Zerstört: Das Dar Al-Shifa-Krankenhaus im Norden Aleppos, 2. Dezember 2012 © Javier Manzano/AFP/Getty Images

Was tun für Syrien ? Tatsächlich haben wir es dabei mit drei unterschiedlichen Fragen zu tun.

Ist noch Zeit für eine Intervention? Die Antwort lautet ja. Mit Zorn im Herzen, ja. Mit Bitterkeit angesichts der mehr als 40.000 Toten, die in diesem Fall umsonst gestorben wären – immer noch ja.

Denn wie kann man die Augen davor verschließen: Wenn die Antwort ein Nein wäre, wenn wir im Nichtstun verharren würden, wenn die Nato -Flugzeuge am Boden festgeklebt blieben, wenn die in Jordanien stationierten französischen und amerikanischen Spezialkräfte weiterhin Gewehr bei Fuß darauf warteten, dass die "rote Linie", der Einsatz von Chemiewaffen , überschritten würde und aus den 40.000 Opfern 50.000, 60.000 Tote würden – wer weiß, wo das Blutbad, die Spirale des Schreckens, der blutige Strudel des Todes, dann noch gestoppt werden könnte?

Und wie kann man übersehen, dass es sich schon lange nicht mehr darum handelt, ob Assads Macht zu stützen ist oder er zum Rücktritt gedrängt werden muss? Er wird ohnehin gehen, eines Tages wird er verschwinden. Mit anderen Worten: Die Debatte zielt nur noch darauf ab, ob er dank oder trotz uns gehen wird, ob mit unserer Zustimmung oder gegen unseren Willen – die Debatte dreht sich also allein darum, ob der unausweichliche Sieg der Rebellen auch ein wenig unser Sieg sein wird oder nicht.

Das erste Szenario entspricht dem libyschen, und nur hier haben wir eine wenn auch winzige Chance, den politischen Kampf nach dem Sturz der Diktatur zu beeinflussen. Das zweite Szenario wäre furchtbar, denn wenn es so weit ist, würden sich Extremisten und Demokraten, religiöse Fanatiker und gemäßigte Muslime gegenüberstehen – und wie bereits jetzt abzusehen, wären Erstere im Vorteil. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Was kann getan werden? Darauf habe ich schon mehrfach hingewiesen. Unter vier Augen habe ich es den französischen und amerikanischen Verantwortlichen gesagt, die bereit waren, mich anzuhören. Das Hauptproblem sind die Flugzeuge. Natürlich nicht sie allein. In Damaskus etwa beschießen Panzer die Obstgärten von Daraja und die Häuser von Al-Muadamija. Und da sind auch noch die Arsenale an Spezialwaffen, von denen der Westen zu Recht oder zu Unrecht argwöhnt, das Regime wolle sie benutzen, eine wirklich verstörende Aussicht. Aber beginnen wir mit den Flugzeugen. Stellen wir sicher, dass nicht eine einzige Maschine mehr Aleppo , Homs, Maaret al-Noomane oder die Grenzstadt Ras al-Ain überfliegen kann.

Dafür gibt es zwei Strategien: eine von den Nato-Flugzeugen auf den türkischen Stützpunkten durchgesetzte Flugverbotszone, sehr viel leichter zu bewerkstelligen als in Libyen , wo man uns schon vor der Intervention mit der angeblich unschlagbaren Luftabwehr Muammar al-Gaddafis in den Ohren lag. Oder aber wir liefern den Rebellen die Waffen, damit sie sich die 25 militärischen und zivilen Flughäfen, von denen die todbringenden Maschinen aufsteigen, zurückholen – so wie sie es im September in Al-Bukamal in der Provinz Deir al-Sur getan haben und wie sie es in Menegh im Norden gerade tun.

Ich weiß, dass diese beiden Optionen in den Generalstäben geprüft werden. Es fehlt das grüne Licht der Politik. Anders gesagt, in diesem Flugzeug fehlt der Pilot. Wird er Amerikaner sein? Türke? Franzose? Wer weiß?

Es spricht nichts mehr dagegen, dass wir das russische Veto unterlaufen

Schließlich: Wie verhält man sich zum chinesischen und vor allem zum russischen Veto ? Antwort: Indem man so vorgeht wie die Amerikaner im Irak , also ein Hindernis ignoriert, das im Lauf der Zeit zu einer makabren Farce mutiert ist – der Präzedenzfall ist kein Ruhmesblatt, beweist aber zumindest, dass dieser Weg gangbar ist und dass das Argument des russischen Vetos nicht mehr als eine faule Ausrede ist. Indem man dem Beispiel Kosovo folgt – dieser Krieg war gerecht und daher richtungweisend. Oder indem man bereit ist, wie Sarkozy im Fall Libyen zu handeln, nachdem er den Nationalen Übergangsrat als einzig legitimen Vertreter des neuen Libyen anerkannt hatte .

"Ich hoffe auf den Segen der Vereinten Nationen", hatte er in seinem Arbeitszimmer in meinem Beisein zu drei verblüfften Vertretern des Übergangsrates gesagt, "sollte er mir aber verweigert werden, so würden die humanitäre Dringlichkeit wie die jetzt von Ihnen verkörperte Legitimität mich bevollmächtigen, das internationale Ad-hoc-Bündnis zu schmieden, um den heiligen Imperativ, die Rettung eines Volkes, gegen den pedantischen Respekt vor einem verrückt gewordenen internationalen Recht durchzusetzen".

An genau diesem Punkt stehen wir in Syrien; seit die Franzosen, dann die Briten und Amerikaner und später auch die Arabische Liga das Oppositionsbündnis als einzigen Repräsentanten eines abgeschlachteten Volkes anerkannt haben, spricht nichts mehr dagegen, dass wir das russische Veto unterlaufen, ein Veto, das die Geschichte zweifelsohne verurteilen wird.

Auch die Russen haben Freunde, die ihnen die Absurdität eines Starrsinns aufzeigen, der sie isolieren wird. Putin wird nicht für Tartus sterben, den Marinestützpunkt, den die Syrer ihm zur Verfügung stellen. Und Assad ist nicht Gaddafi. Hoffen wir, dass Hollande , Cameron , Obama das einsehen, die Konsequenzen ziehen und durch die Rettung der syrischen Überlebenden auch die Ehre retten.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke