Auweia, das Mitarbeitergespräch! Eigentlich hätte es schon vor vier Monaten stattfinden sollen. Aber der Vorgesetzte hat es vergessen, der Mitarbeiter nicht vermisst. Ihre Abneigung gegenüber Mitarbeitergesprächen verbindet Führungskräfte und Geführte. Dabei basiert dieses Gespräch auf einer guten Idee: Beide sollen sich unter vier Augen über das abgelaufene Jahr austauschen. Wie lief die Zusammenarbeit? Inwieweit hat der Mitarbeiter seine Ziele erreicht? Welche zusätzliche Unterstützung wünscht er? Chef und Mitarbeiter vergleichen ihre Sicht, diskutieren Differenzen und einigen sich auf neue Ziele.

Doch obwohl von einem »Mitarbeitergespräch« die Rede ist: Meist steht nicht der Mitarbeiter, sondern ein läppisches Formular im Mittelpunkt. Dort sind Eigenschaften angegeben, zum Beispiel »rhetorisches Geschick«, und nun darf der Mitarbeiter sich selbst benoten, während der Chef ebenfalls urteilt. Am Ende vergleichen beide ihre Ergebnisse.

Die Krux: Dasselbe Formular gilt meist für Mitarbeiter verschiedenster Bereiche. Wie soll eine Angestellte, die Stillarbeit in der Buchhaltung leistet, sich im »rhetorischem Geschick« benoten? Wie soll ein Monteur aus der Werkshalle, der beim Arbeiten stets schmutzig wird, sein »gepflegtes Äußeres« bewerten? Und welches Urteil ist bei jemandem, der nichts zu entscheiden hat, über seine »Entscheidungsfreude« möglich? Solche Formulare senden das Signal: »Es geht hier nicht um den Menschen, sondern um einen bürokratischen Akt!« Der Mitarbeiter wird zur Sardine, und das Gleichmachen beginnt mit dem Kopfabschneiden, wie die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Jeannine Luczak sagt.

Effektiver wäre es, Chef und Mitarbeiter fragten sich zu Beginn des Gespräches: Welche Eigenschaften braucht es, um diese Stelle auszufüllen? Jeder schreibt fünf bis zehn Punkte auf. Dann vergleichen beide: Wo liegen die Gemeinsamkeiten ihrer Definition? Wo die Unterschiede? Wie kommt es dazu? Inwieweit ist der Mitarbeiter diesen Anforderungen gewachsen? Was kann er tun, um weiter zu wachsen? Und wie kann der Chef ihn dabei unterstützen, etwa durch Fortbildungen oder durch interessante Aufgaben?

Bei einem solchen Gespräch ginge es wirklich um den Mitarbeiter und nicht nur um ein Formular. Ein solcher Austausch könnte individuell und konstruktiv sein – und womöglich so beliebt, dass der Termin nicht dauernd »vergessen« würde.