WohnungsbauBaut auf die Fantasie!

Was Architekten und Stadtplaner gegen die Wohnungsnot tun können. von 

Vermutlich ist die Wohnungs- auch eine Wohlstandskrise. Irrwitzige 47 Quadratmeter bewohnt der Durchschnittsdeutsche unterdessen, fast 30 Prozent mehr als vor gut zwei Jahrzehnten. Er ist eben ein raumgreifender Charakter, er liebt es weit und luftig. Wie sollte er sonst seine neue Sofalandschaft unterbringen? So mancher lebt auch gern allein oder als Teilzeitsingle. In einigen Städten wird jede zweite Wohnung von nur einem Menschen bewohnt, vor 20 Jahren waren es nicht mal halb so viele. Ein Luxus mit Folgen: Wachsende Ansprüche lassen die Nachfrage steigen. Und nicht zuletzt deshalb wird mancherorts das Wohnen schier unbezahlbar.

Was sich dagegen tun lässt? Was sollten Stadtplaner, was Architekten anders machen? Natürlich könnten sie an die Bewohner appellieren: Rückt zusammen! Begnügt euch mit weniger! Schaut nach Tokio, da werden auch neue Apartments gebaut, Wohnungen für Wohlbetuchte, doch keine ist größer als 35 Quadratmeter. So geht es auch, wie ihr seht. Ihr müsst nur eure Gewohnheiten ändern.

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Allerdings fehlt es hierzulande an kleinen Wohnungen ebenso wie an ungewöhnlich großen. Die meisten, auch die in den Neubauten, sind noch immer auf Kleinfamilien zugeschnitten, obwohl die längst die Ausnahme sind. Nur in 20 Prozent aller Haushalte leben noch Kinder. Und das bedeutet: Die meisten Wohngrundrisse wollen zu den Lebensgrundrissen nicht mehr recht passen. Auch Stadtplaner und Architekten müssen daher dringend ihre Gewohnheiten ändern. Das Wohnen will neu erfunden werden. Oder besser: auf neue Weise wiedergefunden.

Nicht zufällig sind die Mieten dort besonders hoch, wo das urbane Leben attraktiv ist. Wo es viele Cafés und Clubs gibt, Galerien, Läden, Kindergärten, jene rege Mischung, die eine Stadt erst zur Stadt macht. Fast immer sind das die Gründerzeitquartiere. Hier sind die Wohnungen schön und vielfältig nutzbar. In den Erdgeschossen und Hinterhöfen gibt es genügend Platz für Läden und Gewerbe. Es läge nahe, neue Quartiere nach diesem Vorbild zu planen.

Doch von wegen. Zwar ist viel die Rede von verdichtetem Städtebau, und die gemischte Stadt der kurzen Wege wird gepriesen. Wer sich aber die neuen Siedlungen genauer ansieht, wird feststellen: Kaum eine kann mit den Altbauquartieren mithalten. Und an eine Mischung auf der Parzelle wagt sich ohnehin fast niemand. Dass man in ein und demselben Haus alles verbinden könnte, unten der Supermarkt und eine Kita, darüber Büros und Arztpraxen, zwischendrin kleine und große Wohnungen und auf dem Dach einen halböffentlichen Park oder Gemüsegärten – das scheint weiterhin unvorstellbar.

Die meisten Investoren sind spezialisiert, entweder auf Büro- oder auf Wohnungsbau. Man macht, was man immer machte, ganz egal, ob die Architekten gute neue Wohnideen haben oder nicht. Wenn sich also etwas ändern soll, braucht es als Erstes couragierte Bauherren. Am besten eine Kommune, die das Wohnungsproblem endlich lösen will – nicht einfach durch mehr, sondern durch bessere Häuser. Häuser, in denen sich die Zukunft wohlfühlt.

