MietenPreisschub an der Leine

Selbst in Hannover ist der Mietenboom angekommen. von 

Glaubt man der Statistik, dann ist Hannover-Linden ein heruntergekommenes Viertel: über 14 Prozent Arbeitslosigkeit, ein Ausländeranteil von 30 Prozent, im Süden des Stadtteils erhält jeder dritte Bewohner staatliche Zuschüsse zum Leben. In Wirklichkeit aber verändert sich die Gegend rasant. Die Mieten steigen, und das vor allem dort, wo Investoren kommen, sagt Susanne Schönemeier vom örtlichen Mieterbund: »Wir waren hier mit fünf Euro Kaltmiete je Quadratmeter lange verwöhnt. Für sanierte Wohnungen und Neubauten werden heute schon zehn Euro verlangt.« Auch Hannover sei nicht mehr die gemütliche Großstadt, in der für Makler kaum etwas zu holen sei. Von »eklatanten Preisanstiegen« ist in den Lokalzeitungen zu lesen und von der großen »Angst vor den Investoren«. Meistens geht es dabei um Linden.

Ralf Schnoor spürt sehr genau, wie sich das Leben in seinem Stadtteil wandelt. Schnoor gehört in Linden ein Café, er ist hier aufgewachsen und hat ein feines Gespür für die Veränderungen in seinem Kiez. Der Mann ist eine lokale Berühmtheit. Vor zwei Jahren beantwortete er ziemlich cool die entscheidende letzte Frage bei Günther Jauch, wurde Millionär und führt seither trotzdem sein Café K in Linden-Mitte weiter. 2000 hat er es eröffnet, er kann die Zustände heute gut mit denen damals vergleichen: »Man sieht viel mehr Kinderwagen auf den Straßen, die Spielplätze sind kein Treffpunkt für Drogenabhängige mehr, und gerade hat ein neuer Bioladen in der Nachbarschaft aufgemacht.« Jemand wie Schnoor findet Gefallen an dieser neuen Umgebung. »Städte sind doch ständig im Wandel«, sagt er und erinnert daran, dass noch in den achtziger Jahren vor der »Slumisierung« der Großstädte gewarnt wurde.

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Nicht alle sind so gelassen wie Schnoor. 2011 kam es erstmals zum großen Knall. Eine Familie ließ die Wohnungen eines Mietshauses, zu dem auch eine Eisdiele gehört, aufwendig sanieren. Daraufhin schmissen Autonome die Scheiben ein – um gegen höhere Mietpreise zu protestieren. Tatsächlich investierte die Familie einige Hunderttausend Euro und vermietet nun für 9,30 Euro je Quadratmeter. »Was soll daran schlimm sein?«, fragt die Eigentümerin. In der Nachbarschaft besetzten Aktivisten eine leer stehende Villa und spannten ein Banner: »Game over Gentrification«. Damit spielen sie auf die mögliche Verdrängung von sozial schwachen Bürgern durch wohlhabendere Schichten an.

Noch lässt sich das nicht mit Zahlen belegen. Doch der grüne Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube ist überzeugt: Das ist nur eine Frage der Zeit. Im Rat der Stadt wollten die Grünen nun durchsetzen, dass »Hannover wieder in den sozialen Wohnungsbau einsteigt«, so der baupolitische Sprecher Michael Dette. Anfangs sollen 100 Wohnungen finanziert werden, mit niedrigen Kaltmieten von höchstens sechs Euro. Das könnten sich dann auch Schnoors Mitarbeiter leisten. Die meisten sind Studenten.

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    • Schlagworte Miete | Wohnen | Wohnungsbau | Sozialer Wohnungsbau
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