Peer Steinbrück99 Fragen an Peer Steinbrück

Mehr braucht kein Mensch von Moritz von Uslar

Der Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in der Auguststraße, Berlin: Holz, Kronleuchter, blinde Spiegel. Es ist die zweite Veranstaltung der 99 Fragen, die vor Publikum stattfindet: Interviewer und Interviewter sitzen auf einer Bühne, etwa 250 Zuhörer haben Platz. Dem Kandidaten ist gesagt worden, dass er kurze Antworten geben soll: »Wir wollen den Maschinengewehr- Steinbrück sehen!« Nickender Kandidat, er zeigt zum ersten Mal seine Zähne. Applaus im Publikum. Dem Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers müsste es derzeit sehr gut gehen: Seine Rede beim Nominierungsparteitag der SPD war ein voller Erfolg. Und so wirkt er auch: gespannt, locker, konzentriert. Steinbrück, die Rakete, der Bullterrier, das Nashorn: Man hat – natürlich – auch ein bisschen Angst vor ihm. Selbst bei Interviews mit den »tagesthemen« wirkt er so, als ob er jederzeit bereit wäre, eine Schlägerei anzufangen. Die Gefahr bei diesem Livegespräch besteht nicht darin, dass ihm die Fragen zu tough sein könnten; Gefahr liegt einzig in der Möglichkeit, dass er sich langweilt – dann, so Beobachter des politischen Geschäfts, kann dieser Kandidat richtig ungemütlich werden. Unser Konzept besteht also darin, dass wir ihm abwechselnd sehr naheliegende und banale Fragen vor die Füße rollen, die ihn unterfordern, und ihn mit kleinen Gemeinheiten stechen. Du liebes bisschen: Wir fangen ganz locker an.

1. Geld oder Liebe?

Beides.

Lacher. Applaus im Publikum. Gleich mit der ersten Antwort hat der Kandidat Kontakt zum Saal aufgenommen. Steinbrück: Vollprofi. Er grinst ins Publikum: seine Zähne! Du lieber Himmel. Es geht gleich ab.

2. Schnaps oder Bier?

Bier.

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3. »High Noon« oder »Blade Runner«?

Peer Steinbrück

66, Kanzlerkandidat der SPD, war Ministerpräsident von NRW und Bundesfinanzminister. Nach Kritik an seinen Nebeneinkünften veröffentlichte er im Oktober einen Bericht, dem zufolge er zwischen November 2009 und Juni 2012 etwa 1,25 Millionen Euro an Vortragshonoraren erhalten hat. Steinbrück ist mit einer Lehrerin verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bonn.

Eindeutig Blade Runner. Blade Runner im Director’s Cut.

Und der Kandidat wird jetzt vom Interviewer mit dem taktischen Lob unterbrochen, dass er das ganz großartig macht. Kurze Antworten: Danke, bitte weiter so! Im nächsten Absatz, so erfährt der Kandidat, kommen ein paar psychologische Fragen.

4. Lieblingswort »Bullshit«?

Ich mag das Wort leiden, weil es sich im Englischen höflicher anhört als ein vergleichbares deutsches Wort.

5. Wird Ihnen auch immer schlecht, wenn Politiker von »den Menschen« reden?

Eindeutig ja. Ich würde von den Bürgern und Bürgerinnen reden.

6. Verstehen Sie, wenn die Leute ein bisschen Angst vor Ihnen haben?

Das verstehe ich nicht, weil ich eigentlich ein ganz friedfertiger Mensch bin.

7. Kann man das lernen, ein wenig freundlicher zu gucken?

Das ist schwierig. Die runtergezogenen Mundwinkel und die zusammengepressten Lippen, die spiegeln sehr selten meine Gemütslage wider.

8. Sind Sie mit Frauen eigentlich genauso knallhart wie mit Männern?

Pause. Etwa drei Sekunden Pause. Er wartet, bis die Leute lachen. Dann grinst er selber.

Nicht in allen Lagen.

9. Ist das Ihr Trick, dass Sie wirklich etwas sagen, wenn Sie etwas sagen?

Das ist kein Trick. Dieses Geschwafel passt einfach nicht zu mir.

