Am Anfang war ein roter Punkt auf gelbem Grund, und Rot bedeutet Wind. Das Gelbe ist das Bundesland Baden-Württemberg, so wie der deutsche Windatlas es zeigt: eine große, weite Fläche, auf der die Luft sich kaum bewegt. Bis auf einige wenige Flecken. Die sind rot. Da weht der Wind, und zwar kräftig.

Da lohnt es sich, ein Windrad aufzustellen.

Lauterstein ist dunkelrot, eine kleine, luftige Stadt auf der Schwäbischen Alb mit 2.569 Einwohnern. Der größte Windpark Baden-Württembergs soll hier entstehen. Man hört das und denkt: Die haben Pech gehabt.

Also fährt man hin, um zu sehen, wie das so ist, wenn einem der Blick verbaut, das Panorama zerschnitten wird. Man vermutet Wut in dieser Stadt oder Sorge, bleibt ein paar Tage und kommt sich vor, als sei man in einen Werbefilm für Windenergie geraten. Jeglicher Ungehorsam scheint den Leuten abhandengekommen zu sein. Keinen stört es, dass bald riesige Propeller auf den Hügeln stehen sollen. Die Lautersteiner finden das gut oder wichtig oder fortschrittlich; mindestens ist es ihnen gleichgültig.

Wie kann das sein?

Überall in Deutschland suchen die Energieunternehmen jetzt nach roten Flecken. Windräder bringen sauberen Strom, das ist das Versprechen. Keine Treibhausgase wie Kohle und Gas, keine tödlichen Strahlen wie die Atomkraft. Strom gewinnen mit gutem Gewissen – das will jeder. Aber die Landschaft vor der eigenen Haustür dafür hergeben – das wollen die wenigsten.

In Lauterstein aber haben sie damit kein Problem, und deshalb ist diese kleine Stadt ein guter Ort, um eine Erklärung dafür zu finden, warum es in Deutschland zwar Hunderte von Bürgerinitiativen und Kommunalpolitikern gibt, die gegen Windräder kämpfen, aber trotzdem so viele Räder aufgestellt werden, auf den Feldern, in den Wäldern, an den Küsten. 900 allein im vergangenen Jahr.

Es ist noch nicht lange her, da haben sie auch in Lauterstein alles dafür getan, nur ja kein Windrad dulden zu müssen. Damals ging es um vier Räder von je 85 Meter Höhe. Jetzt geht es um 26 Räder, jedes 198,5 Meter hoch, vom Boden bis zur Blattspitze eines senkrecht nach oben stehenden Flügels.

198,5 Meter, das ist ungefähr die Höhe der Kugel des Berliner Fernsehturms. Aber jetzt läuft in Lauterstein niemand Sturm. Im Gegenteil, manche Gegner von einst sind begeistert von der Vorstellung, solche Türme in die Landschaft zu stellen.

Will man die Ursachen der Lautersteiner Energiewende begreifen, muss man den jungen Bürgermeister Lenz besuchen und seinen alten Vorgänger Mangold, mit dem Grafen Rechberg muss man sprechen und mit dem Berufsschullehrer Rühle, den nicht nur die Reaktorkatastrophe von Fukushima verändert hat. Als Erstes aber muss man den Windmacher treffen. Mit dem hat alles angefangen.

Hartmut Brösamle, 47, ist einer der beiden Vorstände von wpd, Deutschlands größtem Betreiber von Windparks. Über 1.400 Anlagen hat das Unternehmen schon errichtet, in Deutschland und Kroatien, in Chile und Taiwan, mal einzeln stehende, mal ganze Felder, onshore, offshore, alles.

Jetzt will Brösamle Lauterstein haben. Endlich. Schon vor 15 Jahren hat er um den windigen Standort auf der Schwäbischen Alb gekämpft. Bis vors Bundesverwaltungsgericht ist er gezogen, 100.000 Mark habe ihn das gekostet, sagt Brösamle, und das alles nicht nur wegen des guten Geschäfts, sondern auch, »weil ich tief im Herzen ein richtiger Öko bin«.

Der Öko sieht aus, als mache er Reklame für Boss: Schmal geschnittener Anzug, kahl geschorener Kopf, leicht asketische Erscheinung. Brösamle trägt nicht vor sich her, dass er vegetarisch isst, in einem Passivhaus wohnt, Elektromobil oder Fahrrad fährt und »innerdeutsch nur Zug, das ist auch Richtlinie für alle 850 Mitarbeiter der wpd-Gruppe«.

Vor gut einem Jahr bestieg Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg, mit Hartmut Brösamle ein nagelneues Windrad, am Stöttener Berg in Geislingen, nicht weit von Lauterstein entfernt. Es war was für die Presse, eine Ansage in Bildform: Seht her, jetzt weht einer neuer Wind! Die zuvor im Bundesland regierende CDU hatte Windräder verdammt, jetzt werden sie sozusagen: befohlen. Spätestens im Jahr 2020 sollen zehn Prozent des in Baden-Württemberg erzeugten Stroms aus der Windkraft kommen. Um das zu erreichen, müssten jedes Jahr 120 bis 150 neue Räder in die Höhe wachsen.

Oben auf dem Windrad zeigte sich Kretschmann beeindruckt von der Technik. Und Brösamle, neben ihm, lächelte in die Kameras wie einer, der endlich belohnt wird. Er weiß ja, wie es ist, wenn die Politik Gegenwind entfacht, so stark, dass es einen umhaut.