Hans Magnus Enzensberger"Ich würde keine Minute bei Suhrkamp bleiben"

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Suhrkamp-Autor der ersten Stunde, im Gespräch über die heikle Situation des Verlags. von 

DIE ZEIT : Herr Enzensberger , Ihre Verlegerin Ulla Berkéwicz unterlag am Montag vor dem Landgericht Berlin gegen ihren Mitgesellschafter Hans Barlach . Ein dramatisches Urteil: Sie muss die Geschäftsführung räumen . Zudem sollen 282.500 Euro Schadensersatz an den eigenen Verlag gezahlt werden, da im Haus der Verlegerin Privates und Geschäftliches unzulässig vermischt worden sein soll. Wie beurteilen Sie das Urteil?

Hans Magnus Enzensberger: Das ist nicht das Ende des Verfahrens, es wird Berufung eingelegt werden. So lange bleibt die Geschäftsführung in den Händen von Frau Berkéwicz. Das kann Jahre dauern. Aber ich bin kein Jurist. Das ist nicht das, worauf es mir ankommt.

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ZEIT: Worauf kommt es Ihnen denn an?

Enzensberger: Der Kläger Barlach hat, ebenso wie das Gericht, eine Kleinigkeit vergessen. Von den Autoren war nie die Rede. Wie sich der Kläger einen Verlag ohne Schriftsteller vorstellt, bleibt sein Geheimnis. Barlach sagt doch, es sei seiner Ansicht nach viel günstiger, wenn gar keine neuen Bücher mehr produziert werden, sondern nur noch die Backlist ausgewertet wird. Das ist eine bemerkenswerte Äußerung für einen Menschen, der Verleger sein möchte.

ZEIT: Das behauptet jedenfalls der Suhrkamp-Anwalt Peter Raue über Barlach. Der hingegen sagte gerade dem Focus: »Ich habe große Lust, diesen Verlag zu führen.« Und: »Ich kann es. Jedenfalls besser als die gegenwärtige Verlagsspitze.«

Enzensberger: Er möchte die vorhandenen Copyrights ausschlachten. Da werden die Autoren nicht mitmachen. Weder die existierenden Verträge noch die Rechtsprechung lassen das zu. Herr Barlach scheint das nicht zu wissen.

ZEIT: Sie unterstellen ihm Kunstferne?

Enzensberger: Er hat sich noch nie programmatisch über den Verlag geäußert. Davon versteht er nichts. Übernähme er die Geschäftsführung, so würde ich keine Minute bei Suhrkamp bleiben. Und da bin ich weiß Gott nicht der Einzige. Wer wollte sich auf eine solche Luftnummer einlassen?

ZEIT: Es ist nicht das erste Mal, dass es Konflikte zwischen Ulla Berkéwicz und anderen Gesellschaftern gibt – der langjährige Schweizer Gesellschafter Andreas Reinhart verkaufte seine Anteile, und es kam zum Zerwürfnis mit Joachim Unseld , dem Sohn des einstigen Verlegers Siegfried Unseld , der Ulla Berkéwicz geheiratet hatte. Woher rührt dieser ewige Streit im Hause Suhrkamp ?

Enzensberger: Weil es immer Leute gibt, die mit dem Gedanken spielen, die Macht zu ergreifen. Im Gegensatz zu Herrn Barlach muss man Joachim Unseld allerdings zugutehalten, dass er weiß, was ein Verlag ist. Das hat er bewiesen.

ZEIT: Nun sind Barlachs Vorwürfe sehr konkret: Er wirft der Gegenpartei die Veruntreuung von Geldern vor, er beklagt geschäftsschädigendes Verhalten und Missmanagement .

Enzensberger: Das kann ich nicht beurteilen. Dafür müsste man die Akten studieren und sich mit Mietverhältnissen und Heizungskosten befassen. Dazu fehlen mir Zeit und Lust. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Was ich mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass Ulla Berkéwicz mit Autoren umgehen kann und dass sie ein Programm auf die Beine gestellt hat, das sich sehen lassen kann. Sie hat den Verlag der Weltreligionen gegründet, neue Schriftsteller gewonnen, eine neue Wissenschaftsreihe und eine neue Filmedition herausgebracht. Und das ist noch lange nicht alles.

Leserkommentare
  1. Hans Magnus Enzensberger, welche Souveränität, die Barlach als Geld Briefträger Enttarnt.

    Mehr muß man sich nicht um Barlach kümmern.

    2 Leserempfehlungen
  2. .

    Danke.

  3. Die Dame ist unfähig und wird diesen " Frankfurter Verlag" in den Ruin führen.

  4. Würde sich im Grabe umdrehen, was hier mit seinem Lebenswerk passiert....diese Dame kommt mit niemanden klar, insbesondere auch deshalb, weil Sie keine Ahnung hat....

    Eine Leserempfehlung
  5. Ulla Berkéwicz, Unseld-Witwe und Geschäftsführerin des Suhrkamp-Verlags , derzeit a.D., kauft sich im Grunewald eine Villa und vermietet sie zu einem stolzen Preis - 6.000 p.m - an den von ihr geleiteten Suhrkamp-Verlag. Unseld würde sich im Grab umdrehen, und Suhrkamp-Autor Bertolt Brecht hätte an dieser Konstellation seinen Spass gehabt.
    Ja, so sind die Zeiten: Erst kommt das Fressen und dann die Moral.

    3 Leserempfehlungen
  6. 8. Sorry,

    aber Herr Enzensberger, sollte sich zu dem äußern was er kann, aber mit Sicherheit nicht über die Führung eines Verlages....ihm fehlt einfach der Durchblick....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    zu den betriebswirtschaftlichen banalitäten hat er sich doch gar nicht geäußert. und dass ihm als autor eine literaturverständige verlagsführung lieber ist als ein tv-heftchen-produzent, lässt sich doch einigermaßen nachvollziehen.

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