Peer Steinbrück99 Fragen an Peer Steinbrück

Mehr braucht kein Mensch von Moritz von Uslar

Der Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in der Auguststraße, Berlin: Holz, Kronleuchter, blinde Spiegel. Es ist die zweite Veranstaltung der 99 Fragen, die vor Publikum stattfindet: Interviewer und Interviewter sitzen auf einer Bühne, etwa 250 Zuhörer haben Platz. Dem Kandidaten ist gesagt worden, dass er kurze Antworten geben soll: »Wir wollen den Maschinengewehr- Steinbrück sehen!« Nickender Kandidat, er zeigt zum ersten Mal seine Zähne. Applaus im Publikum. Dem Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers müsste es derzeit sehr gut gehen: Seine Rede beim Nominierungsparteitag der SPD war ein voller Erfolg. Und so wirkt er auch: gespannt, locker, konzentriert. Steinbrück, die Rakete, der Bullterrier, das Nashorn: Man hat – natürlich – auch ein bisschen Angst vor ihm. Selbst bei Interviews mit den »tagesthemen« wirkt er so, als ob er jederzeit bereit wäre, eine Schlägerei anzufangen. Die Gefahr bei diesem Livegespräch besteht nicht darin, dass ihm die Fragen zu tough sein könnten; Gefahr liegt einzig in der Möglichkeit, dass er sich langweilt – dann, so Beobachter des politischen Geschäfts, kann dieser Kandidat richtig ungemütlich werden. Unser Konzept besteht also darin, dass wir ihm abwechselnd sehr naheliegende und banale Fragen vor die Füße rollen, die ihn unterfordern, und ihn mit kleinen Gemeinheiten stechen. Du liebes bisschen: Wir fangen ganz locker an.

1. Geld oder Liebe?

Beides.

Lacher. Applaus im Publikum. Gleich mit der ersten Antwort hat der Kandidat Kontakt zum Saal aufgenommen. Steinbrück: Vollprofi. Er grinst ins Publikum: seine Zähne! Du lieber Himmel. Es geht gleich ab.

2. Schnaps oder Bier?

Bier.

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3. »High Noon« oder »Blade Runner«?

Peer Steinbrück

66, Kanzlerkandidat der SPD, war Ministerpräsident von NRW und Bundesfinanzminister. Nach Kritik an seinen Nebeneinkünften veröffentlichte er im Oktober einen Bericht, dem zufolge er zwischen November 2009 und Juni 2012 etwa 1,25 Millionen Euro an Vortragshonoraren erhalten hat. Steinbrück ist mit einer Lehrerin verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bonn.

Eindeutig Blade Runner. Blade Runner im Director’s Cut.

Und der Kandidat wird jetzt vom Interviewer mit dem taktischen Lob unterbrochen, dass er das ganz großartig macht. Kurze Antworten: Danke, bitte weiter so! Im nächsten Absatz, so erfährt der Kandidat, kommen ein paar psychologische Fragen.

4. Lieblingswort »Bullshit«?

Ich mag das Wort leiden, weil es sich im Englischen höflicher anhört als ein vergleichbares deutsches Wort.

5. Wird Ihnen auch immer schlecht, wenn Politiker von »den Menschen« reden?

Eindeutig ja. Ich würde von den Bürgern und Bürgerinnen reden.

6. Verstehen Sie, wenn die Leute ein bisschen Angst vor Ihnen haben?

Das verstehe ich nicht, weil ich eigentlich ein ganz friedfertiger Mensch bin.

7. Kann man das lernen, ein wenig freundlicher zu gucken?

Das ist schwierig. Die runtergezogenen Mundwinkel und die zusammengepressten Lippen, die spiegeln sehr selten meine Gemütslage wider.

8. Sind Sie mit Frauen eigentlich genauso knallhart wie mit Männern?

Pause. Etwa drei Sekunden Pause. Er wartet, bis die Leute lachen. Dann grinst er selber.

Nicht in allen Lagen.

Leserkommentare
    • DerDude
    • 19. Dezember 2012 16:08 Uhr

    Nicht Spätherbst, natürlich.

    • Suryo
    • 19. Dezember 2012 16:10 Uhr

    ".....dann kommt da ein Steinbrück zutage, der unsympathischer gar nicht mehr sein kann (...) das Überhebliche, Kalkulierende, Effekthaschende an dem Kandidaten."!

