Das ist nicht nur in Frankfurt so. Viele Städte beleben gerade den sozialen Wohnungsbau, diese lange verpönte Politik, aufs Neue. Köln will öffentliches Bauen stärker fördern, in Bremen wird der Senat im kommenden Jahr 700 Sozialwohnungen bauen oder modernisieren, in Hamburg sollen von 6.000 neuen Wohnungen 2.000 öffentlich gefördert werden und damit Geringverdienern zugutekommen. Selbst in der traditionell sehr marktgläubigen Schweiz fordern die Bürger heute mehr Politik: In Zürich wurde vergangenen Herbst mit großer Mehrheit eine Initiative angenommen, die den Anteil an gemeinnützigen Wohnungen von heute einem Viertel bis zum Jahr 2050 auf ein Drittel erhöhen will.

Allerdings müssen die modernen Stadtplaner zugleich die Fehler ihrer Vorgänger vermeiden. Die hatten öffentlich geförderte Wohnungen oft in großem Stil und auf einem Fleck bauen lassen und dadurch ganze Viertel in Ghettos für sozial Schwache verwandelt. Daher schauen Kommunalpolitiker nun öfter nach München.

Ausgerechnet München, die Stadt der traditionell hohen Mieten, gilt inzwischen als ein Modell für den richtigen Mix. In der bayerischen Metropole sorgt die Stadtverwaltung mit viel Geld und außergewöhnlichen Regeln dafür, dass auch im Zentrum noch normale Mieter wohnen, dass sich Arme, Wohlhabende, Familien und Kinderlose mischen. »Wir wollen keine Stadt nur für die Reichen und Schönen sein«, sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Die Frau hat lange in Halle gearbeitet und musste dort zusehen, wie Stadtviertel sich leerten, weil die Menschen wegzogen. Jetzt erlebt sie das Gegenteil, kämpft gegen den Mangel an Wohnraum und kann trotz aller Mühen nie genug bieten. Doch ihren Elan hat das bisher nicht geschmälert. »Ich habe das große Glück, dass sich in dieser Stadt alle Politiker und Parteien in einem einig sind. Sie wollen aktive Wohnungsbaupolitik, um die Vielfalt zu erhalten«, sagt Merk.

Im Beamtenjargon der Münchner Kommunalverwaltung gibt es einen wichtigen Begriff, der »sozialgerechte Bodennutzung« heißt. Übersetzt bedeutet das: Wann immer ein Investor in der bayerischen Hauptstadt ein neues Gebiet oder Gebäude erschließt, darf er nur ein Drittel des Gewinns behalten. Die anderen zwei Drittel fließen in den Bau von Sozialwohnungen, Kindergärten, Schulen und Altentagesstätten. Natürlich gab es anfangs heftige Proteste gegen diese marktfeindliche Einmischung der Politik. »Heute ist das akzeptiert«, sagt Frau Merk. Erstens lohne sich das Geschäft trotzdem noch, und zweitens habe München großes Glück mit seinen Bauherren: »Hier bauen immer noch viele Unternehmer, die in der Stadt wohnen und denen etwas an einer lebenswerten Stadt liegt.«

Jetzt mischen sich die Bevölkerungsgruppen sogar im teuersten Haus der Stadt. In einem ehemaligen Heizkraftwerk gleich um die Ecke vom Viktualienmarkt wird noch gebaut. Es ist aber schon sicher, dass die Dachgeschosswohnung um die 20 Millionen Euro kosten wird. Das Hochhaus gilt bei vielen Münchnern als ein Symbol der Gentrifizierung, des Ausverkaufs eines gewachsenen Viertels an die Reichen. Elisabeth Merk findet das allerdings nicht fair. »Mir ist es ziemlich egal, wie teuer die teuersten Wohnungen sind, solange es daneben noch billige gibt«, sagt sie. Sogar in dem Heizkraftwerk sei das so. Ein Drittel der Wohnungen hätten dort eine Sozialbindung, die Mieten sind also begrenzt.

Merk weiß, dass sie in einem Teufelskreis steckt. Gerade weil die Stadt so aktiv für die richtige Mischung sorgt, bleibt sie begehrt, und deswegen bleibt das Angebot auf dem freien Wohnungsmarkt teuer. Aber genau aus dem Grund will sie den nötigen Mix künftig noch stärker fördern, will bei neuen Projekten künftig noch mehr Fläche für Genossenschaften reservieren, die Verdichtung fördern und mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft oder kleinen Baugruppen ganz neue Wohn- und Bauformen testen, die weniger Geld und Raum brauchen, schon weil die Bewohner anders wohnen wollten.

So wie die Zieglers in Berlin. In ihrer Altersgruppe, den um die 40-Jährigen, kann man kaum noch ein Gespräch führen, bei dem es nicht um Immobilien, um Baugruppen oder um Wasserhähne und Holzarten für den Fußboden im neuen Zuhause geht. Die Gespräche klingen trotzdem anders als die ihrer Eltern. Torsten Ziegler wollte immer in der Stadt bleiben, nicht raus ins Grüne. Ihm war das Gemeinschaftshaus wichtig.

Deswegen entschieden er und seine Frau sich für die Wohnung in dieser Baugemeinschaft, ein paar Kilometer stadtauswärts in Pankow. Das tun jetzt viele: 2001 gab es in Berlin kaum eine Baugemeinschaft, inzwischen sind es an die 350. Bis zu 20 Prozent billiger sind die Wohnungen, die sie bauen, die Kosten für Architekten, Handwerker und Notare werden geteilt, der Anteil an der Grunderwerbssteuer ist geringer, und die Gewinnmarge des Bauträgers entfällt. Leider nur fördert Berlin – anders als München – die soziale Mischung nicht: Den Zieglers kommt ihre Baugruppe manchmal ziemlich homogen vor.

Doch da liegt die eigentliche Chance der Krise: Statt blind zu klotzen, könnten die neuen Wohnungen den neuen Bedürfnissen der heutigen Menschen angepasst werden. Noch sind die meisten Angebote zugeschnitten auf das Lebensmodell der Nachkriegsgenerationen – Einverdienerfamilien mit zwei Kindern. Aber für Familien mit zwei berufstätigen Eltern passt das Haus mit Garten am Stadtrand oft nicht mehr. Es bedeutet zu viele Fahrten, zu wenig Kita-Plätze, keine Ganztagsschulen. Und die Wohnung in der Stadt passt nicht für die Singles, Geschiedene, Patchworkfamilien oder Erwachsene, die mit ihren pflegebedürftigen Eltern leben, für Mobile, die nicht wissen, wo sie als Nächstes leben.