Luchs Nr. 311Fliegen lernen

"Die Vogelinsel" ist ein großer Roman über einen Jungen, der ohne Vater aufwächst. von Birgit Dankert

Der Laden in der Scheune von Herrn Dreifuß ist Hinnerks Lieblingsort. Und das Pferd von Bauer Lukas ist sein stiller Zuhörer. Denn Hinnerk hat etwas auf dem Herzen, über das er nur ungerne spricht: dass sein Vater davongelaufen ist, dass er ihn vermisst, dass er ihn braucht und sich nach ihm sehnt. Das gibt Hinnerk höchstens in Gedanken zu, vor dem besten Freund und im Gespräch mit wenigen ausgesuchten alten Männern, die nicht rumquatschen. So erfahren wir von Hinnerk nur das Allernötigste. Nach einem Sommer, in dem der Vater ausdauernd mit ihm die wilden Falken am Kirchturm beobachtete und sich ein neues Paddelboot baute, verließ er Frau und Sohn.

Doch als eine Postkarte des Vaters eintrifft, verwandelt sich Hinnerks Verzweiflung in Hoffnung und Vorfreude. Er vermutet seinen Vater auf einer Insel im nahen Fluss. Mit seinem Mitschüler Paul, der sein Freund wird, bereitet Hinnerk eine Paddeltour zur Vogelinsel vor.

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© Bloomsbury

Der innere Monolog des etwa zehnjährigen Jungen nimmt Leser jeden Alters mit auf die Suche nach dem verlorenen Elternteil. Hier geht es nicht um Sensationen oder Gewalt – der Alltag eines vaterlosen Jungen wird zum Ereignis. Mühsam und redlich forscht der nach den Zusammenhängen und dem Sinn seiner Erfahrungen. Warum ist der Vater gegangen? Warum will die Mutter so schnell einen anderen Mann? Warum weint Paul? Was kann jetzt noch schön sein? Was haben die Falken mit dem Vater zu tun? Und was ist eigentlich ein Vater?

Die Literaturfigur hält diese Fragen aus und verdrängt nichts. Dabei wird auch die Mutter nicht geschont. Hinnerk und Paul fehlt die väterliche Bezugsperson, eine Orientierungshilfe für das Leben als Mann. Die Mutter hingegen kennt Hinnerk gut und weiß sie einzuschätzen. Kleine Dinge: »Denn wenn Mutter ihre Lippen anmalt, will sie küssen.«

Werner Heickmann schildert Räume, Landschaft; Bewegungsabläufe, die hilflose Sprachlosigkeit, die rasche Aggression, die versteckte zärtliche Geste – in wenigen, sorgfältig formulierten Sätzen: das ganze Programm eines Jungen kurz vor der Pubertät. Hinnerk will wissen, was er mit dem Vater verloren hat, denn er hatte ihn noch gar nicht gekannt. In der scheinbar einfachen Sprache des Jungen gibt der Autor wie beiläufig Bilder und Gedanken an den Leser weiter. »Es ist ein weißes Haus auf der Postkarte meines Vaters. Vorn hat es eine Tür und zwei Fenster. Und um das Haus herum ist nur Sand. Auf der Rückseite steht kein Absender. Nur in Vaters steiler Handschrift steht da ›Mir geht es gut. Vater‹.« So erzählt Hinnerk von der Nachricht des Vaters, die er als Wegweiser missverstehen will. Die Karte treibt den Jungen zur Bootsreise auf die Vogelinsel, und es macht Spaß zu lesen, wie die Freunde an Kraft gewinnen, als sie sich ein Ziel gesetzt haben. Die hart erkämpfte Woche in freier Natur ist aufgeladen mit den hohen Erwartungen der Jungen.

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Der Autor begibt sich mit seinem ersten Roman in eine große Literaturtradition und in eine heftige Konkurrenz. Wie seine Figuren auch besteht er die Prüfung. Seine Vogelinsel gibt gar nicht erst vor, in Mark Twains Mississippi zu liegen. Sie liegt, für jeden erreichbar, im Wesergebiet. Sie teilt den Fluss, den Hinnerk jeden Tag mit der kleinen Fähre auf dem Schulweg überquert. Die Abenteuer, die sie bietet, schaffen sich die Jungen selber, unterstützt von einem Falken und seinem Hüter. »Selbst bestimmen« – das beste Mittel, um die Vater-Sehnsucht in den Griff zu bekommen.

Das ländliche Leben, die Natur zwischen den Weser-Zuflüssen Hamme, Wümme und Lesum, wo der Autor zu Hause ist, spielen in seinem Roman eine beherrschende Rolle. Meisterhaft sind Landschaft und Erfahrungen des Jungen miteinander verbunden. Doch könnte die Geschichte überall spielen. Die »vaterlose Gesellschaft« der Mutter-Kind-Haushalte von Hinnerk und Paul wird überall wiedererkannt. Werner Heickmann beschreibt sie als Lebenswirklichkeit eines tapferen, schweigsamen Jungen, der ein Mann werden will. Wie gut, dass dieser Autor Hinnerk zum Reden brachte.

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