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Steigt der Anteil der Armen in Deutschland? Viele glauben das, und die SPD will im Wahlkampf damit punkten. Doch es stimmt nicht. von 

Es vergeht kaum ein Monat, ohne dass irgendwo schriller Alarm ertönt: Im September berichten etliche Zeitungen, von taz bis Saarbrücker Zeitung: »Die Armut nimmt zu.« Bei Anne Will diskutieren die Talkshowgäste über »Mittelschicht in Abstiegsangst«. Mitte Oktober titelt die Abendzeitung: »So viele Arme wie nie.« Im November schreibt die Frankfurter Rundschau: »Die Armut in den Metropolen wächst.« Und Anfang Dezember heißt es dann: »Bundesregierung schönt Armutsbericht.«

Wer das alles liest und hört, dem muss es in den Ohren klingeln. Der muss außerdem furchtbar wütend werden. In was für einem Land leben wir eigentlich? Immer mehr Menschen stürzen ins Elend. Es ist eine Katastrophe!

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Oder ein Irrtum. Die Frage, ob die Not tatsächlich immer größer wird, berührt eines der wichtigsten sozialpolitischen Themen, selbst in einem reichen Land wie Deutschland. Diese Frage könnte die nächste Wahl entscheiden. Denn SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kündigte bereits an, im Mittelpunkt seiner Kampagne werde die soziale Gerechtigkeit stehen. Und SPD-Parteichef Sigmar Gabriel erklärte auf dem Parteitag, auf dem Steinbrück zum Kanzlerkandidaten gekrönt wurde, es gebe »eine Sache«, die nur die Sozialdemokraten versprechen könnten – das sei der Kampf gegen Armut. »Alle Untersuchungen der letzten Jahre«, sagte Gabriel, »kommen zu dem gleichen Ergebnis: Die Armut wächst.« Das sei »die katastrophale Bilanz Angela Merkels«.

Eine alte Politikerweisheit lautet: Allein mit Fakten gewinnt man keine Wahl. Aber mit der richtigen Geschichte dazu. Und die Geschichte der wachsenden Armut ist sehr eingängig: Immer mehr Menschen müssen zu Hungerlöhnen arbeiten. Deshalb gibt es mehr Arme. Man könnte ihnen mit einem gesetzlichen Mindestlohn helfen. Aber den lehnen die Schwarz-Gelben ab. Das ist, modern gesagt, das Narrativ, das nun schon seit einigen Jahren die Gerechtigkeitsdebatten in Deutschland begleitet. Einfach, plausibel und scheinbar jeden Monat durch alarmierende Nachrichten belegt.

Und doch ist dieses Narrativ nicht richtig. Denn es ist keineswegs so, dass sich die Armut in Deutschland immer weiter ausbreitet. Eher ist das Gegenteil der Fall. Und wenn man aus diversen Untersuchungen überhaupt eine »katastrophale Bilanz« herauslesen kann, dann beträfe sie die Regierungsjahre von Gerhard Schröder.

Die meisten Menschen denken bei Armut zuerst an Bettler auf der Straße, an Obdachlose, die unter Brücken schlafen, oder an Menschen, die vor einer Suppenküche Schlange stehen. Sie denken an unmittelbare, offensichtliche Not. Mit den meisten Armutsstatistiken hat das aber vergleichsweise wenig zu tun.

Es gibt üblicherweise drei verschiedene Methoden, Armut zu messen. Ausgerechnet die Methode, die für die meisten Schlagzeilen sorgt, ist die komplizierteste, unsicherste und die, die am schwersten zu interpretieren ist. Hinter ihr steckt die Idee der »relativen Armut«. Danach gilt als arm, wer weniger Geld hat als seine Mitmenschen – egal, wie groß der Wohlstand in einem Land ist. In den achtziger Jahren legte die EU fest: Mit weniger als 40 Prozent des mittleren Einkommens ist man »streng arm«, mit weniger als 50 Prozent »arm« und mit weniger als 60 Prozent »armutsgefährdet«. Fast alle Studien beziehen sich inzwischen aber nur noch auf die höchste dieser drei Grenzen, und in den meisten Pressemeldungen wird aus dem sperrigen Wort »armutsgefährdet« einfach »arm«.

Leserkommentare
    • Karl63
    • 27. Dezember 2012 19:10 Uhr

    in der Autor explizit darauf hinweist, trotz der (eindeutig) erfreulichen Entwicklung besteht nach wie vor die Notwendigkeit über (neue) Wege nachzudenken, um die Armut in Deutschland wirkungsvoller zu bekämpfen.

    • NTV
    • 27. Dezember 2012 19:12 Uhr
    50. [...]

    Entfernt, kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/fk.

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    themenbezogen. Bitte stellen Sie ihn wieder her, sonst liegt der Verdacht nahe, dass Sie nur genehme Beiträge veröffentlichen und unangenehme löschen. Danke.

