Eine andere, ebenfalls hybride Lösung: Altbauten nicht abreißen, sondern klug umwandeln und ergänzen. So, wie es der Architekt Edouard François in Champigny-sur-Marne vorgemacht hat. Dort ließ er auf einem Wohnblock der fünfziger Jahre lauter kleine Einfamilienhäuser errichten. Der Traum vom eigenen Heim – hier realisiert er sich auf ganz ungewohnte Weise.

In vielen Städten wären solche Formen der wohnenden Neu- und Rückeroberung möglich. Fast überall gibt es Industriebrachen, aufgelassene Güterbahnflächen, Kasernen, Häfen. Es ist die große, die zweite Chance der Planer, sich auf die alten, beliebten Formen der urbanen Mischung zu besinnen. Den Tübingern gelingt das bereits erstaunlich gut, allerdings nur, weil die Stadt das Wohnen subventioniert. In einem Quartier, in dem einst das Militär stationiert war, sind nun lauter Baugruppen zu Hause, die ihr vergünstigtes Grundstück einzig unter der Auflage bekamen, Gewerbeflächen vorzuhalten: für eine Näherei, ein Rechtsanwaltsbüro, eine Fahrradwerkstatt. Wohnen als Kleingewerbeförderung.

Allerdings steht auch in Tübingen eine Form von Verzicht am Anfang. Das neue Quartier ist eng, manchmal fast wie in einer mittelalterlichen Stadt. Hier ist so ziemlich alles, was man braucht, in fußläufiger Nähe. Das spart Lebenszeit und teuren Grund, nebenbei auch CO₂. Doch geht es nicht ohne Zumutungen ab, ohne Lärm, Gerüche, zudringliche Blicke der Nachbarn. So ist Stadt nun mal: Vielheit in Einheit, nicht selten anstrengend, oftmals anregend.

Aber Verdichtung ist nicht die einzige Antwort auf steigende Mieten. Oft lässt sich auch an den Baukosten sparen. So hat das Architektenbüro Lacaton Vassal mit Gewächshauskonstruktionen und Sichtbeton bewiesen, dass selbst avancierte Architektur nicht teuer sein muss. Die Architekten bauen den doppelten Raum für den üblichen Preis.

Wenn also eine Stadt ihre wohnungssuchenden Bürger fördert, statt Grundstücke an globale Investmentfonds zu verschleudern. Wenn Architekten ihrer Fantasie wieder trauen und die Bewohner als Partner ernst nehmen. Wenn Stadtplaner die Vorteile des Gestern mit den Bedürfnissen von heute vereinen – dann ist das Wohnen keine Misere mehr. Das wird es zur Wohnwonne.