Peer Steinbrück : 99 Fragen an Peer Steinbrück
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Die drängenden politischen Fragen

54. Ist das ein Sieg oder die ultimative Demütigung, dass Ralf Stegner Ihnen jetzt auch den Rücken stärkt?

Für uns beide gilt die Schlussakte von Helsinki.

55. Ihr Ernst, dass man in der SPD nur etwas werden kann, wenn man vier Scheidungen hinter sich hat?

Den Satz habe ich selber geprägt. Den haben Sie von mir geklaut. Ist Ihnen klar, dass Sie plagiieren?

56. Echt wahr, dass euch jetzt die CDU erklären muss, warum die Agenda 2010 gut und notwendig war?

Nein, die CDU profitiert davon und nimmt die politische Rendite der Schröderschen Reformen für sich in Anspruch. Auch das ist ein Plagiatsvorwurf.

57. An der Basis: Kommen die Genossen noch oft mit den 1,25 Millionen?

Das ist das Brutto, nicht das Netto.

58. Was war die tollste Leistung eines SPD-Kanzlers nach Brandts Kniefall?

Zum Beispiel, diesen Staat liberal zu halten vor dem Hintergrund der terroristischen Anschläge und Entführungen im Herbst 1977.

59. Können Sie jetzt bitte mal etwas total Sozialdemokratisches sagen?

Das wäre auf Knopfdruck zu gestanzt.

60. Können Sie jetzt bitte mal etwas total Sozialdemokratisches über deutsche Manager sagen?

Von denen haben, wie ich glaube, mehr eine soziale Verantwortung, als wir gelegentlich unterstellen. Insbesondere jene, die in Familienunternehmen tätig sind.

61. Ihr Problem, auf den Punkt gebracht: Dementieren Sie mit Ihrem Dementi, dass die SPD nicht mit Geld umgehen kann, nicht, dass Sie ein Sozi sind?

Es gibt viele Sozialdemokraten, die gut mit Geld umgehen können. Die jetzige Bundesregierung hat trotz bester Rahmenbedingungen in den letzten drei Jahren 100 Milliarden Euro neue Schulden gemacht.

Drücken, drängeln, dranbleiben. Wir kommen zum schwierigsten Absatz, den drängenden politischen Fragen. Hier ist der Kandidat voller vorgefertigter, voller halb toter Antworten. Kurz bleiben!

62. Nervthema Spitzensteuersatz?

Überhaupt nicht. 49 Prozent sind angemessen. In den seligen Zeiten von Helmut Kohl haben Sie 53 Prozent Spitzensteuersatz gehabt.

63. »Einige Steuern werden sich für einige erhöhen.« Wer sind diese einigen?

Diejenigen in den oberen Etagen des Gesellschaftsgebäudes.

64. Gilt der Müntefering-Schlachtruf »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«?

Das ist die unverschämteste Verfremdung einer guten und sinnvollen Aussage, die ich je gehört habe.

65. Krankenschwester, Gebäudereiniger, Friseurinnen: An welcher Berufsgruppe machen Sie gerne deutlich, dass wir den Mindestlohn brauchen?

An allen, die teilweise nur 4 Euro oder 4,50 Euro verdienen und bei Vollzeit kein auskömmliches Einkommen haben, um ihr Leben zu bestreiten. Also sind wir für einen Mindestlohn von 8,50 Euro.

66. Kernthema »Bändigung der Finanzmärkte«: Warum hören wir dazu von Ihnen fast nichts mehr?

Haben Sie Kitt in den Ohren? Sie hören dazu ganz viel von mir. Im September habe ich ein umfängliches Papier zu diesem Thema vorgelegt und dazu Auskunft gegeben.

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Kommentare

95 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Steinbrück wäre ein vorzüglicher Bundeskanzler.

Seine Antworten sind einfach brillant und zeugen von wahrer Größe. Ich kann es gar nicht erwarten, dass dieser große Mann bald unser Kanzler sein wird. Mit ihm wird alles gut. Er ist der Mann, der dieses Land aus der Krise führen wird. Ein echter Überflieger.

Wohlfeile Kritik

Das Thema mit Steinbrücks Reden ist doch schon längst durch.

Hätte die SPD von Anfang an gesagt: "Ok, wir bringen das Gesetz zur Veröffentlichung von MdB-Nebenverdiensten neu ein, das die fahrenden Prediger in CDU und FDP immer wieder blockiert haben, und DANACH veröffentlicht Steinbrück seine Einkünfte gemäß der neuen Gesetzeslage", wäre der Ball erst mal ne Weile auf dem Dach der Regierungsfraktionen.

Die SPD hat sich da ohne Grund selbst in eine Erklärungsnot gebracht, die für viele Koalitionsabgeordnete - die nämlich, die ähnlich fleißige Redner oder Aufsichtsräte sind wie Steinbrück - sehr bequem ist.

Ich selbst hätte ja auch gern härtere Fragen gesehen:
Wie z.B. Steinbrück gedenkt, die Finanzindustrie hart anzufassen, wenn er ihr bis vor kurzem wörtlich aus der Hand fraß, und ihre Lobbyisten ihm sogar Gesetze diktieren konnten.
Oder wieso er glaubt, in Zeiten von "too-big-to-fail"-Staatsgarantien für Banken wäre die Finanzindustrie in D noch zu klein (Frage 76!!).

Es gibt viele INHALTLICHE Ungereimtheiten des Kandidaten, insbes. mit dem zentralen Thema Finanzmärkte, die ausgespart wurden.

Fragen politischer ETHIK - wie die der Anwesenheit im Parlament oder der Nutzung von Mitarbeitern des Bundestages - betreffen jedoch alle Politiker, nicht nur Steinbrück (siehe z. B. Guttenberg...). Sie nur an ihm festzumachen, ist daher sehr wohlfeil.

Und Imageberater waren doch schon vor 10 Jahren bei Stoiber kaum einen Satz wert - und dabei hatte der diese bitter nötig...

@1 Kosubek - kann Ihnen nur beipflichten

Großartig, wie Herr S. da elegant formuliert, alle Fragen zufriedenstellend beantwortet und selbst völlig bescheiden in den Hintergrund tritt.

Ein Weltmann wie er im Buche steht, strahlendes Vorbild für uns alle, elegant in seiner Auffassungsgabe.

Und auch die selbstentlarvenden Fragen, hochintelligent gestellt und noch besser pariert. Ein Vergnügen sondergleichen!