10. Können Sie jetzt mal auf den Punkt eine Schlagzeile liefern?

Eine gute Grundlage ist die beste Voraussetzung für eine solide Basis.

11. Haben Journalisten zu oft ein Glaskinn?

Eindeutig ja. Journalisten sind gut im Austeilen, aber umgekehrt sehr empfindlich und schlecht im Einstecken.

12. Können Sie kurz klarstellen, welches Honorar Sie für dieses Interview erhalten?

Bisher nur ein Glas Wasser.

Zwischenapplaus. Der Kandidat schaut jetzt erst – zum ersten Mal – dem Fragensteller ins Gesicht. Vollprofi! Logisch, der Kontakt zum Publikum ist ihm wichtig, hier muss er die Zustimmung gewinnen. Er sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen: wunderbar angespannter, dabei komplett beweglicher, jederzeit zu einer üblen Keilerei bereiter Kandidat.

13. Niemals ein Glas Rotwein unter fünf Euro?

Das kommt auf die Weinlage an.

14. Was kosten Ihre Schuhe?

Ich vermute, um die 150 Euro. Was kosten Ihre?

Er wendet zum zweiten Mal den Kopf zum Fragensteller. Langsam. Des Kandidaten Blick zielt durch die Brillengläser. Zähneblecken: Man sieht vor allem die untere Zahnreihe. Steinbrücks berühmter »Was willst denn du, Bürschchen?«-Blick. Er kann so geil lauernd, verächtlich, angriffslustig gucken. Dieser Blick ist ein sehr, sehr gekonnter Blick – natürlich auch eine Aufforderung zum Spielen!

15. Wann zuletzt Ihre Netzcard First von der Deutschen Bahn eingesetzt?

Von Dortmund nach Berlin nach der Hauptversammlung von Borussia Dortmund.

16. Wie viele Tage sind es noch bis zur Bundestagswahl?

273.

Gelächter. Triumphierender Kandidat. Steinbrück zeigt auf den Fragensteller.

Das kann er jetzt so schnell nicht nachprüfen.

17. Unter uns: Ist der Käs’ gegessen?

Wo haben Sie denn den Dialekt her?

18. Was ist gut an einem Fehlstart?

Dass es nur noch bergauf gehen kann.

19. Werden Sie sich jetzt bald die schwarze Hornbrille kaufen, mit der Steinmeier, Westerwelle und Wulff ihr Image aufpoliert haben?

Garantiert nicht, denn der Durchblick wird ja durch eine neue Brille nicht besser.

20. Wofür haben Sie die viel zitierte Beinfreiheit zuletzt genutzt?

Um Ihnen auf die Füße zu treten.

21. Welcher kreative Affe hat Sie eigentlich geritten, als Sie zustimmten, den Gag mit den Wohnzimmergesprächen in Ihr Programm zu nehmen?

Das ist kein Gag, sondern eine vernünftige Idee. Weil es eine Art ist, dialogisch mit Menschen umzugehen und nicht im Sinne von Frontalunterricht. Wir haben da von Veranstaltungen abgekupfert, wie sie in den USA stattfinden.

22. Auf den Punkt: Geht es Deutschland für eine Wechselstimmung einfach zu gut?

Viele Menschen vermissen etwas. Viele Menschen haben den Eindruck, dass diese Gesellschaft nicht mehr zusammenhält. Deshalb sprechen die ökonomischen Daten nicht unbedingt für einen Wechsel. Aber einige glauben, es ist etwas aus dem Lot geraten.

Fünf Minuten rum. Noch ist nichts komplett schiefgegangen. Wir nehmen uns jetzt den Kandidaten Steinbrück vor, wie er sich in seiner Nominierungsrede präsentiert hat.

23. Zitat: »Mehr Wir, weniger Ich.« Wer ist das Ich?

Wir alle einzeln. Nach dem Motto: Alle denken an sich, nur ich, ich denke an mich.

Applaus. Es ist der erste Applaus, der dem Inhalt einer seiner Aussagen gilt. Weniger Egoismus: super. Finden alle gut.

24. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität sind Grundlagen Ihrer Kandidatur: Was sind bitte die Grundlagen Ihrer Kandidatur?

Dasselbe in umgekehrter Reihenfolge.

