Erneuerbare EnergienWenn der Wind dreht

Auf der Schwäbischen Alb soll ein riesiger Windpark entstehen. Erst waren die Bürger der benachbarten Stadt dagegen. Jetzt sind sie plötzlich dafür. Eine Geschichte über dichtende Beamte, rechnende Waldbesitzer und politische Landschaften. von Dorit Kowitz

Am Anfang war ein roter Punkt auf gelbem Grund, und Rot bedeutet Wind. Das Gelbe ist das Bundesland Baden-Württemberg, so wie der deutsche Windatlas es zeigt: eine große, weite Fläche, auf der die Luft sich kaum bewegt. Bis auf einige wenige Flecken. Die sind rot. Da weht der Wind, und zwar kräftig.

Da lohnt es sich, ein Windrad aufzustellen.

Anzeige

Lauterstein ist dunkelrot, eine kleine, luftige Stadt auf der Schwäbischen Alb mit 2.569 Einwohnern. Der größte Windpark Baden-Württembergs soll hier entstehen. Man hört das und denkt: Die haben Pech gehabt.

Also fährt man hin, um zu sehen, wie das so ist, wenn einem der Blick verbaut, das Panorama zerschnitten wird. Man vermutet Wut in dieser Stadt oder Sorge, bleibt ein paar Tage und kommt sich vor, als sei man in einen Werbefilm für Windenergie geraten. Jeglicher Ungehorsam scheint den Leuten abhandengekommen zu sein. Keinen stört es, dass bald riesige Propeller auf den Hügeln stehen sollen. Die Lautersteiner finden das gut oder wichtig oder fortschrittlich; mindestens ist es ihnen gleichgültig.

Wie kann das sein?

Überall in Deutschland suchen die Energieunternehmen jetzt nach roten Flecken. Windräder bringen sauberen Strom, das ist das Versprechen. Keine Treibhausgase wie Kohle und Gas, keine tödlichen Strahlen wie die Atomkraft. Strom gewinnen mit gutem Gewissen – das will jeder. Aber die Landschaft vor der eigenen Haustür dafür hergeben – das wollen die wenigsten.

In Lauterstein aber haben sie damit kein Problem, und deshalb ist diese kleine Stadt ein guter Ort, um eine Erklärung dafür zu finden, warum es in Deutschland zwar Hunderte von Bürgerinitiativen und Kommunalpolitikern gibt, die gegen Windräder kämpfen, aber trotzdem so viele Räder aufgestellt werden, auf den Feldern, in den Wäldern, an den Küsten. 900 allein im vergangenen Jahr.

Es ist noch nicht lange her, da haben sie auch in Lauterstein alles dafür getan, nur ja kein Windrad dulden zu müssen. Damals ging es um vier Räder von je 85 Meter Höhe. Jetzt geht es um 26 Räder, jedes 198,5 Meter hoch, vom Boden bis zur Blattspitze eines senkrecht nach oben stehenden Flügels.

198,5 Meter, das ist ungefähr die Höhe der Kugel des Berliner Fernsehturms. Aber jetzt läuft in Lauterstein niemand Sturm. Im Gegenteil, manche Gegner von einst sind begeistert von der Vorstellung, solche Türme in die Landschaft zu stellen.

Will man die Ursachen der Lautersteiner Energiewende begreifen, muss man den jungen Bürgermeister Lenz besuchen und seinen alten Vorgänger Mangold, mit dem Grafen Rechberg muss man sprechen und mit dem Berufsschullehrer Rühle, den nicht nur die Reaktorkatastrophe von Fukushima verändert hat. Als Erstes aber muss man den Windmacher treffen. Mit dem hat alles angefangen.

Hartmut Brösamle, 47, ist einer der beiden Vorstände von wpd, Deutschlands größtem Betreiber von Windparks. Über 1.400 Anlagen hat das Unternehmen schon errichtet, in Deutschland und Kroatien, in Chile und Taiwan, mal einzeln stehende, mal ganze Felder, onshore, offshore, alles.

Jetzt will Brösamle Lauterstein haben. Endlich. Schon vor 15 Jahren hat er um den windigen Standort auf der Schwäbischen Alb gekämpft. Bis vors Bundesverwaltungsgericht ist er gezogen, 100.000 Mark habe ihn das gekostet, sagt Brösamle, und das alles nicht nur wegen des guten Geschäfts, sondern auch, »weil ich tief im Herzen ein richtiger Öko bin«.

