Deswegen schien sich Bauen nicht mehr zu lohnen – ganz allgemein, und im Speziellen kam der soziale Wohnungsbau aus der Mode. Öffentliche Wohnungsbestände wurden verscherbelt, um die Haushalte zu sanieren. Wenn im Bundestag über Wohnungs- und Stadtplanungspolitik debattiert wurde, blieben die meisten Bänke leer. In einem Land, in dem die Sozialpolitiker in alle möglichen Lebensbereiche hineinregieren, fanden sie ausgerechnet dieses Thema weitgehend irrelevant.

Ein großer Irrtum. Weil nicht weniger, sondern mehr Menschen in den Städten leben wollen. Weil mehr Zuwanderer kommen und mehr Menschen allein leben. Weil es die Preise treibt, dass Anleger aus der ganzen Welt Wohnungen im ökonomisch robusten Deutschland kaufen und viele verunsicherte Südeuropäer ihr Kapital jetzt zwischen Nordsee und Alpen parken. Weil auch die Deutschen in Zeiten der Euro-Krise gern in Betongold sparen und deswegen viele Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt werden. In Stuttgart kletterten die Mieten allein 2012 um 7,9 Prozent je Quadratmeter, in Hamburg um 6,3 Prozent und in Frankfurt um 4,5 Prozent. In Toplagen stiegen sie noch schneller, mancherorts um ein Drittel.

»Vor unhaltbaren Zuständen« warnte in der vergangenen Woche Franz-Georg Rips, Präsident des Mieterbundes. Er forderte in einem dramatischen Appell, dass die Steigerung der Mietpreise sofort gesetzlich stärker beschränkt werden und der Mieterschutz ausgebaut statt verringert werden müsse. Außerdem sollte schnell gebaut werden: Über 250.000 Wohnungen fehlten in Deutschland; wenn es so weitergehe, drohten »soziale Unruhen«.

Im vergangenen Oktober konnte man in Köln bereits Szenen erleben, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr kannte. Verzweifelte Suchende warteten in langen Schlangen, um den Zuschlag auf die eine freie Wohnung zu bekommen. Eine »Art Katastrophe« nennt Alexander Suchomski von der Kölner Studentenvertretung die Lage seiner Kommilitonen. In Hamburg gab es im Oktober die ersten Demos gegen Wohnungsknappheit, in Hannover flogen Wackersteine. Im Berliner Szeneviertel Kreuzberg blockieren Nachbarn seit Wochen die Zwangsräumung einer Familie, deren Wohnung verkauft werden soll.

Die Lage ist also tatsächlich ernst. Die Frage ist nur: Muss sie so ernst bleiben?

Frankfurt-Niederrad, ein grauer Nachmittag im November. Eine vierspurige Ausfallstraße, auf beiden Seiten sterile Betonkästen. Der Baukonzern Hochtief hat hier eine große Niederlassung, Siemens ist da, Nestlé und der Verband der Maschinenbauer. Im Hintergrund dröhnt die A5, und in regelmäßigen Abständen donnert ein Flugzeug über das Areal hinweg. Niederrad wurde in den sechziger Jahren konzipiert, um das Frankfurter Stadtzentrum zu entlasten. Ein Arbeitsplatz am Stadtrand, nicht weit vom Flughafen und mit dem Auto einfach zu erreichen. Man kommt hierher, um zu arbeiten – nicht um zu wohnen. Aber das ändert sich gerade.

In Frankfurt haben sich die Planer vor ein paar Jahren verschätzt. Sie bauten Büros, die niemand braucht. Allein in der Bankenmetropole stehen Maklerschätzungen zufolge 20 bis 30 Prozent aller Büros leer, das sind fast zwei Millionen Quadratmeter. Zugleich mangelt es an Wohnraum. Familien und Singles mit kleinem Geldbeutel haben Schwierigkeiten, überhaupt eine Bleibe in Zentrumsnähe zu finden – Frankfurt gehört zu den teuersten Städten der Republik. Trotzdem kommen immer noch mehr Menschen. Vor drei Jahren hatte die Stadt 670.000 Einwohner, heute sind es mehr als 700.000, und im Jahr 2020 sollen es laut Stadtverwaltung 725.000 sein. Sie alle wollen ein Zuhause.

Günter Hägele hat das früher bemerkt als andere. Hägele ist Ingenieur und Geschäftsführer der Immobiliengesellschaft Dreyer Real Estate. Der Schwabe hatte die Idee, leere Büros in Wohnraum umzuwandeln. Er begann mit einem alten Gebäude der IG Metall. Die Fassade wurde erneuert, Leitungen für Heizung und Wasser wurden verlegt, neue Wände eingezogen. Zu den Kosten sagt Hägele nichts, weil seine Kalkulationen für die Konkurrenz – »es gibt viele schlaue Leute in der Stadt« – allzu nützlich wären. Aber mit dem Ergebnis sei er »sehr zufrieden«.

Jetzt ragt an der Lyoner Straße 19, mitten in der Bürostadt Niederrad, ein zum Apartmentkomplex umgebautes Hochhaus in den Himmel. 17 Geschosse, 98 Wohneinheiten. Kaltmiete rund 13 Euro pro Quadratmeter. Hägele sitzt schon am nächsten Umbauprojekt.

Im Prinzip könnte er noch sehr lange so weitermachen: Die ungenutzten gewerblichen Flächen in Frankfurt würden Platz für 20.000 Wohnungen à 100 Quadratmeter bieten. Auch in anderen Städten könnte die Sache aufgehen, denn auch dort wurden zu viele Büros gebaut. Auf 1,8 Millionen Quadratmeter beziffern Makler den Leerstand in München, auf 1,2 Millionen in Hamburg. Doch Büros-zu-Wohnungen-Projekte wie das an der Lyoner Straße 19 sind immer noch selten. Zum Beispiel, weil die Umwandlung relativ aufwendig ist und die Eigentümer oft nicht mitspielen. Oder weil am Ende bei dem Quadratmeterpreis auch nur wieder Besserverdienende einziehen können. Der neue Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann weiß das, und er weiß auch, dass das Thema in seiner Stadt politischer Sprengstoff ist. Den Umbau von Büroflächen will er vorantreiben, aber allein darauf verlässt er sich nicht. »Bauen, bauen, bauen« hat er als Devise ausgegeben. Die Mittel für den Wohnungsbau wurden aufgestockt, neue Flächen ausgewiesen.