25. Echt wahr, dass Sie noch nie eine Wahl gewonnen haben?

Das stimmt nicht. Ich habe zwei Mal einen Wahlkreis gewonnen. Aber eine Landtagswahl habe ich verloren, mit einer Stimmenzahl, mit der Hannelore Kraft jüngst gewonnen hat.

26. Wären 29 Prozent für die SPD ein tolles Ergebnis?

Eindeutig nicht. Aber eine Messlatte lege ich jetzt nicht, damit Sie mich nicht ständig nach meinen Hochsprungqualitäten fragen.

27. Wissen Sie, warum der Steinmeier nicht kandidiert hat?

Ja. Aber ich verrat’s Ihnen nicht.

28. Haben wir das richtig verstanden, dass man, wenn man Sie wählt, Frank-Walter Steinmeier als Außenminister kriegt?

Er hat alle Wahlmöglichkeiten.

29. Wo liegt noch mal die Mitte?

Wo wir beide sitzen.

30. Korrekt, dass sich in der Mitte mittlerweile mehr Wut auf Banker und Privatisierung findet als im SPD-Vorstand?

Ja, die Mitte hat die nachvollziehbare Vorstellung, dass Maß und Mitte verloren gehen könnten in dieser Gesellschaft.

31. Wer ist derzeit die größte Nervensäge bei den Grünen?

Der Gärtner, der in der Nachbarschaft am Samstagnachmittag den Rasen mäht.

32. Können Sie jetzt mal, versuchsweise, mit einer sozialliberalen Koalition drohen?

Laden Sie das nächste Mal Herrn Kubicki ein.

Wir müssen ihn – jetzt – mit ein paar Merkel-Fragen quälen.

33. Sagen Sie Mutti?

Niemals. Zu despektierlich.

34. Kann Merkel SPD?

Nur, wenn die SPD ihr behilflich ist.

35. Der Moment, in dem Sie mit Merkel den Deutschen garantiert haben, dass die Sparkonten sicher sind: War das der deutscheste Moment der Politik der letzten zehn Jahre?

Der deutscheste Moment? Was soll denn das bedeuten? Wie lange haben Sie denn über dieser tollen Frage geknüselt? Es war kein deutscher Moment. Es war ein Moment, in dem es darum ging, den Deutschen Angst zu nehmen. Darauf könnte ich jetzt länger antworten, aber das mögen Sie ja nicht.

36. Hat der Moment, in dem Sie mit Frau Merkel die Spareinlagen garantiert haben, Sie nicht auf ewig auf die Rolle des Assistenten festgelegt?

Nein. Ich habe nicht den Eindruck, dass da Koch und Kellner aufgetreten sind. Es war geradezu notwendig, dass da zwei standen, die eben nicht parteipolitisch motiviert sind und versuchen, Geländegewinne zu erzielen. Nur das hat Vertrauen geschaffen.

37. Wie kritisieren Sie die Garderobe der Frau Merkel?

Die Frau ist definitiv nicht exaltiert.

38. Welche ist Merkels größte politische Fehlleistung in den letzten fünf Jahren?

Dass sie keine neue Geschichte von und über Europa entwickelt. Und den Menschen nicht vermittelt, dass Europa ein großes zivilisatorisches Projekt ist.

39. Ist das Ihr größtes Problem, dass Merkel fast nie etwas sagt?

Das Ungefähre schützt vor Kritik und Anwürfen. Sie bleibt gern so lange wie möglich in Deckung.

Wir sprechen jetzt: seit elf Minuten. Plötzlich Sorge beim Interviewer, dass es doch zu wenig konkret, zu inhaltsleer, zu ungefähr wird. War er schon einmal gefordert, hat er sich schon einmal mit einer Aussage gefährdet? Des Kandidaten Leistung besteht natürlich darin, dass er die prekären, die zitierbaren Antworten vermeidet. Vertreter der Nachrichtenagenturen sind im Raum, in fünf Minuten wäre die Meldung raus. Wir schlagen nun den Kurs ein, dass wir die Leinen einmal ganz locker lassen: Biografie-Fragen an Peer Steinbrück.

40. Warum eigentlich Peer und nicht Peter?

Das ist der skandinavische Teil meiner Familie.

