WohnungsnotUnsere neue Heimat
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Alte Menschen teilen ihre Wohnungen mit Studenten

Bis auch die Kommunalpolitiker und die staatlichen Planer so weit denken, helfen sich die Bürger mit weniger Platzbedarf selbst. Sie improvisieren und rücken in Wohnungen, die zu groß geworden sind, wieder zusammen. An einem Dienstagmorgen um acht sitzen Herwig Nowak (77) und Emile Le Menn (18) gemeinsam am Frühstückstisch im Kölner Agnesviertel und schauen auf die Kirche vor dem Fenster. »Frische Brötchen gibt es nicht immer«, sagt der Rentner und gießt dem Studenten aus Frankreich starken schwarzen Kaffee ein. Aber gemeinsam essen würden Emile und er oft, schließlich gehöre das zur Abmachung. Emile nickt grinsend. Das Resultat sei leider selten großartig, kochen könne keiner von beiden. »Aber das wollen wir ja gemeinsam lernen.«

»Wohnen für Hilfe« heißt das Projekt, das sie zusammengebracht hat, den Rentner und den Studenten, und das es inzwischen in 20 Universitätsstädten gibt. Erfunden wurde es, um die Wohnungsnot in den Uni-Städten ein wenig zu lindern, und es funktioniert nach einem ganz einfachen Prinzip: Alte Menschen teilen ihre Wohnungen mit Studenten. Die wiederum helfen dafür im Alltag. Eine Stunde im Monat pro vermietetem Quadratmeter lautet die Faustregel, andere Absprachen sind möglich.

Mit dieser Methode lässt sich die Wohnungsnot der Studenten nicht im großen Stil beheben. Aber es ist eine der vielen kleinen Lösungen, die die akute Not mildert und neue Wohnmodelle ausprobiert.

Bürgerschaftliches Engagement macht auch in Leipzig, der Stadt mit dem größten Bestand an alten Gründerzeitbauten in Deutschland, Schule: Dort fehlen ebenfalls Wohnungen für Leute mit wenig Geld, zugleich stehen alte Häuser leer, weil das Geld für ihre Renovierung fehlt. Die werden nun vergeben, oft an Studenten, Künstler oder ärmere Existenzgründer. Die Bewohner können bis zu fünf Jahre Miete sparen, wenn sie sich um die Immobilie kümmern: Sie reparieren kleinere Schäden, informieren den Besitzer über Probleme etwa mit defekten Wasserrohren oder undichten Stellen im Dach, und sie schützen durch ihre Anwesenheit vor Vandalismus.

»Klar haben für mich die Kosten eine Rolle gespielt«, sagt Ronald Pohl, 40. Er sitzt im dritten Stock eines halb sanierten Altbaus im Leipziger Musikerviertel in einer WG-Küche, raucht selbst gedrehte Zigaretten und streichelt die schwarz-weiße Katze Ornella. Im Treppenhaus stehen Kisten mit Bauschutt und Farbeimer, im Wohnungsflur hält ein altes Regal Kunstbände und Philosophie-Klassiker an der Wand. Das Gründerzeithaus in der Zschocherschen Straße hat schon fünf Jahre als sogenanntes Wächterhaus hinter sich. Einer der Bewohner, der einen Internet-Versandhandel mit kleinem Verkaufsraum im Erdgeschoss betreibt, hat lange mit der Bank über einen Kredit verhandelt, am Ende mit Erfolg. Jetzt kann er einige der Wohnungen günstig vermieten, Pohl und seine WG-Genossen zahlen vier Euro Kaltmiete pro Quadratmeter im Monat.

Der Verein Haushalten hat in Leipzig bisher 16 sogenannte Wächterhäuser gegründet, meistens große Gründerzeitbauten in Ecklagen, die als schwer verkäuflich galten. Viele Besitzer wohnen in anderen Teilen Deutschlands und sind unsicher, was sie mit ihren langsam verfallenden Immobilien anfangen sollen. Diese Situation nutzt der Verein, er bringt Besitzer und Bewohner zusammen – und hat dazu beigetragen, dass schon sieben ehemalige Wächterhäuser nach der fünfjährigen Übergangsphase neue Eigentümer fanden, oft ehemalige Bewohner. Überall sind auf diese Weise billige Wohnungen, Gewerbeflächen und Ateliers entstanden.

Mittlerweile gibt es Wächterhäuser in fünf anderen ostdeutschen Städten, auch aus Westdeutschland kommen Anfragen, Bremerhaven will das Modell erproben. Es funktioniert umso besser, je mehr Leerstand es gibt – in Metropolen wie München oder Hamburg ist das zwar seltener, aber auch hier gibt es einzelne Gebäude, die infrage kommen, und in Berlin erst recht.

