentlichkeit und schmiss zuletzt das Handtuch.

2006 gab der Schweizer Unternehmer Andreas Reinhart entnervt auf und verkaufte seine Anteile an den Hamburger Kaufmann Hans Barlach. 2008 trennte sich Joachim Unseld von seinen Anteilen. Dass der vom Vater verstoßene Sohn nicht mit seiner Stiefmutter konnte, die an seiner statt das väterliche Erbe antrat, konnte man noch familienpsychologisch erklären. Übrig blieb mit 39 Prozent Hans Barlach. Gemeinsam beschloss man den Umzug des Verlags von Frankfurt nach Berlin. Danach kommunizierten die beiden Eigentümer nur noch über Anwälte und Gerichte miteinander.

Berkéwicz hatte zusammen mit ihrem Bruder eine prachtvolle Villa in Berlin-Nikolassee gekauft und Teile davon, als repräsentativen Kultursalon, an den Suhrkamp Verlag vermietet. Sie unterschrieb den Mietvertrag gewissermaßen auf beiden Seiten. Darin sah das Gericht eine unzulässige Vermischung von Privatem und Geschäftlichem. Ulla Berkéwicz hat den Suhrkamp Verlag geführt, als würde er ihr allein gehören. Diesem Autokratismus hat nun ein Gericht seine gesellschaftsrechtlichen Grenzen aufgezeigt. Man schwurbelt in diesem Fall ja immer ziemlich schnell von der Kultur, um die allein es gehen dürfe. Aber auch das Gesellschaftsrecht ist Teil unserer Zivilisation.

Die Leser hingegen haben das Recht, sich nur für die Bücher, nicht für die Hierarchien dahinter zu interessieren. Was bedeutet also das Urteil für jene Inhalte, mit denen Suhrkamp noch immer das geistige Leben des Landes prägt?

So viele erfahrene Köpfe Berkéwicz über die Jahre vor die Tür gesetzt hat, so viele brillante junge Geister hat sie an deren Stelle gesetzt. Dieser sehr jungen Mannschaft ist es gelungen, die Lücken, die der Abgang großer Namen gerissen hatte, zu schließen: nicht mit arrivierten Namen, aber mit Autoren, die das Potenzial haben, die Suhrkamp-Tradition fortzuführen. So ist der Verlag etwas, das man heute nicht unbedingt sofort zusammendenkt: jung und intellektuell.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Suhrkamp | Verlag | Nachfolge
    Service