41. Wie umreißen Sie die Biografie Ihres Urgroßonkels Hugo Delbrück?

Er war Mitbegründer der Deutschen Bank. Ich habe mal gefragt, ob daraus noch gewisse Ansprüche für mich resultieren.

42. Sind Sie das Bürgertum?

Wenn, dann das aufgeklärte Bürgertum.

43. Ihre Schulnote in Physik?

Vier. Das war eine der besseren.

44. Erinnern Sie sich noch, was Sie in Ihrer Abi-Rede 1968 gesagt haben?

Das war eine verhältnismäßig politische Rede. Das Skript habe ich noch. Es war meine erste öffentliche Rede.

45. Echt wahr, dass Ihre Mutter geraten hat: »Junge, du musst später mal etwas machen, wobei du quatschen kannst«?

Der Satz ist verbürgt.

46. Ungeklärte Frage: Haben Sie bei der Bundeswehr ein Haarnetz getragen?

Nein, nie. Aber damals hatte ich wenigstens noch Haare.

47. Welche Erinnerung haben Sie an die Razzia in Ihrer Hamburger WG im Jahr 1970?

Das war die Kieler Wohngemeinschaft. Eine denkbar unangenehme Erinnerung, weil die Wohnung von 20 Polizisten gestürmt wurde und ein ungefähr 18-jähriger Polizeischüler seine Maschinenpistole auf meinen Bauch richtete, den Finger am Abzug.

48. Warum wurde nichts aus Ihrer Doktorarbeit?

Weil ich einen Job kriegte als persönlicher Referent von Hans Matthöfer, und anschließend ist sie von einem Rhein-Hochwasser weggeschwemmt worden. Das hat mich vor jedem Plagiatsvorwurf bewahrt. Gott, bin ich diesem Hochwasser dankbar!

Viel Gelächter, viel Applaus. Zufriedener Kandidat. Schluss mit der Ausruhphase. Wir werden wieder politischer. Fragen zu seiner politischen Heimat, der alten Tante SPD.

49. 150 Jahre! Ist die SPD nicht schon ein bisschen alt?

Das ist sie nicht. Vor allem ist die SPD die einzige Partei in Deutschland, die sich nie umbenennen musste, weil sie sich für etwas zu schämen oder zu verantworten hatte.

50. Welches alte Arbeiterlied singen Sie gerne?

Gut, das naheliegende, dessen Strophe ich am besten kennen: Wann wir schreiten Seit’ an Seit’.

51. Kriegen Sie auch immer einen Schreck, wenn Sie das Willy-Brandt-Haus betreten, weil die Brandt-Statue so sagenhaft groß und hässlich ist?

Wenn ich einen Schreck kriege im Willy-Brandt-Haus, dann wegen anderer Dinge, zum Beispiel im langsamsten Fahrstuhl Berlins stecken zu bleiben.

52. Ist das wahr, dass Andrea Nahles Violett als die neue SPD-Farbe durchgesetzt hat?

Das stimmt. Einige sind auf die Idee gekommen, wir müssten mal mit einer etwas anderen Farbe auftreten, und der Zuspruch zum Purpur war bisher groß.

53. Ihnen peinlich, dass Elke Ferner von den SPD-Frauen Sie jetzt auch gut findet?

Er wartet. Sofort brandet Gelächter auf. Er wartet noch ein bisschen. Jetzt muss der SPD-Kandidat Peer Steinbrück, den SPD-Frauen neuerdings so lieb haben, richtig lachen. Es ist, allerdings, ein echtes, ein sympathisches Lachen. Himmel, fühlt sich dieser Kandidat hier wohl, das ist ja furchtbar!

Wer hat Sie denn auf diese Frage gebracht? Nein. Da muss ich ja was richtig gemacht haben.

54. Ist das ein Sieg oder die ultimative Demütigung, dass Ralf Stegner Ihnen jetzt auch den Rücken stärkt?

Für uns beide gilt die Schlussakte von Helsinki.

55. Ihr Ernst, dass man in der SPD nur etwas werden kann, wenn man vier Scheidungen hinter sich hat?

Den Satz habe ich selber geprägt. Den haben Sie von mir geklaut. Ist Ihnen klar, dass Sie plagiieren?