Diese Zukunft wird hybrid sein und pluralistisch, so viel ist gewiss. Gelegentlich wird sogar auch schon so gebaut, in Kopenhagen zum Beispiel, wo der Architekt Bjarke Ingels ein gewaltiges Gebäude in Form einer Acht an die Ostsee gestellt hat, 11 Stockwerke hoch, 476 Wohnungen – und doch kein Massensilo, sondern eine Ansammlung höchst unterschiedlicher Grundrisse und Größen. Hier werden die üblichen Gegensätze aufgelöst, hier wohnt es sich höchst individuell und doch in Gemeinschaft. Ländlich, mit weitem Ausblick aufs Meer – gleichwohl urban, denn die City von Kopenhagen ist nur 20 Bahnminuten entfernt.

Leserkommentare
  1. Der große Vorteil dieser Altbauten ist eigentlich nur ihre Lage im Stadtzentrum. Die meißten dieser Kästen sind auch ausgesucht hässlich, insbesondere von innen.
    Grundsätzlich gilt auch bei Immobilien das Gleiche, wie im Automobilbau: Es gibt ein paar alte Schätzchen, die sind richtig hübsch, haben in der Regel auch die passende Lage und sind dafür auch immer schon teuer gewesen. So etwas gilt aber auch für die jüngeren Häuser. Der billige Gammel-Müll war schon immer Gammel-Müll und wird es auch bleiben.

    Der wesentliche Punkt wird eigentlich im Artikel schon angesprochen: Es gibt immer mehr Single-Haushalte, die auch richtig Geld für große Wohnungen haben. Warum kein Arbeitszimmer und keinen begehbaren Kleiderschrank, wenn es das Budget hergibt? Irgendwo muss doch die Knete hin und die gehorteten "Reichtümer" gelagert werden. Man lebt ja schließlich nur einmal. Es ist ja völlig klar, dass unter diesem Gesichtspunkt der verfügbare Wohnraum in den Städten abnimmt.

    Grundsätzlich gibt es wohl auch ein Missverständnis, was das "Recht auf Heimat" oder bezahlbaren Wohnraum betrifft. Wir leben in einer Gesellschaft, in der grundsätzlich nur der (Wohn-)Eigentümer diese Rechte hat. Den Rest regelt der Markt. Wer die Miete (nicht mehr) bezahlen kann, der soll sich eine Bleibe suchen, bei der es (wieder) klappt. Das neue Quartier mag ja nicht mehr ganz den eigenem Verständnis und Wünschen entsprechen, aber so ist das Leben halt. Nicht alles kann immer subventioniert werden.

    Antwort auf "Altbauten wieder bauen"
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    • guiri
    • 26. Dezember 2012 10:16 Uhr

    Zumindest was Berlin und Hamburg betrifft stimmen Ihre Aussagen nicht. Dort haben Altbauten eine wesentlich höhere Qualität als so ziemlich alle Neubauten.
    Hauptvorteil dürfte die Ästhetik sein. Aber auch Deckenhöhen, Dielenböden, solide Wände - davon kann man bei Neubauten nur träumen. Das Argument mit der Lage stimmt auch nicht. Altbauten SIND oft das Stadtzentrum. Ein Zentrum ohne schöne Altbauten ist das ödeste was es gibt. Darum bauen sie sich ja in Dresden alles wieder auf. Haben Sie mal den Neumarkt gesehen als da nur ein paar Nachkiegsbauten standen? In Berlin fühle ich mich in der Leipziger Straße (von der Lage her Zentrum) weit weniger in der Stadt als z.B. in Kreuzberg (nicht Zentrum).
    Und ich habe seit Jahren keinen Altbau mehr mit Außentoilette gesehen.

  2. Der Artikel gefält mir gut, er stellt eine sehr gelungene Analyse des heutigen Wohnmissstands dar.

    Einen Punkt würde ich noch hinzufügen. Überall wird die Gentrifizierung beklagt. Aber Gentrifizierung entsteht auch, wenn "gentrifizierbare" Wohngegenden knapp sind. Das Angebot an schönen, gemischten, fußgängerfreundlichen Vierteln ist in Deutschland kleiner als die Nachfrage. Der Markt reagiert aber nicht auf die Nachfrage, also steigen die Preise ins unermessliche. (Das ist in etwa so, wie wenn nur ein Hersteller Luxusautos produzieren dürfte; dann würde dieser Monopolpreise nehmen können).