Der Öko sieht aus, als mache er Reklame für Boss: Schmal geschnittener Anzug, kahl geschorener Kopf, leicht asketische Erscheinung. Brösamle trägt nicht vor sich her, dass er vegetarisch isst, in einem Passivhaus wohnt, Elektromobil oder Fahrrad fährt und »innerdeutsch nur Zug, das ist auch Richtlinie für alle 850 Mitarbeiter der wpd-Gruppe«.

Vor gut einem Jahr bestieg Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg, mit Hartmut Brösamle ein nagelneues Windrad, am Stöttener Berg in Geislingen, nicht weit von Lauterstein entfernt. Es war was für die Presse, eine Ansage in Bildform: Seht her, jetzt weht einer neuer Wind! Die zuvor im Bundesland regierende CDU hatte Windräder verdammt, jetzt werden sie sozusagen: befohlen. Spätestens im Jahr 2020 sollen zehn Prozent des in Baden-Württemberg erzeugten Stroms aus der Windkraft kommen. Um das zu erreichen, müssten jedes Jahr 120 bis 150 neue Räder in die Höhe wachsen.

Oben auf dem Windrad zeigte sich Kretschmann beeindruckt von der Technik. Und Brösamle, neben ihm, lächelte in die Kameras wie einer, der endlich belohnt wird. Er weiß ja, wie es ist, wenn die Politik Gegenwind entfacht, so stark, dass es einen umhaut.

Leserkommentare
  1. mal wieder ein Artikel den ich komplett gelesen habe. Danke dafür!

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...um die Sinnhaftigkeit des thematisierten Projektes und unzähliger Pendants beurteilen zu können.

    Der Artikel unterschlägt leider wesentliche ökonomische Zusammenhänge und physikalische Gesetzmäßigkeiten, die dafür unentbehrlich sind.

    Hier finden Sie diese anschaulich aufbereitet.

    http://www.vernunftkraft....

    Unterm Strich kann man ist der exzessive Windkraftausbau in deutschen Wäldern ein ökologischer Irrsinn. Dem Klima nützt es nichts, die Natur vor Ort wird zerstärt.

    Es gibt keinen Ökostrom. Punkt.

    Aber es gibt Möglichkeiten, Erneuerbare Energien SINNVOLL zu nutzen. Mit der Kraft der Vernunft könnte es klappen.

    http://www.vernunftkraft....

    Mit freundlichen Grüßen,
    Nikolai Ziegler

  2. Schönes Beispiel für Vernunft: geht die Ideologie, dann funktioniert auch Fortschritt. Und am besten so weiter machen, ohne die großen Vier wieder als Absahner ins Boot zu holen. Beteiligungswindräder mit dem Geld der BürgerInnen vor Ort gebaut gehen auch gut, auch dafür gibt es schon reichlich gute Beispiele.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nein, geht leider gar nicht.

    Dieser Artikel verschweigt grundlegende ökonomische Zusammenhänge und physikalische Gesetzmäßigkeiten, die für die ökologische Beurteilung des Windkraftausbaus von fundamentaler Bedeutung sind.

    Die Windkraft SCHADET der Umwelt vor Ort und nützt dem Klima überhaupt nichts.

    Die Versorgungssicherheit wird immer stärker gefährdet und die Kosten explodieren.

    Die relevanten Zusammenhänge sind hier

    http://www.vernunftkraft....

    ausführlich beschrieben.

    Wie man erneuerbare Energien SINNVOLL nutzen kann, ist hier zu lesen:

    http://www.vernunftkraft....

    Mit freundlichen Grüßen,
    Nikolai Ziegler

  3. auch in seine Heimatstadt Ingersheim bringen. Blöd nur das den dort niemand will.
    http://www.gegenwind-husa...
    Für jede kWh erneuerbare Energie müssen die geringverdieneden Stromkunden zahlen, auch wer dieser zur Unzeit ins Ausland verschenkt wird. Da freuen wir uns doch mit den EEG-Empfängern, die jedes Jahr 20 Milliarden EUR im Jahr kassieren. Das ist doppelt so viel wie der bundesdeutsche Bildungshaushalt. Da wäre das Geld sicher besser investiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Für jede kWh erneuerbare Energie müssen die geringverdieneden Stromkunden zahlen, auch wer dieser zur Unzeit ins Ausland verschenkt wird. Da freuen wir uns doch mit den EEG-Empfängern, die jedes Jahr 20 Milliarden EUR im Jahr kassieren." ziemlichvielZeit

    Woher haben Sie die Zahlen? Aus den Fingern gesaugt?