56. Echt wahr, dass euch jetzt die CDU erklären muss, warum die Agenda 2010 gut und notwendig war?

Nein, die CDU profitiert davon und nimmt die politische Rendite der Schröderschen Reformen für sich in Anspruch. Auch das ist ein Plagiatsvorwurf.

57. An der Basis: Kommen die Genossen noch oft mit den 1,25 Millionen?

Das ist das Brutto, nicht das Netto.

58. Was war die tollste Leistung eines SPD-Kanzlers nach Brandts Kniefall?

Zum Beispiel, diesen Staat liberal zu halten vor dem Hintergrund der terroristischen Anschläge und Entführungen im Herbst 1977.

59. Können Sie jetzt bitte mal etwas total Sozialdemokratisches sagen?

Das wäre auf Knopfdruck zu gestanzt.

60. Können Sie jetzt bitte mal etwas total Sozialdemokratisches über deutsche Manager sagen?

Von denen haben, wie ich glaube, mehr eine soziale Verantwortung, als wir gelegentlich unterstellen. Insbesondere jene, die in Familienunternehmen tätig sind.

61. Ihr Problem, auf den Punkt gebracht: Dementieren Sie mit Ihrem Dementi, dass die SPD nicht mit Geld umgehen kann, nicht, dass Sie ein Sozi sind?

Es gibt viele Sozialdemokraten, die gut mit Geld umgehen können. Die jetzige Bundesregierung hat trotz bester Rahmenbedingungen in den letzten drei Jahren 100 Milliarden Euro neue Schulden gemacht.

Drücken, drängeln, dranbleiben. Wir kommen zum schwierigsten Absatz, den drängenden politischen Fragen. Hier ist der Kandidat voller vorgefertigter, voller halb toter Antworten. Kurz bleiben!

62. Nervthema Spitzensteuersatz?

Überhaupt nicht. 49 Prozent sind angemessen. In den seligen Zeiten von Helmut Kohl haben Sie 53 Prozent Spitzensteuersatz gehabt.

63. »Einige Steuern werden sich für einige erhöhen.« Wer sind diese einigen?

Diejenigen in den oberen Etagen des Gesellschaftsgebäudes.

64. Gilt der Müntefering-Schlachtruf »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«?

Das ist die unverschämteste Verfremdung einer guten und sinnvollen Aussage, die ich je gehört habe.

65. Krankenschwester, Gebäudereiniger, Friseurinnen: An welcher Berufsgruppe machen Sie gerne deutlich, dass wir den Mindestlohn brauchen?

An allen, die teilweise nur 4 Euro oder 4,50 Euro verdienen und bei Vollzeit kein auskömmliches Einkommen haben, um ihr Leben zu bestreiten. Also sind wir für einen Mindestlohn von 8,50 Euro.

66. Kernthema »Bändigung der Finanzmärkte«: Warum hören wir dazu von Ihnen fast nichts mehr?

Haben Sie Kitt in den Ohren? Sie hören dazu ganz viel von mir. Im September habe ich ein umfängliches Papier zu diesem Thema vorgelegt und dazu Auskunft gegeben.

67. Richtig, dass Ihre ausgefuchsten Berater Ihnen im Wahlkampf vom Thema Europa abraten, da mit Europa gegen Merkel nicht zu punkten ist?

Im Gegenteil. Ich hielte es für ziemlich kleinmütig, auf Europa im Wahlkampf nicht einzugehen, zumal ich gerne Ressentiments und falschen Parolen entgegentreten möchte.

68. Wann waren Sie das letzte Mal in Griechenland?

Vor vier Jahren. Da habe ich der griechischen Statistik noch geglaubt.

69. Wie schließen Sie die Schere zwischen Arm und Reich?

Mindestlohn, gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, Eingrenzung von Minijobs, Reform des Ehegattensplittings, höhere Besteuerung derjenigen, die in den höheren Etagen des Gesellschaftsgebäudes leben.

70. Können Sie Opel retten?

Nein. Kein Politiker kann auf Dauer ein Unternehmen retten, das auf dem Markt verliert. Wir können versuchen, dabei behilflich zu sein, Arbeitsplätze zu erhalten.

