Thomas BataDer Schuhkönig von Möhlin

Thomas Bata bescherte der Welt Billigschuhe und die Rechenschieber-Diktatur. Planen ließ er sein Imperium in der Schweiz. von Daniel Di Falco

Sonja und Thomas Bata in Zlín 1989

Sonja und Thomas Bata in Zlín 1989  |  CC BY-SA 3.0 BataLTD

Er war der Messias aus Mähren, und er war inkognito unterwegs. Wahrscheinlich weiß man darum nicht mehr genau, an welchem Tag Thomas Bata zum ersten Mal im aargauischen Fricktal erschienen ist. 1930 war es jedenfalls, die Weltwirtschaftskrise lag bleischwer auf dem Land. Vielleicht noch schwerer auf dieser Gegend, die längst ausgezehrt war; in der Not des 19. Jahrhunderts war den Behörden nichts anderes eingefallen, als die verelendete Bevölkerung zur Auswanderung anzuhalten. Es gab hier riesige Wälder und Weiden, ungeteerte Straßen und strohgedeckte Dächer. Aber keine Arbeit.

Der Erlöser allerdings, der im Auto durch die weite, flache Landschaft fuhr, sah Reichtum. Das viele billige Bauland. Die vielen billigen Arbeitskräfte. So hatte es früher auch in seiner Heimat ausgesehen, rund um ein tschechisches Städtchen namens Zlin. Den Leuten dort hat Thomas Bata das Ende der Armut prophezeit, sofern sie in seiner Schuhfabrik arbeiten würden. Und mittlerweile ist aus dem Nest am Fuß der Weißen Karpaten die modernste Metropole Europas geworden: die erste funktionalistische Stadt der Welt, gebaut aus normierten Kuben, bevölkert von 30.000 Menschen. Zehnmal weniger sind es gewesen, bevor Bata hier sein erstes Werk eröffnete.

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»Die mir gestellte Aufgabe war nicht, einen Betrieb aufzubauen«, verkündet er später, »sondern die Menschen zu formen.« Tatsächlich ist dieses Zlin längst keine Stadt mehr, sondern eine einzige Firma. Ihr gehören Wohnsiedlungen, Lebensmittelläden, Schulen, Krankenhäuser, Stromversorgung, zwei Zeitungen und eine Radiostation, welche die Stadt über Straßenlautsprecher beschallt. Alkohol ist verboten, Disziplin alles; die Arbeitszeiten in der Fabrik bestimmen den Rhythmus des öffentlichen Lebens. Nur konsequent, dass sich der Fabrikant zum Bürgermeister wählen lässt.

Der sowjetische Autor Ilja Ehrenburg nennt ihn 1931 einen »Stiefelmussolini«. Thomas Bata, Sohn eines armen Schusters, nennt sich selbst einen Menschenfreund. »Die Hälfte aller Erdbewohner geht barfuß. Daraus sehen wir am besten, was für eine Arbeit uns noch bevorsteht«, sagt er im Radio. Sein Geschäft versteht er als soziale Mission: »Jeder Geschäftsmann kämpft um die Möglichkeit, den Menschen zu dienen.« Mit der großen Krise ab 1929 stößt er allerdings an Grenzen – die Nationen schotten ihre Märkte ab. Darum exportiert er nun statt seinen Schuhen seine Fabriken: Standardisierte Produktionssysteme nach dem Modell von Zlin sollen die ausländischen Märkte direkt versorgen.

Ist Henry Ford der Autokönig der Welt, so ist Thomas Bata ihr Schuhkönig. Der eine will die Menschheit motorisieren, der andere will sie beschuhen. Doch ihre Methode ist dieselbe: Industrie statt Handwerk, die Billigproduktion in Masse und Serie, rationalisiert nach allen Regeln wissenschaftlicher Betriebsführung.

80 Fabrikstädte baut Thomas Bata, von Frankreich über Ägypten bis Indien – eine auch in der Schweiz. Und weil er in strukturschwachen Gegenden am ehesten freie Hand hat, steigt der Fabrikant nicht im Schweizer Mittelland aus dem Auto, sondern im Hinterland, in der Nähe von Basel.

In Rheinfelden kann man sich nicht anfreunden mit dem Gedanken an rauchende Schlote. Dafür ist der Gemeindeschreiber im benachbarten Möhlin umso hoffnungsvoller, als er dem Fremden 24 Hektar Land etwas außerhalb des Bauerndorfs zeigen kann. Im September 1931 wird der Vertrag unterschrieben, elf Monate später werden schon die ersten Schuhe produziert.

