Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo im Büro des ZEIT-Herausgebers in Hamburg © Sigrid Reinichs

Giovanni di Lorenzo:  Lieber Herr Schmidt , Sie waren gerade erst auf dem SPD-Parteitag in Hannover , wo Sie auch eine Rede halten wollten. Warum haben Sie das dann doch nicht getan?

Helmut Schmidt:  Zum einen ging es mir gesundheitlich nicht so gut; am Vorabend war ich in einem Zustand, in dem ich nicht hätte reden mögen. Zum anderen war das Arrangement auf dem Parteitag anders, als ich es erwartet hatte. Ich sollte nach Peer Steinbrück an der Reihe sein, der dann aber sehr lange zu den Delegierten sprach. Da habe ich mir gedacht, nun ist genug geredet – und habe dem Vorstandstisch gesagt, dass ich nicht mehr reden will, obwohl es mir wieder ganz gut ging.

di Lorenzo: Was wäre Ihre Botschaft gewesen?

Schmidt: Solidarität mit den europäischen Nachbarn. Deutsche Politiker dürfen nicht den Eindruck erwecken, als betrachteten sie Europa so, wie die Preußenkönige es getan haben – nämlich als etwas, das es zu erobern gilt. Deutschland als politischer Führer der Europäischen Union – das geht nicht!

di Lorenzo: Hätten Sie die Rede gehalten, um Peer Steinbrück einen Gefallen zu tun?

Schmidt: Nein. Ich hätte sie gehalten, weil die Partei das von mir wollte. Ich hatte meine Rede auch sehr sorgfältig vorbereitet. Sie war schon seit 14 Tagen fertig.

di Lorenzo: Eigentlich ärgerlich.

Schmidt: Nein, ich mache irgendwann einen Aufsatz daraus.

di Lorenzo: Wer von der SPD bittet Sie eigentlich um so eine Rede, macht das Gabriel selber?

Schmidt: Ja; ich glaube, in diesem Fall haben sie mich sogar zu dritt gebeten.

di Lorenzo: War das ein guter Parteitag?

Schmidt: Ja, das kann man sagen. Es war eine sehr gut komponierte Rede, die Peer Steinbrück da gehalten hat. Sie war allerdings ein bisschen reichlich lang, und wenn er noch einen Europaschwanz drangehängt hätte, dann wäre sie noch mal zehn Minuten länger gewesen, mindestens. Das ging also eigentlich nicht mehr. Aber die Rede über Europa schuldet er der Öffentlichkeit noch, die wird er wohl zu Beginn des kommenden Jahres halten.

di Lorenzo: Hat es Sie überrascht, dass Peer Steinbrück sich in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit mit kaum etwas anderem auseinandersetzen musste als mit seinen Vorträgen ?

Schmidt: Ja. Und ich hätte mich an seiner Stelle auch nicht darauf eingelassen. Ich hätte gesagt, diese Vorwürfe sind ein billiger Appell an die Neidgefühle kleiner Leute. Man sollte sich mal überlegen, ob die Vorträge, die er gehalten hat, das Geld nicht wert gewesen sind. Offensichtlich waren sie es wert.