Tuvia Tenenbom in Ostdeutschland"Sie setzen schneller ihre Maske ab"

Wie Tenenbom auf seiner Deutschland-Tour die Ossis lieben lernte. Und warum er Verständnis hat für viele DDR-Nostalgiker. Ein Gespräch. von Anne Hähnig

DIE ZEIT: Herr Tenenbom , in Ihrem Buch Allein unter Deutschen beschreiben Sie eine Reise durch diese Republik. Ostdeutschland wirkt auf Sie wie eine ganz eigene Welt. Was wollen Sie damit sagen?

Tuvia Tenenbom: Die Deutschen haben zwei verschiedene Vergangenheiten, und das spürt man. Ostdeutschland ist besonders.

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ZEIT: Woran haben Sie das gemerkt?

Tenenbom: Ich habe Menschen getroffen und sie gefragt, wie es ihnen geht. Ganz viele sagten mir: Früher, in der DDR, sei alles besser gewesen, weil jeder Arbeit gehabt habe.

ZEIT: Eine ziemlich einfache, verklärende Sicht auf die Vergangenheit. Wo kommt so viel Wehmut her?

Tenenbom: Ostdeutschland hatte es schwer, das wird gern vergessen. Die Region ist zwar nicht die einzige, die einen Systemwechsel verkraften musste, aber der Umsturz kam hier besonders schnell, besonders abrupt. Die Menschen erzählten mir zum Beispiel, dass sie sich früher tatsächlich sehnlichst Bananen wünschten. Dann gab es plötzlich welche – aber die Welt war immer noch ziemlich leer. So ein Umsturz braucht Zeit. Die Westdeutschen hatten diese Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie bekamen einige Jahre, um die Gesellschaft, den Staat neu aufzubauen. Die Ostdeutschen nicht.

ZEIT: Aber erklärt das die Nostalgie?

Tenenbom: Das erklärt die Enttäuschung. Viele Ostdeutsche sagten mir: »Wir sind diejenigen, die die Mauer zum Einsturz brachten. Unseretwegen ist dieses Land wieder eins. Und schauen Sie sich uns nun an! Wir haben nichts.« – Ich verstehe das. Demokratie ist nicht einfach, sie kann grausam sein, weil der Staat sich nicht so intensiv um seine Bürger kümmert, wie die DDR es getan hat.

ZEIT: Es gibt auch genügend Menschen, die sich die DDR nicht zurückwünschen, die sich nicht einmal als Ostdeutsche identifizieren.

Tenenbom: Die gibt es bestimmt, aber ich habe sie auf meiner Reise nicht getroffen. Je länger ich mit den Menschen sprach, umso klarer wurde mir: Irgendwann kommt dieses Ost-West-Thema auf den Tisch. Das war unvermeidlich.

ZEIT: Haben Sie das so erwartet?

Tenenbom: Nein, überhaupt nicht. Ich meine, die Mauer fiel 1989! Ich hätte erwartet, dass die Unterschiede zwischen Ost und West so groß sind wie die zwischen Nord und Süd.

ZEIT: Stattdessen kommen Sie zu dem Schluss, alleine das Land Sachsen sei in sich voller Gegensätze. Woran haben Sie das gemerkt?

Tenenbom: Ich habe viel Armut gesehen. Und dann ging ich nach Meißen und sah unglaublich wohlhabende Leute. Die einen können ihr Brot nicht bezahlen, die anderen können 100.000 Euro auf einen Schlag ausgeben. Da war ein riesiger Unterschied zwischen Armen und Reichen.

ZEIT: Und wie empfanden Sie die Mentalität der Leute hier?

Tenenbom: Die ist merkwürdig gegensätzlich. Die Menschen sind stolz auf ihre Herkunft – und schämen sich gleichzeitig dafür, in der DDR geboren zu sein. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich mag die Ostdeutschen. Ich habe sie lieben gelernt – in Weimar , in Dresden und in Leipzig . Sie sind unverfälscht und emotional. Es gefällt mir, wenn die Leute so ehrlich über ihre Gefühle reden. Und ihren Humor mag ich auch.

ZEIT: Ihren Humor?

Tenenbom: Ja, eine Frau erzählte mir zum Beispiel, die US-Botschaft sei gleich nebenan, ich könne da doch mal vorbeischauen. Dann schaute ich mich um, aber da war kein Botschaftsgebäude, nur eine McDonald’s-Filiale. Genau diese hatte sie dann auch gemeint. Und was ich nicht vergessen möchte: Der Osten ist schön. Diese Städte! Schauen Sie sich Dresden oder Leipzig an. Es ist unglaublich. Und Görlitz ist beinahe eine Traumstadt. Manche Orte sehen aus wie das Paradies. Das kann niemand bestreiten. Es ist einfach schön.