71. Wie kriegen wir den Iran dazu, auf Atomwaffen zu verzichten?

Alleine schaffen wir das nicht. Sondern nur mit massivem internationalem Druck und Sanktionen.

Der toteste Punkt des Interviews ist erreicht. Egal. So ist das mit Politikern. Wir stechen in sein Lieblingsthema, die Wirtschaft, hinein. Für einen SPD-Politiker ist der Kandidat bei der Wirtschaft ja bekanntlich ziemlich beliebt.

72. Was haben Sie persönlich gegen die Deutsche Bank?

Gar nichts. Ich wünsche eine tüchtige und starke Deutsche Bank. Aber ich möchte vermeiden, dass Kunden mit gängigen Einlagen für die Risiken von Investmentbankern haften.

73. Mögen Sie den immer guten Begriff der Heuschrecken?

Der hat jedenfalls eine Diskussion auf den Punkt gebracht. So ähnlich wie der Begriff der Kavallerie.

74. Können Sie den bösesten Renditejäger in Deutschland mit Namen nennen?

Das kann ich nicht. Ich hielte Schauprozesse auch für weniger hilfreich als eine Einhegung der Renditejagd.

75. Wer ist Ihr bester Freund in der deutschen Wirtschaft?

Ich glaube, der Wirt eines italienischen Restaurants im Regierungsviertel.

76. Simple Frage: Ist der Finanzsektor in Deutschland zu groß oder zu klein?

Gemessen an der Größe unser Realwirtschaft, ist er eher zu klein.

77. Können Sie noch einmal erklären, warum Onkel Dagobert eben definitiv kein Spekulant ist?

Weil er den ganzen Zaster in seinem Tresor bunkert und eben nicht anlegt.

25. Minute: Kandidat und Publikum bekommen erklärt, dass zwei Drittel der Show vorüber sind. Steinbrück: »Waren das mehr als zehn Fragen?« Logisch, er hätte auch tausend Fragen beantworten können, der Showman Steinbrück hat da keine Probleme – geschenkt: Nun wird es anders asozial. Der Kandidat soll sein Talent einschätzen, von null Punkten, minimales Talent, bis zehn Punkte, maximale Begabung. Er will erst nicht. Dann muss er doch.

78. Ihr Talent als Spieler, bitte.

Sieben Punkte.

79. Hand-in-der-Hosentasche-Redner.

Fünf.

80. Kapitalist.

Sechs.

81. Deregulierer.

Sechs.

82. Hausfrau.

Null. Weil ich keine Frau bin.

83. Nashorn.

Zehn.

84. James Dean.

Null.

85. Grünen-Fresser.

Er macht ein tolles Geräusch. Tief aus dem Bauch heraus. Ein Grollen. Steinbrück schluckt gerade einen Grünenpolitiker herunter. Große Show! Begeistertes Publikum.

Null.

86. Gerhard Schröder.

Fünf.

Steinbrück wirft einen seiner berühmten Blicke: Es ist jetzt ein kleines Lächeln in diesem immer noch auf Gegenangriff, auf Attacke eingestellten Gesicht. Klatschendes Publikum. Er weiß, dass er durch ist. Er hätte ja auch Unsinn reden, hätte gehetzt und unsouverän wirken, sich verhaspeln, Stoff für Anti-Steinbrück-Schlagzeilen liefern können: hat er alles nicht gemacht. Die Linie, auf der ein Politiker fast nichts sagt und dabei trotzdem ernsthaft, frisch und unterhaltsam wirkt, ist dünn: Da war er drauf. Aua, er hat das mit toller, eiskalter Ruhe, er hat das ziemlich gut gemacht.

87. Wozu das alles?

Wir müssen uns bewegen, vorwärtsbewegen.

88. Seid ihr Politiker einsame Menschen?

Nein, definitiv nicht.

89. Sind Sie im Kern ein tieftrauriger Mensch?

Auch nicht. Ich habe nicht die Zeit dafür, und es entspricht auch nicht meinem Gemüt.

90. Mit welcher historischen Leistung wollen Sie als Kanzler in die Geschichte eingehen?

Keine Antwort. Warten Sie’s ab.

91. Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

Na, dann wohl im Sommer 2013.