Die Idee, ungenutzten Wohnraum der Allgemeinheit zugänglich zu machen, gefällt auch Franz Müntefering. Er war einst der Bauminister von Gerhard Schröders erster rot-grüner Koalition und zuvor in der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Sein eigener Vorschlag: Kommunen sollten in der aktuellen, drängenden Situation leer stehenden Wohnraum von Privatleuten anmieten oder kaufen und günstig an Suchende weitervermitteln.

Mit anderen Worten: Die Politik müsste den Bürgern, die es können, die Chance geben, sich selbst zu helfen.

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Leserkommentare
    • road90
    • 21. Dezember 2012 8:13 Uhr

    ..., d.h. die brutalen Kapitalisten wollen mal wieder Extraprofit schlagen.

    via ZEIT ONLINE plus App

    • H.v.T.
    • 21. Dezember 2012 8:25 Uhr

    bezahlbar zu halten, sondern auch auf einen guten Ausbau vor allem des Umlandes. Hier sind Potentiale, die von der Politik massiv vernachlässigt werden; beispielhaft sei die Anbindung des Schienenverkehrs an die Großstadt erwähnt, die maßgeblich nicht nur vernachlässigt wurde, sondern auch weiterhin durch eine starke Kürzung der täglichen Zugfahrintervalle ein Leben im Umland sehr schwer macht.

  1. 3. .....

    Kommunen sollten in der aktuellen, drängenden Situation leer stehenden Wohnraum von Privatleuten anmieten oder kaufen und günstig an Suchende weitervermitteln

    ...bevor die Bürger noch mündiger selbstorganisiert tolle Projekte entwickeln.
    Warum unterstützen Politiker nicht entsprechende Projekte?

  2. komplexes Thema, weswegen es nicht so einfach ist einen Artikel darüber zu schreiben.
    Das Problem ist nicht neu und komplexer. Wenn man vom Immobilien- Markt schreibt, sind es durchaus die eigenen Nachbarn, die die Miete nach oben schrauben, sind es durchaus die Bekannten, die nicht genug Geld einnehmen können. Gesetzliche Möglichkeiten haben sie dafür genug, auch von der SPD geschaffen, zwecks Wahlkampf Steinbrück, der wirklich überall abschöpfen will. Bei Neuwohnungen gibt es z.B. keine Mietpreisbindung.
    Aber zum Thema. Das eine fördert das andere. Da die Zinsen bei Banken und Investmentgeschäften so weit unten liegen und da erst einmal bleiben werden, müssen z.B. Rentenkassen und Versicherungen ihr Geld in Projekte anlegen, was deren Satzung vorschreibt. In Betriebe zu investieren ist risikohaft und nicht von Dauer. Was bleibt dann anderes übrig, als Immobilien. Zum anderen ist es doch nicht so schlecht, dass die Gelder wieder intern angelegt werden, statt in "untergehende Schiffe", die Billigprodukte aus China an Land schippern.
    Wer also seine Rente sicher haben will, muss zwangsläufig höhere Mieten in Kauf nehmen.
    Bei dem Bodenbesitz in den Städten, haben die Kommunen keine Chance dagegen etwas zu unternehmen, da sie ja kaum noch über Boden verfügen. Die vorgestellten Einzelprojekte sind daher eher "Hobby" für die Beamten der Stadtverwaltung.
    Die Preise werden steigen müssen, sonst gäbe es auch keine Stadt"entwicklung", keine Anlageprojekte.

  3. in köln an jeder ecke.

    deutscher michel-wann erwachst du endlich...

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    Wir brauchen dringend Arbeitsplätze, die genügend profitabel sind. Erst dann können wir das notwendige Einkommen erwirtschaften. Wer das Ein mal eins anwenden kann, wir sich sehr schnell ausrechnen können, daß Schröpfen der sogenannten Reichen nicht einmal zur Einkommenssicherung der Bevölkerung für einen Tag reicht.

  4. nur solche Wohnungen erfasst werden, bei denen sich in den letzten 2 Jahren etwas verändert hat. Da es naturgemäß keine Senkung der Miete gibt, sondern immer nur Erhöhungen, werden also nur Wohnungen berücksichtigt, bei denen sich die Miete erhöht hat.
    Ich erhielt für meine Wohnung lange keine Erhöhung (mit Gründen, wie ich vermute, die in meinem persönlichen Engagement für Haus und Garten liegen) und ich werde regelmäßig aussortiert bei dieser Erhebung, für die ich vor Jahren mal befragt wurde.
    D.H. also, Mieten, die den Durchschnitt senken könnten, werden nicht berücksichtigt.
    Noch so ein Geschenk für Vermieter.

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    in der AUSSAGEKRÄFTIGEN ÜBERSCHRIFT!

  5. in der AUSSAGEKRÄFTIGEN ÜBERSCHRIFT!

    • Inch
    • 21. Dezember 2012 8:46 Uhr

    Liebe Zeitredaktion,

    die Zschochersche Straße liegt nicht im Leipziger Musikerviertel, sondern in Plagwitz!!!!

    Gruß
    Inch

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