Bis in die zwanziger Jahre sind Schuhe so teuer, dass sie ein halbes Leben halten müssen; man geht barfuß, um sie zu schonen, und manche Familie teilt sich dasselbe Paar Stiefel. Die Revolution beginnt in den zwanziger Jahren. Bata macht die Schuhe zu dem, was sie heute sind: ein Verbrauchsgegenstand, ein Modeartikel, kompatibel mit der Logik der Konsumgesellschaft. In dieser sind die Dinge keine Investitionen mehr, nein, sie müssen günstig sein. Denn was heute eine Neuheit, ist morgen ein Auslaufmodell.

In anderen Ländern heißen Batas Kolonien Batovany, Batawa, Bataville, Batanagar; Möhlin dagegen bleibt Möhlin, eine Bonsaiversion von Zlin mit sieben Fabrikbauten und zwei Dutzend Wohnhäuschen. Dennoch hat die Schweiz beim Aufbau von Batas Imperium eine besondere Rolle. Das zeigt der junge Luzerner Kulturwissenschaftler Tobias Ehrenbold in seinem flott geschriebenen und prächtig illustrierten Buch Bata: Schuhe für die Welt, Geschichten aus der Schweiz. Er rollt darin die wenig bekannte Schweizer Geschichte des Unternehmens auf. Tatsächlich wird Batas globale Expansionsstrategie hierzulande entworfen und organisiert. Genauer: an der Rämistraße in Zürich, wo Georg Wettstein seine Kanzlei hat, einer der gefragtesten Wirtschaftsanwälte Europas.

Bata folgt Wettsteins Plan und errichtet ab 1929 Aktiengesellschaften am laufenden Meter. So kommt er überall, wo er Schuhe verkaufen will, zu vollberechtigten Vertretungen mit einheimischen Partnern. Wettstein übernimmt die juristische Koordination, und als die Bata Schuh AG als Schweizer Ländergesellschaft gegründet wird, stellt er seine Zürcher Kanzlei als Firmensitz zur Verfügung und sich selbst als Verwaltungsrat.

Wettstein verhandelt den Landkauf im Fricktal, und er konstruiert auch das Fundament für alle ausländischen Bata-Fabriken: Eine Holding namens Leader AG finanziert die Ländergesellschaften. Den Sitz hat sie in Wettsteins St. Moritzer Villa. Später richtet er eine Stiftung ein, die das Vermögen der Holding während des Zweiten Weltkriegs bunkert. Gekrönt wird Batas »Swiss Connection« 1946, als sein Sohn die Tochter des Schweizer Anwalts heiratet.

Heute ist Sonja Bata, geborene Wettstein, 86 Jahre alt. Zusammen mit ihrem Sohn leitet sie den Konzern. Der Sohn heißt Thomas, wie schon sein Großvater und sein Vater. Und die Firma mit der Schweizer Holding ist noch immer der größte Schuhhersteller auf dem Globus.

Aber das ist nur ein Teil der Liaison zwischen dem tschechischen Schuhkönig und den Eidgenossen. Historiker Ehrenbold bündelt in seinem Buch die Fäden dieser Beziehungsgeschichte in einem Dutzend Porträts. Da gibt es Herbert Leupin, den berühmten Basler Werbegrafiker, der Bata mit seinen Plakaten ein populäres, ein helvetisches Gesicht gibt. Oder Le Corbusier, den weltberühmten Architekten aus La Chaux-de-Fonds mit seiner Schwäche für totalitäre Ideen, der in Zlin seinen Traum vom neuen Menschen verwirklicht sieht und von Batas »väterlicher Patriarchenliebe« schwärmt, von einem »Unternehmen voll menschlichen Glücks, ohne Lücken, ohne Reibereien, ohne Klüfte, ohne Heuchelei«. Er kann Bata zwar nicht von seinen konkreten Projekten überzeugen, wohl aber von seinen städtebaulichen Prinzipien. Und dann ist da noch ein Solothurner Industrieller namens Iwan Bally. Der mächtigste Schuster im Land beneidet Bata insgeheim um seine Rationalisierungserfolge und organisiert mit seinen Branchenverbänden einen Wirtschaftskrieg gegen den Konkurrenten, der an jenen der Krämer gegen Gottlieb Duttweilers Migros erinnert. Am Ende ist der Kampf aber ebenso vergeblich.

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