Zu Hause beim Sammler Axel Haubrok hängt die Kunst nicht immer hoch. »Sie stehen auf Rosemarie Trockel«, sagt er im Vorzimmer seiner Berliner Etagenwohnung. Zu widersprechen, weil man mit den Strickbildern der Düsseldorfer Kunstprofessorin seine lieben Schwierigkeiten habe, läuft nicht. Haubrok meint den Teppich, den man unter den Füßen hat. Das Sofa, in das man sich im nächsten Zimmer plumpsen lässt: ups!, ein Werk von Franz West. Der Esstisch aus simplen Sperrholzplatten: vom großen Minimalisten Donald Judd. Und die runde Holzschachtel auf dem Sideboard? »Ach, das ist nur ein Nähkästchen.«

Was ist Kunst, was nicht? Diese Verwirrung ist bei Haubrok Programm. Überprüfen lässt sich das zurzeit in Hamburg-Harburg, in den Phönixhallen des Sammlerkollegen Harald Falckenberg, wo Haubrok einen Teil seiner Werke unter dem Titel No Desaster ausstellt (bis 24. Februar). Alles, was man dort sieht, gibt zu denken. Beim Eingang die Blumenvase – ist das nur Deko? Der Tisch mit dem Teller, auf dem Kleingeld liegt, und mit der Frau im weißen Kittel dahinter – Performance? Oder geht es hier wirklich zum Klo? Man würde sich übrigens nicht wundern, dort ein Pissoir à la Duchamp vorzufinden. Der ist schließlich der Ahnherr jener Kunst, die Haubrok sammelt, einer nicht mehr »retinalen Kunst«, sondern mentalen. »Kunst, sage ich immer«, so Haubroks Echo darauf, »kommt nicht von können, sondern von denken können.«

Dieses Denken funktioniert nur, wenn wir wissen, dass wir denken sollen. Der Kontext macht die Kunst. Und viele machen da nicht mit. Das englische Künstlerduo Gilbert & George etwa spottete: »If you do some damn silly canvas with a black dot in the middle, unless you have it on the wall by itself with two spotlights, nobody would know what the fuck it is…« So gesehen, hat es sich Haubrok einfach gemacht. Er hat alles gesammelt, was die Populisten von Jeff Koons bis hin zu Damien Hirst (»what the fuck is wrong with visual candy?«) nicht mögen. Die einsamen schwarzen Striche der Hinterglasmalerei von Florian Pumhösl, Martin Creeds zusammengeknüllten weißen Papierball, Georg Herolds bescheidene Spiralzeichnung, die der Hamburger Ausstellung den Titel gegeben hat, monochrome Bilder von Stephen Prina, so was halt. Haubrok hat sogar die von Gilbert & George verachteten »spotlights« in die Sammlung integriert: mit dem Highlighter von Olafur Eliasson, einem Lichtkegel, der erratisch durch den Raum wandert.

Alles schwarz, weiß, grau: Ist Haubrok farbenblind?, fragt der Sammlerkollege

Das hat schon seinen Witz, und vielleicht deshalb mag sich auch Harald Falckenberg bei der Eröffnung einen Scherz nicht verkneifen. »Alles schwarz, weiß, grau: Bist du eigentlich farbenblind?« Haubrok, 61, trägt Nadelstreifen, darunter ein graues Hemd, passt gut zu seinem grauweißen Haar. Auch seine elegante Frau scheint in der Öffentlichkeit ausschließlich Schwarz zu tragen. In der Wohnung gibt es ein paar Farbkleckse, aber man merkt den Haubroks die Mühe an, sie zu vermeiden. Auf dem Adventskranz die Kerzen: weiß. Haubrok sagt, das habe mit Haltung zu tun. Der Begriff ist ihm wichtig. Er lässt sich in verschiedene Richtung deuten.