Er findet’s die total bescheuerte Frage. Der Kandidat schüttelt den Kopf, lacht. Das Publikum lacht. Wir erleben jetzt live, zumindest für heute Abend: das Siegerlächeln des Kandidaten Peer Steinbrück.

92. Wie geht’s Ihrem alten Freund Roland Koch?

Der führt, glaube ich, Bilfinger Berger ganz erfolgreich.

93. Sind 18 Grad nicht ein bisschen kalt?

Es sind bei uns zu Hause nicht 18 Grad. Jedenfalls nicht in meinem Arbeitszimmer.

94. Würden Sie Ihrer Frau Gertrud eine Niere spenden?

Zu privat.

95. Wie geht’s Ihrem Kirschbaum?

Der muss wahrscheinlich, weil er zu alt ist und einen Pilz hat, abgeholzt werden. Das macht mich traurig.

96. Stürmen Sie beim Tennis immer noch zu schnell ans Netz?

Gelegentlich nicht nur im Tennis.

97. Hilft Alkohol?

Auf Dauer nicht.

98. Noch mal in aller Kürze: Warum sollen wir Sie wählen?

In zwei Sätzen: Weil ich Ihnen nichts verspreche. Also glauben Sie mir.

99. Wie ging die Schachpartie gegen den ehemaligen Weltmeister Wladimir Kramnik aus?

Nach 37 Zügen: mit meiner Niederlage.

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Leserkommentare
    • Kosubek
    • 19. Dezember 2012 12:22 Uhr

    Seine Antworten sind einfach brillant und zeugen von wahrer Größe. Ich kann es gar nicht erwarten, dass dieser große Mann bald unser Kanzler sein wird. Mit ihm wird alles gut. Er ist der Mann, der dieses Land aus der Krise führen wird. Ein echter Überflieger.

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    • Hazzl
    • 19. Dezember 2012 13:25 Uhr

    Kosubek und Emma (@3), ich habe mich zunächst ernsthaft gefragt, ob Ihre Diskussionsbeiträge ironisch gemeint waren, weil sie mir dann doch zwei Spuren zu begeistert klangen. Mittlerweile haben Sie mich immerhin davon überzeugt, dass Sie das wirklich ernst meinen.

    Selbst sympathisiere ich zwar durchaus mit Herrn Steinbrück, das vorliegende Interview fand ich jedoch arg oberflächlich. Das ist natürlich durch die Form vorgegeben. In zwei Sätzen kann man (mir) die Welt eben nicht erklären.
    Offenbar durchschaue ich die letzten Winkelzüge nicht so ganz. Könnten Sie beide vielleicht die Highlights für mich ausformulieren?

    Nach dem Lesen dieser 99 hochbrisanten Fragen - für das Wahlvolk von außerordentlichem Interesse - zielgerade gerichtet an unseren zukünftigen Bundeskanzler, und dessen politisch tiefgründiger Beantwortung, hege nun keinerlei Zweifel mehr an Peer Steinbrücks Medienkompetenz.

    Ja, ich werde ihn wählen allein aufgrund seines absolut glaubwürdigen Versprechens in Frage 98:

    Mit Sicherheit wird er sich daran halten - Versprochen!!!

    • nyobion
    • 21. Dezember 2012 5:37 Uhr

    er hat ja auch alles rhetorisch gelöst und hatte "keine" ahnung welche fragen er gestellt bekommt.

    Pleitegeier der Nation kommt wohl eher in Frage. Warum fragt Ihn niemand warum Banken und keine Kommunen gerettet werden müssen. Oder leben Ihre Kinder in Banken?

  1. Großartig, wie Herr S. da elegant formuliert, alle Fragen zufriedenstellend beantwortet und selbst völlig bescheiden in den Hintergrund tritt.

    Ein Weltmann wie er im Buche steht, strahlendes Vorbild für uns alle, elegant in seiner Auffassungsgabe.

    Und auch die selbstentlarvenden Fragen, hochintelligent gestellt und noch besser pariert. Ein Vergnügen sondergleichen!

