Tuvia Tenenbom in Ostdeutschland"Sie setzen schneller ihre Maske ab"
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"Der Osten ist schön"

ZEIT: Ihren Humor?

Tenenbom: Ja, eine Frau erzählte mir zum Beispiel, die US-Botschaft sei gleich nebenan, ich könne da doch mal vorbeischauen. Dann schaute ich mich um, aber da war kein Botschaftsgebäude, nur eine McDonald’s-Filiale. Genau diese hatte sie dann auch gemeint. Und was ich nicht vergessen möchte: Der Osten ist schön. Diese Städte! Schauen Sie sich Dresden oder Leipzig an. Es ist unglaublich. Und Görlitz ist beinahe eine Traumstadt. Manche Orte sehen aus wie das Paradies. Das kann niemand bestreiten. Es ist einfach schön.

ZEIT: Es gab in den vergangenen Tagen viel Aufsehen um Ihr Buch. Sie schreiben ja nicht nur über die schönen Orte, sondern werfen den Deutschen vor, antisemitisch zu denken.

Tenenbom: Ja, das stimmt. Ich habe mit vielen Menschen über die Juden gesprochen, über Israel . Und leider war der Antisemitismus noch weit verbreitet.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Tenenbom: Ich habe die Ostdeutschen zum Beispiel gefragt: Mögt ihr Gregor Gysi ? Und viele sagten: »Ja, klar!« Dann erzählte ich ihnen, dass Gysi ein Jude sei. Und sie antworteten: »Das ist unmöglich!«

ZEIT: Warum?

Tenenbom: Die Leute mögen Gregor Gysi, sie finden ihn nett. Deshalb können sie sich nicht vorstellen, dass er ein Jude ist, Juden sind nicht nett in ihrer Vorstellung. Aber verstehen Sie das bitte nicht falsch: Die Ostdeutschen sind nicht antisemitischer als die Westdeutschen, sie setzen nur schneller ihre Maske ab.

ZEIT: Woran liegt das?

Tenenbom: Im Westen – und da schließe ich besonders die USA mit ein – haben wir irgendwann gelernt, nicht mehr das zu sagen, was wir meinen. Es ist zu einem Teil unserer Kultur geworden. Wir haben Nachbarn und sprechen niemals mit ihnen – jahrelang nicht. Dann ziehen sie aus, und wir sagen: »Wie schade! Wir werden dich so sehr vermissen!« Natürlich meinen wir das nicht so, wir beschönigen nur und übertreiben. Das haben die Menschen in Ostdeutschland bisher nicht gelernt, ihre Sprache ist nicht so glatt.

ZEIT: Sie haben mit Stanislaw Tillich, dem sächsischen Ministerpräsidenten, gesprochen . Er erzählte Ihnen, dass er in der DDR viel über Israel gelernt habe, nur nicht die Wahrheit. Das klingt doch ziemlich ehrlich, oder?

Tenenbom: Ja, das stimmt. Er hat ein paar kluge Dinge gesagt, aber auch ein paar dumme. Er glaubt, es gebe keinen Frieden im Nahen Osten, weil die Israelis, also die Juden, ihren Zugang zum Toten Meer behalten wollen. Als ob der Frieden daran scheitere, dass die Israelis gerne baden gehen!

ZEIT: Ihr Buch führt uns Deutschen vor, wie wenig wir über Israel wissen.

Tenenbom: Ja, und das gilt überraschenderweise für die meisten Deutschen.

ZEIT: Was hat Sie noch überrascht auf Ihrer Reise?

Tenenbom: Jeder Deutsche macht sich lustig über die Bahn, weil die angeblich immer zu spät kommt. Ich habe aber festgestellt, dass sie zu 99 Prozent pünktlich ist. In Amerika können wir davon nur träumen. Diese Effizienz hat mich beeindruckt. Aber die Deutschen schätzen sie gar nicht. Sie sind die größten Nörgler auf diesem Planeten. Sie denken, nichts funktioniere, aber in Wirklichkeit funktioniert alles. Mich hat auch überrascht, wie verrückt die Leute nach Technik sind. Sie gehen in Naturwissenschaftsmuseen und begeistern sich für diesen wissenschaftlichen Kram. Ich meine, ich war zuvor noch nie in so einem Museum. Außerdem begeistert mich dieses Essen hier! Oh, mein Gott, es war unglaublich gut: Frikadellen, Buletten, Würstchen, Matjes. Ich liebe es. Nur beim Kaffee, das muss ich leider sagen, könnt ihr euch noch verbessern.

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Leserkommentare
  1. den Herr Tenenbom da hat, macht irgendwie Lust auf sein Buch.......

  2. Also ich wusste schon immer, dass Gregor Gysi Jude ist. Schließlich war schon sein Vater ein bekannter Politiker in der DDR, wenn mir auch gerade nicht einfällt, welche Funktion er innehatte. Und ich finde Gregor Gysi toll. Ganz unabhängig von seiner Herkunft.

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    • leoplus
    • 28. Dezember 2012 18:10 Uhr

    herkunft?

    • leoplus
    • 28. Dezember 2012 18:10 Uhr
    3. .....

    herkunft?

    Antwort auf "Gregor Gysi"

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