Pistenraupe fahrenSturm und Hang

Im Schweizer Wintersportort Grächen können sich Männer beim "Pistenpraktikum" Kinderträume erfüllen. von Frederik Jötten

Pistenraupe im Einsatz

Schnee schippen im großen Stil: Pistenraupe im Einsatz  |  © Jacques Demarthon/AFP/Getty Images

Ein Praktikum kann auch im fortgeschrittenen Alter noch eine verheißungsvolle Sache sein. Eine, für die man sogar bereit ist, Geld zu zahlen und ein wenig Urlaub zu opfern. Der Anreiz muss nur stark genug sein.

Im Schweizer Wintersportort Grächen hat er 400 PS. Wer hier für umgerechnet 80 Euro ein eintägiges »Pistenpraktikum« absolviert, darf einmal Pistenraupe fahren, genauer gesagt: mitfahren. Das klingt gut, jedenfalls für Martin, Bruno, Toni, Stefan und mich, fünf Männer zwischen 36 und 46. Eigentlich ist Grächen im Wallis dafür bekannt, besonders familienfreundlich zu sein. Hier gibt es den größten Schnee-Kinderpark der Schweiz, Eltern bekommen die Hort-Unterbringung ihrer Kleinen gratis zum Skipass. So viel Familiensinn hat offenbar auch den Blick geschärft für die kindlichen Träume erwachsener Urlauber.

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Doch bevor wir in die Pistenraupe einsteigen dürfen, müssen wir zunächst abgebrochene Markierungsstangen schultern, die von einer der Raupen umgewalzt wurden. Es ist 16 Uhr, die letzten Skifahrer machen sich auf den Weg zur Talabfahrt. Unser erster Praktikumsbetreuer Georges, Anfang 50, trägt eine knallorange Jacke mit Aufschrift »SOS«. Er schickt uns mit den Holzstangen zu einer Baracke. Wenig später fragt er: »Wer hat jetzt noch nichts gemacht?« Toni, ein kräftiger Kerl mit Walrossbart, hebt schüchtern die Hand. »Dann roll doch bitte mal das Transparent zusammen«, sagt Georges. »Damit die Pistenraupe daraus nicht auch noch Kleinholz macht.«

Wir sind gute Praktikanten und beschweren uns nicht. Uns eint die Liebe zur Technik. Toni bohrt beruflich mit Spezialmaschinen, Stefan ist Informatiker, Martin arbeitet beim Bauamt, sein Schwager Bruno ist Landwirt. Ich selbst habe als Kind meine Skiferien damit zugebracht, mir ein eigenes Quartett der leistungsfähigsten Seilbahnen zu basteln – weil es das nicht gab und ich sonst schon alle Sets hatte, vom Motorrad- bis zum Panzerquartett.

»Ich hab schon mehrmals angestanden, um mit einer Pistenraupe zu fahren«, erzählt Stefan, der Informatiker mit Schnauzbart und langer Rockermähne, während einer Zigarettenpause. »Aber es waren immer so viele Kinder da, und es hieß: Denen kannst du den Platz nicht wegnehmen.« Man merkt, es war nicht einfach für ihn, den Kindern den Vortritt zu lassen. Heute wird er allerdings ganz sicher mitgenommen. Die Fahrt ist für den Abend fest eingeplant. Vorher müssen wir nur helfen, alles von der Piste zu räumen, was nicht draufgehört – und vor allem überprüfen, dass keine Skifahrer mehr auf dem Berg sind.

Vor einer halben Stunde hat das Skigebiet geschlossen. Es dämmert und wird langsam ungemütlich, Sessel und Bügel schwanken im eiskalten Wind. Georges, seit 36 Jahren Bergführer, macht vor der Kontrolltour über die Abfahrtsstrecke ein Briefing für die Gruppe. »Wir wollen sehr aufmerksam sein, damit wir später nicht noch mal auf den Berg müssen, um jemanden zu retten«, sagt er. »Deshalb jetzt bei der Abfahrt bitte genau in den Wald neben der Piste schauen, ob es da vielleicht jemanden zerlegt hat.« 40 Kilometer Piste zwischen 2868 und 1617 Meter Höhe sind jeden Abend zu kontrollieren, unsere Gruppe übernimmt davon knapp ein Viertel.

Georges fährt ohne Stöcke und überhaupt so, wie man es tagsüber weder könnte noch wollen würde – in derart großen Bogen, dass er die ganze Piste vom linken bis zum rechten Rand nutzt und dabei eine Weile geradeaus in den Wald blicken kann. An jeder Markierungsstange, die nur ein wenig schief steht, hält er an, zieht sie aus dem Schnee und rammt sie dann wieder senkrecht hinein. »Schau mal da hinten«, sagt er zu mir. »Könntest du die bitte gerade hinstellen?« Ich brauche vier Versuche, bis die Stange endlich gerade steckt.

Pistenpraktikum

Das Pistenpraktikum kann bei der Touristischen Unternehmung Grächen gebucht werden und kostet 109 Schweizer Franken.

Tel. 0041-27/9556060, www.grächen.ch, unter News/Events, Veranstaltungen

Einen Job beim Pistendienst hatte ich mir irgendwie spannender vorgestellt. Das ständige Anhalten, das langsame Tempo – so macht Skifahren keinen Spaß. Aber darum geht es schließlich nicht. Wir sind hier, um Menschen zu retten! Es ist allerdings niemand zu sehen – außer einem anderen Patroullier, der kommt, um die Rodelbahn nebenan zu kontrollieren. »Einer sollte ihn begleiten«, sagt Georges. Stefan meldet sich freiwillig. Georges weist seinen Kollegen an: »Fahr nicht so weit vor, sonst provozierst du ihn zum Schnellfahren, und am Ende passiert ihm was.« Das muss man als Praktikant hinnehmen: Man wird nicht ganz für voll genommen.

Der Schnee wirkt im Halbdunkel schon unansehnlich grau. In großen Schlangenlinien nähern wir uns den Lichtern im Tal. Unten verabschiedet sich Georges; sein Arbeitstag ist vorbei. Für uns geht es in einer Stunde weiter: Nach Sonnenuntergang kommt die Stunde der Pistenpräparateure. Als wir an der Talstation wieder in die Gondel steigen, fragt Toni: »Wie seid ihr zum Praktikum gekommen?« Die anderen drei antworten gleichzeitig: »Ein Geschenk von meiner Frau.« – »Genau wie bei mir!«, ruft Toni. »Und wo sind unsere Frauen heute?«, fragt Martin. »Keine Ahnung«, sagt Bruno. »Die wollten uns wohl abschütteln!«

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