    Warum reagiert der Markt nicht auf die Nachfrage nach Wohnungen in gründerzeitähnlichen Vierteln? Weil er das nicht darf. Weil die Baugesetze bestimmen, dass jedes neue Haus Parkplätze haben muss. Weil Verkehrsplaner breite Straßen wollen. Weil jedes neue Haus teure Aufzüge haben muss. Usw., usw. Neue Gründerzeitviertel können nicht entstehen, also werden die alten immer teurer.

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    Jeder Eigentümer eines Grundstück mit einer attraktiven Lage in einer diese Städte dürfte sich vor dem Bau eines Hauses folgende Fragen stellen: Wie kann ich eine maximale Rendite erzielen? Wie kann ich dauerhaft diese Rendite erzielen? Wie habe ich am wenigsten Aufwand/Ärger mit dieser Immobilie?

    Diese landen dann ganz schnell bei ihren „Wunsch-Mietern“: Gut situierte, nicht mehr ganz junge Singles oder kinderlose Paare. Die sind eher ruhig und verwohnen das Gebäude nicht so schnell. Zweitens wollen die dort in der Regel sehr lange wohnen und können auch Preissteigerungen recht gut abfedern. Da solche Leute auch schon mal ans Alter denken, sind Lift und behindertengerechte Ausstattung ein echter Pluspunkt. Analoges gilt für den Stellplatz fürs Auto.

    Die ganzen Altbauten rentieren sich nur, weil diese schon lange abgeschrieben sind.

    Nebenbei ist das ganze Thema sowieso etwas Augenwischerei: Die Großstädte mit dieser „Wohnungsnot“ haben alle Problembezirke, in denen Wohnraum immer noch hinreichend günstig sein sollte. Da will nur keiner hin. Ein Teil der staatlichen Wohnungsbauprojekte vieler Großstädte der letzten Jahrzehnte ist ja grade in große Kästen geflossen, die heute Brennpunkt-Charakter haben.

    Was die Studenten und die Studentenstädte betrifft: Hier gilt auch nun mal das Gesetz des Marktes: Wer sich in dem Städtchen keine Bleibe leisten kann, der soll halt woanders studieren. Es gibt genug Uni-Städte, in denen das kein Problem ist.

  3. Betrachten sie doch einfach einmal die Zeiträume. Teilweise sind die Städte in Deutschland bis zu 2000 Jahre alt. Hätten schon die alten Römer mal richtig planen sollen, was aus Kölle mal so wird?
    Nüchtern betrachtet kann man immer nur für einen sehr überschaubaren Zeitraum planen. Wieviele Fabriken, Zechen, etc. sind schon geschlossen worden, um die mal Arbeiterwohnungen gebaut wurden? Die traditionellen Handwerkerviertel des Mittelalters gibt es schon lange nicht mehr...
    Also mir ist auch nicht bekannt, das Stadtplaner bei privat finanzierten Gebäuden auf dieser Granularitätsebene unterwegs wären. Die grundsätzliche Nutzung, das Erscheinungsbild und die Anzahl der Stockwerke, aber weniger die innere Gestaltung der Häuser.

    • rws
    • 23. Dezember 2012 23:51 Uhr

    "Oder glauben Sie ernsthaft, das Amt würde Ihre im Vertrag festgelegte Begründung nachträglich überprüfen?

    http://anwalt-im-netz.de/..."

    Haben Sie den von Ihnen verlinkten Artikel wirklich gelesen? Da steht wer die Begründung prüft. Mit Ihrem Ansatz "das prüft niemand" riskieren Sie bei Ablauf der Frist in einen unbefristeten Vertrag zu schlittern.

  4. Jeder Eigentümer eines Grundstück mit einer attraktiven Lage in einer diese Städte dürfte sich vor dem Bau eines Hauses folgende Fragen stellen: Wie kann ich eine maximale Rendite erzielen? Wie kann ich dauerhaft diese Rendite erzielen? Wie habe ich am wenigsten Aufwand/Ärger mit dieser Immobilie?

