39. Ist das Ihr größtes Problem, dass Merkel fast nie etwas sagt?

Das Ungefähre schützt vor Kritik und Anwürfen. Sie bleibt gern so lange wie möglich in Deckung.

Wir sprechen jetzt: seit elf Minuten. Plötzlich Sorge beim Interviewer, dass es doch zu wenig konkret, zu inhaltsleer, zu ungefähr wird. War er schon einmal gefordert, hat er sich schon einmal mit einer Aussage gefährdet? Des Kandidaten Leistung besteht natürlich darin, dass er die prekären, die zitierbaren Antworten vermeidet. Vertreter der Nachrichtenagenturen sind im Raum, in fünf Minuten wäre die Meldung raus. Wir schlagen nun den Kurs ein, dass wir die Leinen einmal ganz locker lassen: Biografie-Fragen an Peer Steinbrück.

40. Warum eigentlich Peer und nicht Peter?

Das ist der skandinavische Teil meiner Familie.

41. Wie umreißen Sie die Biografie Ihres Urgroßonkels Hugo Delbrück?

Er war Mitbegründer der Deutschen Bank. Ich habe mal gefragt, ob daraus noch gewisse Ansprüche für mich resultieren.

42. Sind Sie das Bürgertum?

Wenn, dann das aufgeklärte Bürgertum.

43. Ihre Schulnote in Physik?

Vier. Das war eine der besseren.

44. Erinnern Sie sich noch, was Sie in Ihrer Abi-Rede 1968 gesagt haben?

Das war eine verhältnismäßig politische Rede. Das Skript habe ich noch. Es war meine erste öffentliche Rede.

45. Echt wahr, dass Ihre Mutter geraten hat: »Junge, du musst später mal etwas machen, wobei du quatschen kannst«?

Der Satz ist verbürgt.

46. Ungeklärte Frage: Haben Sie bei der Bundeswehr ein Haarnetz getragen?

Nein, nie. Aber damals hatte ich wenigstens noch Haare.

47. Welche Erinnerung haben Sie an die Razzia in Ihrer Hamburger WG im Jahr 1970?

Das war die Kieler Wohngemeinschaft. Eine denkbar unangenehme Erinnerung, weil die Wohnung von 20 Polizisten gestürmt wurde und ein ungefähr 18-jähriger Polizeischüler seine Maschinenpistole auf meinen Bauch richtete, den Finger am Abzug.

48. Warum wurde nichts aus Ihrer Doktorarbeit?

Weil ich einen Job kriegte als persönlicher Referent von Hans Matthöfer, und anschließend ist sie von einem Rhein-Hochwasser weggeschwemmt worden. Das hat mich vor jedem Plagiatsvorwurf bewahrt. Gott, bin ich diesem Hochwasser dankbar!

Viel Gelächter, viel Applaus. Zufriedener Kandidat. Schluss mit der Ausruhphase. Wir werden wieder politischer. Fragen zu seiner politischen Heimat, der alten Tante SPD.

49. 150 Jahre! Ist die SPD nicht schon ein bisschen alt?

Das ist sie nicht. Vor allem ist die SPD die einzige Partei in Deutschland, die sich nie umbenennen musste, weil sie sich für etwas zu schämen oder zu verantworten hatte.

50. Welches alte Arbeiterlied singen Sie gerne?

Gut, das naheliegende, dessen Strophe ich am besten kennen: Wann wir schreiten Seit’ an Seit’.

51. Kriegen Sie auch immer einen Schreck, wenn Sie das Willy-Brandt-Haus betreten, weil die Brandt-Statue so sagenhaft groß und hässlich ist?

Wenn ich einen Schreck kriege im Willy-Brandt-Haus, dann wegen anderer Dinge, zum Beispiel im langsamsten Fahrstuhl Berlins stecken zu bleiben.

52. Ist das wahr, dass Andrea Nahles Violett als die neue SPD-Farbe durchgesetzt hat?

Das stimmt. Einige sind auf die Idee gekommen, wir müssten mal mit einer etwas anderen Farbe auftreten, und der Zuspruch zum Purpur war bisher groß.

53. Ihnen peinlich, dass Elke Ferner von den SPD-Frauen Sie jetzt auch gut findet?

Er wartet. Sofort brandet Gelächter auf. Er wartet noch ein bisschen. Jetzt muss der SPD-Kandidat Peer Steinbrück, den SPD-Frauen neuerdings so lieb haben, richtig lachen. Es ist, allerdings, ein echtes, ein sympathisches Lachen. Himmel, fühlt sich dieser Kandidat hier wohl, das ist ja furchtbar!

Wer hat Sie denn auf diese Frage gebracht? Nein. Da muss ich ja was richtig gemacht haben.