Fragen an den Altkanzler : Verstehen Sie das, Herr Schmidt?

Bundeskanzlerin Merkel wird kaum noch kritisiert. Peer Steinbrück hingegen muss sich seit Monaten hauptsächlich mit seinen Vortragshonoraren auseinandersetzen. Und in Deutschland gibt es plötzlich eine große Lust an der moralischen Verurteilung.
Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo im Büro des ZEIT-Herausgebers in Hamburg © Sigrid Reinichs

Giovanni di Lorenzo:  Lieber Herr Schmidt , Sie waren gerade erst auf dem SPD-Parteitag in Hannover , wo Sie auch eine Rede halten wollten. Warum haben Sie das dann doch nicht getan?

Helmut Schmidt:  Zum einen ging es mir gesundheitlich nicht so gut; am Vorabend war ich in einem Zustand, in dem ich nicht hätte reden mögen. Zum anderen war das Arrangement auf dem Parteitag anders, als ich es erwartet hatte. Ich sollte nach Peer Steinbrück an der Reihe sein, der dann aber sehr lange zu den Delegierten sprach. Da habe ich mir gedacht, nun ist genug geredet – und habe dem Vorstandstisch gesagt, dass ich nicht mehr reden will, obwohl es mir wieder ganz gut ging.

di Lorenzo: Was wäre Ihre Botschaft gewesen?

Schmidt: Solidarität mit den europäischen Nachbarn. Deutsche Politiker dürfen nicht den Eindruck erwecken, als betrachteten sie Europa so, wie die Preußenkönige es getan haben – nämlich als etwas, das es zu erobern gilt. Deutschland als politischer Führer der Europäischen Union – das geht nicht!

Die Autoren

In loser Folge befragt der ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo den ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt zur aktuellen Politik. Vor Kurzem erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch das Buch zur Reihe: Verstehen Sie das, Herr Schmidt? – mehr als zwanzig Gespräche zum Zeitgeschehen.

di Lorenzo: Hätten Sie die Rede gehalten, um Peer Steinbrück einen Gefallen zu tun?

Schmidt: Nein. Ich hätte sie gehalten, weil die Partei das von mir wollte. Ich hatte meine Rede auch sehr sorgfältig vorbereitet. Sie war schon seit 14 Tagen fertig.

di Lorenzo: Eigentlich ärgerlich.

Schmidt: Nein, ich mache irgendwann einen Aufsatz daraus.

di Lorenzo: Wer von der SPD bittet Sie eigentlich um so eine Rede, macht das Gabriel selber?

Schmidt: Ja; ich glaube, in diesem Fall haben sie mich sogar zu dritt gebeten.

di Lorenzo: War das ein guter Parteitag?

Schmidt: Ja, das kann man sagen. Es war eine sehr gut komponierte Rede, die Peer Steinbrück da gehalten hat. Sie war allerdings ein bisschen reichlich lang, und wenn er noch einen Europaschwanz drangehängt hätte, dann wäre sie noch mal zehn Minuten länger gewesen, mindestens. Das ging also eigentlich nicht mehr. Aber die Rede über Europa schuldet er der Öffentlichkeit noch, die wird er wohl zu Beginn des kommenden Jahres halten.

di Lorenzo: Hat es Sie überrascht, dass Peer Steinbrück sich in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit mit kaum etwas anderem auseinandersetzen musste als mit seinen Vorträgen ?

Schmidt: Ja. Und ich hätte mich an seiner Stelle auch nicht darauf eingelassen. Ich hätte gesagt, diese Vorwürfe sind ein billiger Appell an die Neidgefühle kleiner Leute. Man sollte sich mal überlegen, ob die Vorträge, die er gehalten hat, das Geld nicht wert gewesen sind. Offensichtlich waren sie es wert.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

der neid der kleinen leute

man sollte sich überlegen was das eigentlich für geld ist das der herr steinbrück zum beispiel bei den bochumer stadtwerken kassiert hat.

das sind abgeschöpfte gewinne aus zahlungen für strom, wasser, abwasser, wärme. das sind keine luxusprodukte sondern existenzielle dinge die zum leben benötigt werden. die verbraucher haben keine wahl sich der preispolitik des anbieters unterzuordnen oder nicht.

dort 25.000€ für eine rede zu kassieren ist einfach unredlich. ob das jetzt nachträglich noch gespendet wurde oder nicht - geschenkt.

wenn der herr altkanzler meint die kritiker diffamieren zu müssen und dies mit der hauseigenen publikation auch zu können dann ist eben so. festzuhalten bleibt dass sich person und institution zu ihrer eigenen karikatur machen.

Herr Schmidt verrät "die kleinenLeute"

Lieber Herr Schmidt,
Sie waren für mich immer ein Vorbild, aber Ihre Aussage "diese Vorwürfe sind ein billiger Appell an die Neidgefühle kleiner Leute" hat mich tief enttäuscht. Hätten Sie "Neidgefühle der Menschen" gesagt, wäre das nachvollziehbar.Neidisch sind nicht die Kleinen in unserer Gesellschaft, sondern die Großen: was für ein Aufschrei gab es bei Leuten wie Herr Dieter Hund, wenn es um Aufstockung der Niedrigrenten ging!Nein, nicht die kleinen Leute sind neidisch, sondern die Reichen, die immer Angst haben, dass sie zu kurz kommen, wenn HarzIV oder Ähnliches erhöht wird.Und wem kommen die Milliarden zugute, die die Aufstocker bekommen, den Unternehmern, die dadurch die Kleinen weiter ausbeuten können.Ach, Herr Schmidt, hätten Sie doch mehr Feingefühl gezeigt...

Alles oder nix

Ich ärgere mich immer mal wieder über einzelne Äußerungen des so verehrten Altkanzlers, heute und früher. Dabei gehe ich mir selbst oft auf den Leim. Ich bin nie seiner Meinung, aber wenn ich das gesamte Gespräch in mir wirken lasse, dann gefällt mir diese Stimmung, mit der er seine Meinung äußert.

Keineswegs gibt es "kleine Leute", die den geistigen, mehr oder weniger, Größen gegenüber großzügiger sein sollten. Das sind tatsächlich Bilder aus den vorigen Jahrhunderten. Goethes Kunst atmet seine materielle Sicherheit, das ist vergnüglich, tief und weise, nur ist es wie geliehen. Das Modell des Politikers, das Schmidt entwirft (und selbst verkörpert), und wofür Merkel so sehr steht wie Steinbrück, oder inzwischen wohl auch Trettin, Gabriel sowieso... ist ein Auslaufmodell. Das spricht überhaupt nicht gegen den Menschen Schmidt, sicher herrlich, mit ihm zu streiten und weitaus vergnüglicher als mit manchem heutigen Politiker. Aber irgendwie bleibt in mir auch immer das Gefühl, das Thema sei verfehlt. Schmidt hat in einer Zeit politische Verantwortung gehabt, in der die Gestaltung friedlichen Zusammenlebens der "Nationen" ein wesentliches Thema war. Sicher hat in dieser Zeit auch die Industrie der Waffen ihre Umsätze gesteigert, oder? Wie schade, dass dieser kluge Mann keine Visionen hat ;)

Ansprüche

Es war zu ahnen. Jetzt hat er seiner Gutsherren- Manier freien Lauf gelassen!
Etwas hanseatische Bescheidenheit hätte ich aber (auch seinem Schachfreund Steinbrück gegenüber) wohl erwartet. Das ist nicht mehr der Schmidt, dessen Reden wir in Güstrow lauschten und als wohltuend gegen die des Erich Honeckers empfanden.
Man muss auch ein bischen lächeln...