ZEIT: Es gab in den vergangenen Tagen viel Aufsehen um Ihr Buch. Sie schreiben ja nicht nur über die schönen Orte, sondern werfen den Deutschen vor, antisemitisch zu denken.

Tenenbom: Ja, das stimmt. Ich habe mit vielen Menschen über die Juden gesprochen, über Israel . Und leider war der Antisemitismus noch weit verbreitet.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Tenenbom: Ich habe die Ostdeutschen zum Beispiel gefragt: Mögt ihr Gregor Gysi ? Und viele sagten: »Ja, klar!« Dann erzählte ich ihnen, dass Gysi ein Jude sei. Und sie antworteten: »Das ist unmöglich!«

ZEIT: Warum?

Tenenbom: Die Leute mögen Gregor Gysi, sie finden ihn nett. Deshalb können sie sich nicht vorstellen, dass er ein Jude ist, Juden sind nicht nett in ihrer Vorstellung. Aber verstehen Sie das bitte nicht falsch: Die Ostdeutschen sind nicht antisemitischer als die Westdeutschen, sie setzen nur schneller ihre Maske ab.

ZEIT: Woran liegt das?

Tenenbom: Im Westen – und da schließe ich besonders die USA mit ein – haben wir irgendwann gelernt, nicht mehr das zu sagen, was wir meinen. Es ist zu einem Teil unserer Kultur geworden. Wir haben Nachbarn und sprechen niemals mit ihnen – jahrelang nicht. Dann ziehen sie aus, und wir sagen: »Wie schade! Wir werden dich so sehr vermissen!« Natürlich meinen wir das nicht so, wir beschönigen nur und übertreiben. Das haben die Menschen in Ostdeutschland bisher nicht gelernt, ihre Sprache ist nicht so glatt.

ZEIT: Sie haben mit Stanislaw Tillich, dem sächsischen Ministerpräsidenten, gesprochen . Er erzählte Ihnen, dass er in der DDR viel über Israel gelernt habe, nur nicht die Wahrheit. Das klingt doch ziemlich ehrlich, oder?

Tenenbom: Ja, das stimmt. Er hat ein paar kluge Dinge gesagt, aber auch ein paar dumme. Er glaubt, es gebe keinen Frieden im Nahen Osten, weil die Israelis, also die Juden, ihren Zugang zum Toten Meer behalten wollen. Als ob der Frieden daran scheitere, dass die Israelis gerne baden gehen!

ZEIT: Ihr Buch führt uns Deutschen vor, wie wenig wir über Israel wissen.

Tenenbom: Ja, und das gilt überraschenderweise für die meisten Deutschen.

ZEIT: Was hat Sie noch überrascht auf Ihrer Reise?

Tenenbom: Jeder Deutsche macht sich lustig über die Bahn, weil die angeblich immer zu spät kommt. Ich habe aber festgestellt, dass sie zu 99 Prozent pünktlich ist. In Amerika können wir davon nur träumen. Diese Effizienz hat mich beeindruckt. Aber die Deutschen schätzen sie gar nicht. Sie sind die größten Nörgler auf diesem Planeten. Sie denken, nichts funktioniere, aber in Wirklichkeit funktioniert alles. Mich hat auch überrascht, wie verrückt die Leute nach Technik sind. Sie gehen in Naturwissenschaftsmuseen und begeistern sich für diesen wissenschaftlichen Kram. Ich meine, ich war zuvor noch nie in so einem Museum. Außerdem begeistert mich dieses Essen hier! Oh, mein Gott, es war unglaublich gut: Frikadellen, Buletten, Würstchen, Matjes. Ich liebe es. Nur beim Kaffee, das muss ich leider sagen, könnt ihr euch noch verbessern.

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Leserkommentare
  1. den Herr Tenenbom da hat, macht irgendwie Lust auf sein Buch.......

  2. Also ich wusste schon immer, dass Gregor Gysi Jude ist. Schließlich war schon sein Vater ein bekannter Politiker in der DDR, wenn mir auch gerade nicht einfällt, welche Funktion er innehatte. Und ich finde Gregor Gysi toll. Ganz unabhängig von seiner Herkunft.

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    • leoplus
    • 28. Dezember 2012 18:10 Uhr

    herkunft?

    • leoplus
    • 28. Dezember 2012 18:10 Uhr
    3. .....

    herkunft?

    Antwort auf "Gregor Gysi"

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