    Überschlagsrechnung:
    EEG = 5.3 Cent pro kwh

    Erzeugter Strom in ganz Deutschland 2011 = 612000000000 kwh
    Anteil Erneuerbarer (ca.20%) = 122400000000 kwh
    Gesamt EEG = 122400000000 kwh * 0.053 Euro = 6487200000 Euro = 6,5 Mrd.

    Um Ihre 20 Mrd. über die EEG zu erhalten, müsste der Anteil der Erneuerbaren bei über 60% liegen

    Zu Ihrem sozialkritischen Tränendrüsendrückerargument der Belastung der Armen: Die werden mit etwas über 2 Euro pro Monat belastet, um diese "Belastung" abzufedern, könnte die Regierung eingreifen oder die Stromkonzerne könnten auf einen kleinen Teil ihres Gewinnes verzichten.

    "An der Entwicklung sollen dir Aktionäre über eine höhere Dividende beteiligt werden. Diese solle um 22 Prozent auf 4,10 Euro pro Anteil aufgestockt werden, hieß es." eon 2008
    http://www.finanznachrich...

    Rechnung:
    Anzahl Aktien eon = 2000000000
    Ausschüttung = 2000000000 * 4,10 Euro = 8,2 Mrd. Euro

    Das ist nur einer von 5 Stromgiganten.
    Die EEG wäre zu 100% von den Konzernen bezahlbar, ohne das diese auch nur einen Cent Verluste machen würden.

    • bayert
    • 20. Dezember 2012 10:27 Uhr

    - für die atomaren "End"lager
    - die Dividende der großen 4
    - die Gewinne der Ölkonzerne
    etc.

    Finden Sie dies nicht auch sozial ungerecht?

  4. sie ausrief". So geht es hoffentlich vielen Bürgern. Wir können nicht darauf warten, dass die Politik die Energiewende in die Hand nimmt.

    Es scheint auch Plätze in Süddeutschland zu geben an denen der Wind bläst, warum dann die Stromleitungen aus dem Norden nach Süden? Der Strom sollte so lokal wie möglich erzeugt werden. Irgenwo habe ich gelesen, dass ein großer Teil des erzeugten Stroms in irgendwelchen Umspannwerken verpufft, dass muss doch nicht sein.

    Wenn die Bürger jetzt noch stärker an solchen Projekten in Form von Genessenschaftsanteilen beteiligt würden, dann sehe ich durchaus eine Möglichkeit, wie wir bald einen großen Teil des Stroms umweltfreundlich erzeugen können.
    Nur die Preise für diesen Strom dürfen nicht fallen, weil sie uns dazu anhalten mir dieser Ressource sparsam umzugehen und sie bewußt einzusetzen. Es wäre sogar wünschenswert, wenn der Preis in dem Umfang steigt, indem die Effiziens der Verbraucher steigt. So würden die Kosten konstant bleiben und der absolute Stromverbrauch würde sinken. Vielleicht gäbe es dann einen Punkt an dem wir nicht mehr von fossilen Brennstoffen abhängig sind.

    Eine Leserempfehlung
  5. Werden jetzt teure Stromleitungen quer durch die Republik gebaut, die überdimensioniert, wenn nicht sogar überflüssig sind? Planung bedeutet für diese Regierung offenbar, erst einmal anzufangen (oder anders ausgedrückt: "auf Sicht fahren").

    Eine Leserempfehlung
  6. zu uns kommen, damit die Landschaft zestört und die Natur gedehmütigt wird.Ein Hoch den selbsternannten Umweltzerstörern und grünen Schreibtischtätern, denn sie wissen nicht was sie tun.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kohlekraftwerke, die unendliche Mengen giftigen Abfalls direkt in die ohnehin schon dahinschmelzende Ozonschicht pusten und Kernkraftwerke, die Tonnen von Müll produzieren, den man nirgends lagern kann oder aber Windräder, die nur vereinzelt dazu führen, dass Bäume gefällt werden müssen oder Vögel vom Himmel geholt werden - übrigens könnte man sicherlich auch letzteres im Laufe der Zeit noch reduzieren.