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    • Kosubek
    • 19. Dezember 2012 13:12 Uhr

    Einfach phantastisch, dieses Interview. Der Fragesteller und Steinbrück liefern ja ein wahres Feuerwerk ab. Stellenweise musste ich die Abschnitte rund zwölf Mal lesen, um sie überhaupt intellektuell halbwegs erfassen zu können. Aber Steinbrück, dieser große Denker, antwortet scheinbar mühelos selbst auf die kompliziertesten Fragen und Problemstellungen. Dieses Interview wird wohl in die Geschichte eingehen. Erst künftige Generationen werden begreifen können, was dieser Teufelskerl Steinbrück, der seiner Zeit offenbar weit voraus ist, uns mit seinen großartigen Antworten sagen wollte. Genau so jemand wie er wird jetzt gebraucht und wir können uns alle glücklich schätzen, dass sich ein solch fähiger Mann für ein so verantwortungsvolles Amt zur Verfügung stellt.

    ....

    wird auf Zeit-Online eben sehr verwöhnt!

  2. 4. [...]

    Bitte verzichten Sie auf die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Danke, die Redaktion/fk.

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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

  3. Das hätte ich ihn schon mal gerne gefragt.

    Dabei sollte er froh sein, dass diese Fragen, nach der Art des Holzes aus dem er beschaffen ist, natürlich nur eine solche rein rhetorischer Natur ist.

    Wäre Herr Steinbrück nämlich wirklich aus Holz gemacht, müsste ihm, immer dann wenn er sich wortgewaltig in den, für ihn immerhin mehr als untypischen und daher auch wenig glaubhaften, sozialdemokratischen Anwandlungen ergeht, eine Nase wachsen bis ins Unendliche....

    Eine Leserempfehlung
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    Für den Fall, daß Sie richtig liegen möchte ich mir den Begriff Peernokio als Urheber sichern.

  4. Für den Fall, daß Sie richtig liegen möchte ich mir den Begriff Peernokio als Urheber sichern.

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    Gar noch exakter am bekannten Original angelehnt wäre 'Peernocchio'.

    Jedenfalls ein treffliche Wortschöpfung (das ich da nicht selber drauf gekommen bin...).

    Außerdem klingt dieser Name doch auch weit weniger nach der Zugehörigkeit zu einem ganz bestimmten Milieu, als der seit einigen Wochen (und lukrativen Vorträgen bei der Bankster-Gilde) in den Medien zunehmend kursierende 'Penunsen-Peer' ;-))

  5. So viel zur völligen Entkopplung von Politik und Journaille von den restlichen 99 Prozent der Bevölkerung.

    Und das ganze im Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in der Auguststraße, Berlin: Holz, Kronleuchter, blinde Spiegel.

    Hach, wie schön...

    Eine Leserempfehlung
  6. >> Viele Menschen haben den Eindruck, dass diese Gesellschaft nicht mehr zusammenhält. <<

    ... kein Eindruck, das ist eine Tatsache.

    Die Frage ist: ist Steinbrück der Mann, der den Menschen vermitteln kann, dass die SPD daran etwas ändern möchte? Nachdem sich alle Welt an der grottendämlichen Nebenverdienstdebatte hochzieht, wird das wohl nicht gelingen.

    Also stehen wohl vier weitere Jahre mit der Frau mit dem nicht exaltierten Kleidungsstil an, die nicht einmal erkennt, dass diese Gesellschaft nicht mehr zusammenhält.

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    Nach seiner Antwort auf Frage 5 zu urteilen, müsste ihm bei seiner Antwort auf Frage 22 sofort übel werden.

    Was er wirklich besser kann: Steinbrück macht Eindruck. Seine Konsequenz lässt aber Wünsche offen. Nach seinen Aussagen im letzten Buntestagswahlkampf hätte ich mir z. B. ein wirklich richtungsweisendes Konzept gewünscht, wie die hohe Staatsverschuldung abzubauen wäre. Das fehlt, da hätte er sicher die SPD nicht auf Linie bringen können. Also ist er auch nur ein Taktiker.

    So bleibt wahrscheinlich nur übrig, mit großem Bedauern und Ärger über das schwache Personal als kleineres Übel die CDU zu wählen. Sie liefert das deutsche gesellschaftliche und staatliche Vermögen wenigstens nicht ungebremst an die südeuropäischen Schuldenstaaten aus.

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