    Ich muß sagen, daß ich das partout nicht nachvollziehen kann. Ich habe Steinbrück mehrfach live erlebt. Der Ton, in dem etwas gesagt wird, macht den Humor aus, zumindfest bei seiner Art des Humors, die ich teile. Ich habe aber oft bemerkt, daß es vielen Menschen absolut abgeht, Ironie und sarkasmus zu kapieren. Das scheint umso mehr der Fall zu sein, je südlicher man geht und betrifft auch die SPD. So mancher Schwabensozi würde sich Ihrer Auffassung vielleicht anschließen, während Hamburger sie unbegreiflich finden und nicht verstehen, wie man Steinbrück nicht witzig finden kann. Abgesehen davon, daß Steinbrücks Humor eben auch eine gewisse Bildung verlangt. Der ist nun mal nicht volkstümlich-gemütlich, à la bayerisches Bierzelt oder Karneval.

    Antwort auf "Quo vadis, M.v. Uslar"
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    Was sie schreiben, habe ich schonmal ähnlich für Seehofer getippt, ist erst wenige Tage her. Dafür hab ich vielleicht Prügel bezogen! Manoman!

    Mit dem Sarksamus und der Bildung und so. Nur dass der eben ziemlich aus dem Süden der Republik kommt.

    In Sachen ab und an mal schimpfen und deftige Worte nehmen sich beide nicht viel.

    Nur dass Seehofer im hohen Norden keine Sympathiepunkte erhascht - und Steinbrück im Süden. Ah...deswegen die Prügel ZEIT und Hamburg und so...

    Was mir Steinbrücks Sarkasmus immer viermiest, ist seine verbissene Mimik. Da wo Seehofer frech lacht, zerbeisst sich Steinbrück die Lippen.

    Nun ja, wollen wir froh sein, dass die Jeschmäcker unterschiedlich sind.

  1. Frage: 150 Jahre! Ist die SPD nicht schon ein bisschen alt?

    Steinbrück: Das ist sie nicht. Vor allem ist die SPD die einzige Partei in Deutschland, die sich nie umbenennen musste, weil sie sich für etwas zu schämen oder zu verantworten hatte.

    Und was ist mit der Bewilligung der Kriegskredite im Ersten Weltkrieg?
    Was ist mit der unrühmlichen Rolle der SPD in der Zeit danach?
    Wenn man Sebastian Haffners Buch über diese Zeit liest, ist man mit dieser Partei fertig.

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    • Suryo
    • 19. Dezember 2012 16:45 Uhr

    Wenn Sie meinen, man könne der heutigen SPD als ganzer Dinge vorwerfen, die vor bald 100 Jahren geschehen sind, dann müßten Sie konsequenterweise auch der Meinung sein, die SPD habe immerhin einen Teil, wenn nicht alles, durch ihren Widerstand gegen die NSDAP wettgemacht, oder?

    • nyobion
    • 21. Dezember 2012 6:15 Uhr

    ändern, das die partei in entscheidenden momenten ihre wähler verkauft.

  2. Zitat: "Steinbrück ist...eher ein Politiker vom Schlage Willy Brandts"

    Ich würde es schön finden, wenn Sie Willy Brandt nicht beleidigen würden. Im Vergleich mit Brandt ist Steinbrück eine Nullnummer.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Gutes Interview"
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    Sind Sie wirklich derselbe in beiden Kommentaren: Einmal mit dieser SPD fertig zu sein auf alle Zeiten, egal, was 1932/1933 war, und dann Willi Brand in Schutz nehmen?

    • Suryo
    • 19. Dezember 2012 16:45 Uhr

    Wenn Sie meinen, man könne der heutigen SPD als ganzer Dinge vorwerfen, die vor bald 100 Jahren geschehen sind, dann müßten Sie konsequenterweise auch der Meinung sein, die SPD habe immerhin einen Teil, wenn nicht alles, durch ihren Widerstand gegen die NSDAP wettgemacht, oder?

    Antwort auf "Unmöglich, der Kerl"
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    100 Jahren vorgeworfen, sondern das unreflektierte Verhalten der Nachfahren dieser Handlungen im Namen der Partei 'die sich nie umbenennen musste'.

    Sie haben mit diesem User einen eindeutig schwer frustierten Sozialdemokraten vor sich. Seien sie doch etwas nachsichtiger und entgegenkommender, eben etwas menschlicher.

  3. wird auf Zeit-Online eben sehr verwöhnt!

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