Nach diesem Maßstab ist ein Alleinstehender von Armut bedroht oder eben arm, wenn er weniger als etwa 1.000 Euro netto im Monat zur Verfügung hat. Dabei ist egal, ob er von einem Lohn lebt, von Rente, Arbeitslosengeld, Mieteinnahmen oder Bafög. Bei einem Arbeitnehmer entspräche dieses etwa 1.400 Euro brutto. Für eine Familie mit zwei Kindern gelten andere Werte, für sie liegt die Schwelle je nach Studie bei bis zu 2.700 Euro netto oder 3.300 Euro brutto (ein Alleinverdiener). Beträge, die nicht unbedingt zu landläufigen Vorstellungen von Armut passen.

Nach diesem Maßstab ist Armut in Deutschland ein Massenphänomen. Zwischen elf und dreizehn Millionen Bundesbürger sind von ihr bedroht. Es gibt unterschiedliche Zahlen, weil jede Untersuchung zu einem anderen Ergebnis kommt. Es handelt sich bei den Untersuchungen ja um Befragungen. Doch um den Erfolg der Politik im Kampf gegen die Armut zu beurteilen, kommt es gar nicht auf die einzelnen Zahlen an. Entscheidend ist der Trend. Werden es mehr oder werden es weniger Arme?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat kürzlich neue Berechnungen zur relativen Armut vorgelegt. Danach hat die Armutsgefahr deutlich zugenommen – allerdings zwischen 1999 und 2004. Und danach nicht mehr. Die Forscher haben sich auch andere, vergleichbare Erhebungen angeschaut. Diese kämen alle zum selben Ergebnis, »nämlich einem deutlichen Anstieg des Armutsrisikos bis etwa 2005 und einem seitdem etwa gleichbleibenden Niveau«. Mit anderen Worten: Schon seit sieben Jahren wächst die Armut nicht mehr. Und »katastrophal« wären demnach die Regierungsjahre von Gerhard Schröder gewesen. Zwischen 1998 und 2005 war nämlich er der Kanzler und nicht Merkel.

Man muss diese Sicht nicht teilen. Merkel profitiert von Schröders Reformen. Vor allem aber kritisieren viele Experten diese Definition von Armut. Hans-Werner Sinn, Chef des ifo Instituts, bezeichnete sie schon einmal als »bedarfsgewichteten Käse«. Der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Schroeder moniert, dass nicht unterschieden werde, ob jemand mit 1000 Euro im Monat in München zurechtkommen müsse oder irgendwo auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Und der Dortmunder Statistikexperte Walter Krämer kürte gemeinsam mit zwei anderen Professoren solche Armutszahlen kürzlich sogar zur »Unstatistik des Monats«. Gemessen werde bei dieser Methode nämlich keine Armut, sagt Krämer, sondern Ungleichheit.

Tatsächlich führt diese Methode mitunter zu kuriosen Ergebnissen. Glaubt man einer EU-Statistik, hat etwa der dramatische Absturz einiger Euro-Krisenländer überhaupt keine schlimmen Spuren hinterlassen: In Griechenland stieg der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung um wenig mehr als einen Prozentpunkt, in Irland gibt es heute weniger Elend als in vielen Boomjahren, und Portugal erreichte im Verlauf der Krise bei den Armutszahlen sogar ein Rekordtief. Eigentlich müssten die Menschen dort also zum Jubeln auf die Straße gehen, statt mit Steinen zu werfen. Die absurden Beispiele zeigen: Bei dieser Statistik kann ein ganzes Land den Bach runtergehen, und trotzdem sieht sie gut aus, solange nur die Einkommensunterschiede kleiner werden. Umgekehrt kann es allen besser gehen, und trotzdem wird die so gemessene Armut größer.

Alternativ dazu kann man versuchen, absolute Armut zu messen. Die EU befragt dazu Bürger, ob sie sich bestimmte Dinge leisten können – eine Waschmaschine, ein Auto, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit oder einmal im Jahr eine Woche Urlaub. Wer bei vier von insgesamt neun Fragen mit Nein antwortet, leidet nach EU-Definition unter »erheblicher materieller Entbehrung«. Diesem Maßstab zufolge wären vier Millionen Bundesbürger arm. Auch diese Untersuchung hat ihre Tücken. Besonders häufig mit Nein antworten die Leute zum Beispiel bei der Frage, ob sie »größere unerwartete Ausgaben« bewältigen könnten. Das verneint mehr als ein Drittel. Kann das dann als ein Kriterium für Armut dienen? Und wie verlässlich sind solche Selbsteinschätzungen? Glaubt man dieser Statistik, geht es den Deutschen schlechter als den Spaniern.

Eines jedoch ist klar: Auch diese Messmethode ergibt keine zunehmende Verelendung. Seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005 liegt der Anteil der Not Leidenden in der hiesigen Bevölkerung bei rund fünf Prozent, ohne große Veränderungen, ohne klare Tendenz. Die fünf Prozent sind schlimm genug, aber von wachsender Armut kann keine Rede sein.