    Diese landen dann ganz schnell bei ihren „Wunsch-Mietern“: Gut situierte, nicht mehr ganz junge Singles oder kinderlose Paare. Die sind eher ruhig und verwohnen das Gebäude nicht so schnell. Zweitens wollen die dort in der Regel sehr lange wohnen und können auch Preissteigerungen recht gut abfedern. Da solche Leute auch schon mal ans Alter denken, sind Lift und behindertengerechte Ausstattung ein echter Pluspunkt. Analoges gilt für den Stellplatz fürs Auto.

    Die ganzen Altbauten rentieren sich nur, weil diese schon lange abgeschrieben sind.

    Nebenbei ist das ganze Thema sowieso etwas Augenwischerei: Die Großstädte mit dieser „Wohnungsnot“ haben alle Problembezirke, in denen Wohnraum immer noch hinreichend günstig sein sollte. Da will nur keiner hin. Ein Teil der staatlichen Wohnungsbauprojekte vieler Großstädte der letzten Jahrzehnte ist ja grade in große Kästen geflossen, die heute Brennpunkt-Charakter haben.

    Was die Studenten und die Studentenstädte betrifft: Hier gilt auch nun mal das Gesetz des Marktes: Wer sich in dem Städtchen keine Bleibe leisten kann, der soll halt woanders studieren. Es gibt genug Uni-Städte, in denen das kein Problem ist.

    Antwort auf "Sehr schöner Artikel!"
  5. Schade das hier mal wieder von dem gesprochen wird was "Architekten und Stadtplaner" anders machen sollten. Hier scheint jemand noch immer nicht verstanden zu haben das Bauherren, Investoren und Projektgesellschaften bauen und Architekten nur nach deren wünschen Realisieren / den Planungsprozess koordinieren. gebaut wird was sich verkauft und für Investoren rechnet. sonst gibt es auch keinen Auftrag für Architekten und Stadtplaner!
    Das Vermarkter , die dem Investor meist zur Seite stehen, nicht eben im Puls der Zeit leben, sondern diesem eher hinterher hinken ist da schon eher ein Grund der für unzeitgemäße Wohnungsgrößen und Grundrisse verantwortlich zeichnet, denn gewollt wird von deren Seite meist das was sich immer schon schnell und gut verkauft. Für "Neues" oder Zeitgemäßes ist da kein Platz - Mut!
    Schade das grade die Architekten und Stadtplaner als Auftragnehmer dafür meist die Schelte bekommen. Denn sie sind es, die als Einzige im Planungsprozess versuchen "neue" Wege einzubringen und den Blickwinkel zu erweitern.

    via ZEIT ONLINE plus App

  6. Ich schliesse mich meinem Vorkommentator an. Architekten und Städtebauer haben gar keinen Einfluss darauf, was gebaut wird. Das entscheiden die Bauherren. Und die würden sich niemals für Kleinfamilienwohnungen entscheiden, wenn dies nicht die vielversprechendste Variante wäre.
    Lösungen mit Behausungen auf dem Dach und anderen urbanen Nischen machen zwar in Architekturzeitschriften was her, aber da geht es um rein ästhetische Fragen. Mehr als Pilotprojekte werden das nicht, dafür sorgen das Bau- und das Grundstücksrecht.
    Der Artikel ist also extrem naiv. Das Thema wurde total verfehlt, weil die Akteure und deren Kompetenzen falsch dargestellt werden.

  7. Damals wohnten auch viel mehr Menschen in kleineren Wohnungen. Deswegen waren die hohen Räume auch nötig.

    Diese Häuser muß man im Winter auch heizen, das ist viel zu teuer.

    Wer davon träumt, der soll erst einmal in den 4. Stock hoch aber ohne Aufzug.

    Manche benötigen schon für ein Stockwerk abwärts einen Aufzug.

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    • guiri
    • 26. Dezember 2012 10:27 Uhr

    Ich wohne im Altbau im 4. Stock und finde es super. Das hält fit. Ich denke Vielen würde es mal gut tun, sich ein paar Treppen hochzuschleppen. Für Alte Leute ist es sicher nichts, aber es gibt auch in Altbauten EG-Wohnungen uns mittlerweile oft auch Aufzüge.

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