Haubrok hat in der Wirtschaft gearbeitet, er hat sein Geld verdient, indem er Unternehmen an die Börse brachte und ihre Hauptversammlungen organisierte. Er hat aber auch lange genug PR-Arbeit für Unternehmen betrieben, um zu wissen: Wer erfolgreich sein will, muss erkennbar sein, also einen Markenkern ausbilden, ein Alleinstellungsmerkmal. Ausgeschlossen also, Haubrok in einem herbstlaubfarbenen Tweed-Sakko von Etro zu erwischen. Es würde seine Marke ankratzen und womöglich seinen Wert, seine Verlässlichkeit im Kontext der Arbeits- und Kunstwelt schmälern. Haubrok verkörpert deshalb perfekt den Widerspruch von Strenge und Verspieltheit, der sich schon in der von ihm gesammelten Kunst findet. Denn während keine Konzeptkunst ohne eine Form von gedanklicher Spielerei auskommt, bleiben die Regeln des Erfolgs in der realen Kunstwelt unerbittlich.

Ist das Rückgrat der Haltung also weiter nichts als Ökonomie? Nun ja, etwas ist schon dran an dem Satz. Aber nicht alles drin. Bei Haubrok kommt ein politischer Aspekt hinzu. Haubrok mag es, wenn ihm Leute sagen, sie mögen seine sperrige Sammlung nicht. »Damit kann ich was anfangen.« Jedenfalls mehr, als wenn sie sich ins Kuddelmuddel des »Ja, aber« oder »Ich weiß nicht recht« begeben. Klare Kante! Er hat dafür auch ein Datum parat: 1968. »Da hatte man noch Ideale, da war ich 17, und wir sagten uns: Ab mit den alten Bärten!« Da saß er in der westfälischen Provinz, und sein Vater betrieb eine Autowerkstatt, die er um keinen Preis weiterführen wollte. Der Vater, dankenswerterweise, verstand.

Sammlungen können sich spezialisieren, sich noch voneinander unterscheiden

Diese kleine Episode ist nicht unerheblich. Sie weist in Richtung Zukunft von Haubroks Sammlung. Die umfasst mittlerweile 800 Werke und ist einmalig dank des äußerst avancierten Konzeptkunst-Profils. Das mache auch den besonderen Wert und die Berechtigung von Sammlungen neben den Museen aus, sagt Haubrok, womit wir beim kulturellen Aspekt seiner Haltung wären. Die Museen, sagt er, würden ja immer gleicher, immer angepasster aneinander, wie die Parteien in der Politik. Die Sammlungen hingegen könnten sich spezialisieren, sich noch wahrhaft voneinander unterscheiden, sich reiben, wie die seine jetzt an der gänzlich anderen von Falckenberg.

Aber zurück zum Vater. Axel Haubrok ist heute selbst einer. Und wie ihm sein Vater die Freiheit gab, so möchte er es nun mit seinem Sohn halten. 13 Hauptwerke der Sammlung hat Haubrok als Dauerleihgabe an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegeben, unter der Auflage, sie einmal in zehn Jahren auszustellen. Den Rest der Sammlung will er ohne Verkaufseinschränkungen dem Sohn vererben. Auf die Gefahr hin, dass sie sich in alle Winde verstreut. Warum auch nicht? »Wer weiß denn«, sagt Haubrok und schraubt sein Ego herunter auf den Minimalismus der von ihm geschätzten Kunst , »ob es in 40 Jahren noch irgendjemanden interessiert, was der Haubrok mal gesammelt hat.« Nein. Ein Museum brauche er nicht.

In Berlin schafft sich der Sammler gerade einen neuen Ausstellungsort

Anfangs hat er bei sich zu Hause in Wilmersdorf die Kunst gezeigt. Als das ständige Um- und Ausräumen der Wohnung seiner Frau zu viel wurde, richtete Haubrok einen Showroom am Strausberger Platz ein, mit wechselnden Ausstellungen aus seiner Sammlung. Jetzt zieht er weiter nach Lichtenberg, wo er ein Gewerbeareal aus den dreißiger Jahren erworben hat. Neben Ausstellungen will Haubrok in Lichtenberg auch mal Filme zeigen oder ein Konzert veranstalten. Haubrok kennt die Künstler, Platz ist da und skurriles Zeugs dazu: ein Kasino, eine Bar, eine Kegelbahn, eine Sauna. Jede Menge Möglichkeiten für Verwendungen, Verschiebungen, Wiederholungen und sonstige Interventionen im Geiste der Konzeptkunst. Los geht es voraussichtlich zum nächsten Gallery Weekend, Ende April, Adresse wird noch bekannt geben. Sicher ist: Man wird von vielem, was auf dem Gelände künftig zu sehen ist, auf wunderbare Weise nicht wissen, was man davon halten soll.