  1. ...kann schreiben, was sie will.

    Ich wähle DIE LINKE.

    Schönen Abend noch.

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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  2. themenbezogen. Bitte stellen Sie ihn wieder her, sonst liegt der Verdacht nahe, dass Sie nur genehme Beiträge veröffentlichen und unangenehme löschen. Danke.

    Antwort auf "[...]"
    • arnster
    • 27. Dezember 2012 19:21 Uhr

    Die derzeitigen Führer einschließlich Stinbrück stehen für und zur der Politik Schröders.

    Antwort auf ""Eine Sache, die nur"
  3. aber die Anzahl der Armutsgefährdeten stieg über die letzten Jahre auch nicht schlecht:

    https://www.destatis.de/D...

    • edgar
    • 27. Dezember 2012 19:23 Uhr

    "Die sozialpolitisch Debatte ist längst in unseriösen Populismus abgedriftet."

    Indem Sie sich selbst eigentlich nur als Beispiel meinen können.
    Von Argumenten (!) oder den Blick über den Tellerrand (!) ist in Ihrem Kommentar kein einziges Körnchen zu finden:

    "Guter Artikel"
    "Es tut gut, auch mal besonnene Stimmen zu hören, die nicht in bequemen Sozialpopulismus und Reichenbashing verfallen."

    "Neben der Mär von der zunehmenden Armut ist auch die Geschichte von den 'Reichen, die immer reichen werden' und den 'Armen, die immer ärmer werden' gelogen."(!)

    "Seit 2005 hat die bspw. die Einkommensungleichheit abgenommen."
    Fakten - außer dem Artikel ??

    "... verteufelt werden".

    Dass Sie für diese reine Beschönigung durch Wiederholung einen Redaktionskommentar erhalten, spricht für den an anderer Stelle genannten "investigativen Journalismus" der ZEIT.

    Es ist zum lachen!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Guter Artikel"
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    Hallo edgar:
    Es ist leider nicht zum lachen, es ist zum Weinen.
    Die Zeit als FDP-Kampfblatt! Das allerdings ist schon wieder zum lachen.

    Gerne liest man einmal einen Artikel, der nicht in nur die gängigen Pauschalvorurteile/-behauptungen wiedergibt und gleich im Nachsatz irgendwelche Unfairtailungsmaßnahmen als angebliche Großtaten "sozialer Gerechtigkeit" oder angeblicher "Solidarität" fordert.

    Dem spricht die Darstellung des Foristen @56"edgar" Hohn, nach der eben genau dieses Fehlen von mundgerechter unlauterer Propaganda quasi als unseriöse Propaganda, also das glatte Gegenteil dagestellt wird.

    Jedem der einmal ordentlich und wie es sich

    • Zoo TV
    • 27. Dezember 2012 19:23 Uhr

    Endlich geht "Die Zeit" einmal voran und spricht Wahrheiten aus, die sich sonst keiner traut.

    So könnte eine gerechtere Welt aussehen, die auch die Bedürfnisse unserer armen reichen Mitbürger berücksichtigt:

    - Spitzensteuersatz für Einkommen ab 500.000 Euro auf 0% absenken
    -Mehrwertsteuer auf 45 % erhöhen, Luxusgüter werden dagegen steuerbefreit
    -Vermögensteuer und Erbschaftsteuer für Hartz IV-Empfänger neu einführen, Satz 54 %, Vermögen von über 100.000 dürfen dagegen ein Ausreiseantrag auf die Cayman-Inseln stellen
    -Arbeitnehmer sollten selbst Geld mitbringen, um arbeiten zu dürfen oder eine Kaution beim Arbeitgeber für ihren Job bezahlen
    -kein Kündigungsschutz mehr
    -keine Kranken- und keine Pflegeversicherung mehr, so wird das System zukünftig durch sozialverträgliches Ableben um Milliarden entlastet
    -der Steuerzahler haftet grenzenlos für alle Risiko-Geschäfte der Banken, außer Reiche, die eine staatliche Subvention für ein Schweizer Bankkonto bekommen
    -Rentenzahlung nur noch auf 10 Jahre begrenzen, mit einem Renteneintrittsalter von 85 Jahren
    -Veräußerungsgewinne von Wertpapieren werden ebenfalls steuerbefreit
    -die Körperschaftsteuer wird abgeschafft
    -jeder Haushalt (außer Reiche) muss eine Energieabgabe von 500 Euro monatlich bezahlen
    -Fernsehgebühren hoch auf 200 Euro im Monat, hilfebdeürftige Reiche dürfen eine Gebührenbefreiung bei der GEZ beantragen
    -in den Bundestag werden keine Abgeordneten mehr gewählt, sondern die schönsten Manager der Dax-Konzerne

    Eine Leserempfehlung

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