WohnungsnotUnsere neue Heimat

Das Wohnen in der Stadt wird rasend schnell teurer. Die Deutschen wehren sich – mit neuen Sozialwohnungen und Projekten für Alt und Jung. von , , und

Man kann sich wehren. Man kann etwas tun gegen steigende Mieten und gegen die Vertreibung aus den schönsten Lagen der Stadt. Die Zieglers, beide Mitte vierzig, beide typische Vertreter der Mittelschicht, haben es getan. Sie schwärmen jetzt von der Wohnung, in die sie bald mit ihren beiden Kindern ziehen wollen.

Torsten Ziegler sitzt in der Küche seiner Mietwohnung, vor ihm liegt der Grundriss des zukünftigen Heims: vier Zimmer, 94 Quadratmeter für 220.000 Euro. Die Zieglers sind Teil einer Baugemeinschaft, errichten zusammen mit 28 anderen Familien ein Haus. Samstags treffen sie manchmal die künftigen Nachbarn an der Baugrube in Pankow, einem Stadtviertel im Nordosten Berlins. Gemeinsam schauen sie, wie es vorangeht.

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Eigentlich ist die Geschichte der Zieglers eine Geschichte der Vertreibung. Noch wohnen sie mitten im beliebten Viertel Prenzlauer Berg. Doch die Mieten steigen seit Jahren, die alten Mieter gehen, und jede Woche wird irgendwo eine Wohnung luxussaniert. Auch bei den Zieglers war es irgendwann so weit.

Ihre Bleibe mit den Dielenböden, den vier Meter hohen Wänden und dem Stuck gehört seit fünf Jahren einer dänischen Gesellschaft. Die will sie jetzt möglichst teuer weiterverkaufen und klagt gegen die Familie. Die Zieglers haben deshalb darum gebeten, dass ihr Name für diesen Artikel geändert wird. Noch müssen sie die anderthalb Jahre bis zum geplanten Einzug überstehen. Bis dahin kann viel geschehen, auch finanziell.

Die Zieglers sind keine armen Leute. Der Mann arbeitet als Videodesigner, seine Frau als Managerin im Verkauf. Doch auch für Menschen mittleren Einkommens wird es schwerer, in einer großen Großstadt unterzukommen. Zugleich fangen sie jedoch an, sich zu wehren. Mit Fantasie, mit Wut und neuen Ideen fürs Wohnen von morgen.

Quasi über Nacht hat sich in Deutschland die fast schon vergessene soziale Frage in den Vordergrund geschoben: Wo kommen bezahlbare Wohnungen her? Wie kann es gelingen, dass die Mieten in Hamburg, München, Berlin und sogar Hannover nicht so explodieren wie in London oder Paris, wo sich vornehmlich reiche Eigentümer das Leben in der City leisten können? Längst trifft die Wohnungsnot nicht mehr nur die Studenten, Arme oder Rentner, auch ganz normale Familien werden aus ihren Vierteln verdrängt. Und besonders leiden die, die mobil sein müssen. Jeder Umzug in eine andere Stadt kann heute zu einem finanziellen Risiko werden, sicher aber senkt er den Lebensstandard. Denn gerade bei Neuvermietungen explodieren die Preise.

Das Thema hat inzwischen den Wahlkampf erreicht. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kündigte in seiner Nominierungsrede auf dem SPD-Parteitag am vergangenen Sonntag einen »Nationalen Aktionsplan für Wohnen und Stadtentwicklung« an. Er will die Mieter vor schlimmen Preiserhöhungen schützen. Im anderen politischen Lager kündigt der Bauminister Peter Ramsauer (CSU) an, dass seine Regierung den sozialen Wohnungsbau auch nach der Wahl weiterfinanzieren will.

Doch es geht nicht nur um die Masse an bezugsfertigem Beton – es geht um mehr. Darum, wie hiesige Städte in Zukunft aussehen werden; wie bunt, lebendig und vielfältig sie noch sein können. An der Entscheidung, wer welche Wohnungen besitzen kann und wie Häuser gebaut und saniert werden, hängen große Zukunftsfragen: der Zusammenhalt der Bürger, die Mobilität der Gesellschaft, das Verhältnis zwischen Eigentümern und Besitzlosen, die Integration von Minderheiten, die Versorgung alter Menschen, die Lebensqualität von Familien und sogar die Frage des CO₂-Ausstoßes. Doch lange hat das keinen interessiert.

Bisher waren explodierende Immobilienmärkte immer das Problem von anderen. Man kannte die wilden Geschichten aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien oder Spanien, wusste von Inflationsängsten, Gier und Spekulationsblasen. Ohne das Auf und Ab der Wohnungsmärkte hätte es die Finanzmarktkrise nicht gegeben – und doch blieb das alles für die meisten Deutschen eher abstrakt. Der demografische Wandel, dieser Doppeltrend aus Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung, schien ein Garant dafür zu sein, dass hierzulande die kleiner werdende Zahl der Menschen stets eher zu viel als zu wenig Wohnraum haben werde.

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