Pistenraupe fahrenSturm und Hang
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 Gut, dass das Seil die Raupe festhält

Oben sitzen wir an einem Tisch im Bergrestaurant und warten. Niemand trinkt Alkohol, Dienst ist Dienst. Draußen sehen wir zwei helle Lichter am Hang: eine Pistenraupe bei der Arbeit. Ich frage mich, wie sie sich auf der extrem steilen Piste bewegen kann, ohne abzurutschen. Meine Mitpraktikanten fachsimpeln über die roten Pistenraupen der Firma Kässbohrer und die silbernen Konkurrenten des Herstellers Prinoth. Dann gibt es das Zeichen für uns: Die Raupen sind da, um uns abzuholen. Wir treten hinaus ins Flutlicht. Die fünf Pistenfahrzeuge stehen im Halbkreis und blenden uns mit ihren Scheinwerfern. Die Fahrer kommen aus ihren Fahrerkabinen, sie sind jünger als wir. »So, ihr wollt also heute Nacht die Piste präparieren?«, fragt der Chef. »Dann können wir ja jetzt Feierabend machen.« Wir sind ein bisschen stolz, dass wir so kumpelhaft begrüßt werden – so wie man früher stolz war, wenn einen der Schulbusfahrer als Freund akzeptierte. 

Jeder steigt mit einem der Fahrer in die Pistenraupe. Meiner heißt Dominik und ist um die 30. Er lässt den Motor aufheulen, dann röhren wir in die Dunkelheit, auf die schwarze, die steilste Talabfahrt zu. »Kann man da abrutschen?«, frage ich. Dominik lächelt und sagt: »Wenn man nicht aufpasst...«. Plötzlich hält er die Pistenraupe an, steigt aus, rollt von einer Winde am Fahrzeug ein armdickes Drahtseil ab und befestigt es an einem einbetonierten Haken am Rand der Piste. »Jetzt wird es richtig steil«, sagt er, zurück in der Kabine, und fährt die Raupe langsam auf eine Kuppe zu. Es ist, als kämen wir auf der Achterbahn jener Stelle näher, von der aus die Wagen in die Tiefe stürzen.

Die Nase der Pistenwalze kippt. Ich sehe kurz die Lichter der Häuser im Tal, presse mit ganzer Kraft die Füße an den Boden, falle nach vorne. Ohne Sicherheitsgurt würde ich gegen die Windschutzscheibe prallen. Gut, dass das Seil die Raupe festhält! Am Ende des Steilhangs dreht Dominik die Maschine um 180 Grad. Schnee, der den Tag über von den Skifahrern nach unten geschoben wurde, muss wieder nach oben. Jetzt werden wir mithilfe der Winde am gespannten Seil den Berg hochgezogen – während der Motor die Ketten antreibt. Dominik lässt mit einer Art Joystick den Pflug auf die Piste herunter und gibt Vollgas. Schnee türmt sich vor der Raupe auf, der Motor heult. Einen Moment lang wirkt es, als ob die Maschine den Haufen vor uns nicht wegschieben könnte. Dann hebt Dominik den Pflug etwas an, und wir walzen den Schneehaufen platt. Die Fräse am Heck streicht die Oberfläche der Piste glatt, Bahn um Bahn geht das so. Nach anderthalb Stunden ist die Abfahrt fertig. Dominik fährt zurück zum Bergrestaurant.

Dort verabschieden sich die Pistenraupenfahrer per Handschlag von uns. Nach getaner Arbeit trinken wir Praktikanten nun doch ein Bier. Bruno nimmt einen großen Schluck und sagt: »Das war schon was anderes als meine 50 PS im Traktor.« Martin seufzt. »Ich wäre ja gerne mal selbst gefahren.« Mich hätten die ganzen Knöpfe überfordert, aber die anderen sind sich einig: Pistenraupe fahren ist ein Traumjob. Doch Stefan winkt ab. »Den Job kriegt keiner von uns, das geht alles über Beziehungen an Einheimische.« Bald nehmen wir die Gondel ins Tal und gehen schlafen. Die Fahrer der Raupen dagegen werden noch bis fünf Uhr früh die Pisten präparieren.

Am nächsten Morgen um halb acht sitzen wir wieder mit Georges in der Gondel. Unsere Aufgabe heute morgen ist es, die Pisten abzufahren und freizugeben – wenn alle Markierungsstangen richtig stehen und keine Bäume auf der Bahn liegen. »Der schönste Teil der Arbeit: morgens alleine im Skigebiet zu sein und die frisch präparierten Strecken für mich zu haben«, sagt Georges. Die Sonne lässt die Schneekristalle glitzern, die Piste ist glatt und unberührt, viel zu schön, um auf Stangen zu achten. Ich vergesse kurzerhand meinen Praktikantenjob und schwinge ins Tal, ohne mich um meine Aufgabe zu kümmern. Eine Abmahnung gibt es nicht, ich bekomme trotzdem, wie die anderen, am Ende des Tages eine Urkunde. Wir haben »mit großem Erfolg am Pistenpraktikum teilgenommen«, unterschrieben vom CEO des Skigebiets. Vielleicht bringt dieses Zeugnis ja doch noch mal einen von uns ans Steuer einer Pistenraupe.

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