    Und was die Aussicht angeht: Ich hab noch nie den Gedanken gehabt, Windräder würden mir die Aussicht versperren. Philippsburg mit seinen zwei Kühltürmen macht das aber auch nicht anders.

    Tschernobyl und Fukushima für die nächsten 10000 Jahre vorkommt? Und wie hoch wirtschaftlicher Schaden in einem dicht besiedeltem Land wie D bei einem"ernsten" Störfall wäre?

    Und über die EEG Umlage muss politisch nachgedacht und gesprochen werden, damit Stromkosten nicht in die Höhe schiessen. Und um sicher zu stellen,dass sich alle Haushalte den Strom noch leisten können, braucht es ehrliche politische Initiativen, zB. könnte die Stromsteuer gestaffelt werden nach Höchstgrenzen des Haushaltseinkommens.Sozusagen eine soziale Komponente im Preisgefüge. Das braucht aber politischen Willen und den sehe ich bei der derzeitigen schwarz-gelben Regierung leider gar nicht. Im Gegenteil, ein Schelm wer denkt, dass da starke Kräfte gegen jede Vernunft im Hintergrund wirken um alles so zu lassen wie es ist, wider besseres Wissen.

    Wir können leider nur einen Blick in die Vergangenheit werfen um daraus zu lernen,aber nicht um sie zu verändern.Aber Gegenwart und Zukunft können verändert werden.

    Das heißt für mich, das EEG muss überarbeitet werden. Und es müssen in einer konzertierten Aktion Gelder gezielt in die wissenschaftliche Forschung + Entwicklung zwecks Stromspeichermedien geleitet werden.

    Und wir dürfen nicht wieder zulassen,daß sich Quasi-Monopole rund um den Ausbau der erneuerbaren Energieen bilden, die dann wieder alles diktieren wie im Moment die großen Vier im deutschen Strommarkt.

    Insofern sind mir grüne Schreibtischtäter wesentlich lieber als schwarze oder gar gelbe!

  7. ... Windmühle im Jahr für den Landbesitzer, dazu eine satte Rendite für den Herrn Investor, ohne unternehmerisches Risiko und vom Wettbewerb abeschottet, alles zwangsabgepresst von Nichtlandbesitzern dank EEG-Umlage. Ein besseres Beispiel für die asoziale Vermögensumverteilung von Unten nach Oben konnte die Zeit nicht bringen. Vielen Dank.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dymphna
    • 20. Dezember 2012 10:20 Uhr

    finden Sie, wenn Sie anfangen sich mit den realen Kosten der Stromerzeugung zu befassen und dann versuchen auszurechnen mit wie viel Steuergeld bestimmte Erzeugungsarten subventioniert werden.
    http://www.greenpeace-ene...

    http://www.unendlich-viel...

    Ist beides ein wenig länger, aber wenn es Sie wirklich interessiert durchaus lohnenswert.

    Die Erneuerbaren werden immer gerne als "unzuverlässig" gebrandmarkt, und im gleichen Atemzug wird den Betreibern nachgesagt, sie trügen "kein unternehmerisches Risiko".

    Beides geht aber nicht. Weht kein Wind oder scheint die Sonne nicht wird auch kein Strom verkauft.

    Dafür gilt für solche Anlagen alles, was auch für andere technischen Anlagen gilt: sie können durchaus kaputt gehen, benötigen Wartung, Versicherung etc. - das Risiko des Totalverlusts trägt der Eigentümer.

    Nur Brennstoffkosten, die fallen verläßlich auch in Zukunft nicht an, womöglich daher die Wut der Trolle.

    • Repec
    • 20. Dezember 2012 9:44 Uhr

    Es lohnt sich Windkrafträder aufzustellen, weil durch die EEG-Umlage alle Stromkunden massiv belastet werden und so eine ansonsten völlig unwirtschaftliche Technik eingesetzt werden kann. Ob folgende, oder gar diese Generation Ideologie weiter über ihren Lebensstandard/Wohlstand setzt, bleibt abzuarten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Energie | Alternative Energie | Windenergie | Erneuerbare Energien
Service