Stuttgart 21"Den Bau sofort stoppen!"

Stuttgart 21: Ein Kritiker sagt, das Land sei jetzt zum Ausstieg gezwungen. von 

DIE ZEIT: Herr Engelhardt, Sie sagen, Stuttgart 21 sei »der größte technisch-wissenschaftliche Betrugsfall der deutschen Industriegeschichte«. Wie kommen Sie darauf?

Christoph Engelhardt: Bei Stuttgart 21 wurde die Öffentlichkeit mehrfach getäuscht, um das Projekt durchzusetzen. Es wird zum Beispiel immer behauptet, der neue Durchgangsbahnhof sei viel leistungsfähiger als der bestehende Kopfbahnhof.

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ZEIT: Ist er nicht?

Engelhardt: Definitiv nicht. Im Gegenteil: Heute schafft der Bahnhof 38 Züge in der Spitzenstunde, bei voller Auslastung wären es sogar 50. Der neue Bahnhof dagegen schafft nur 32 Züge. Er leistet in der entscheidenden Spitzenstunde also 15 Prozent weniger und zudem 30 Prozent weniger, als der alte leisten könnte.

ZEIT: Aber kann ein Durchgangsbahnhof nicht viel mehr Züge abfertigen als ein Kopfbahnhof, weil sie dort schneller wegfahren können?

Engelhardt: Ich habe die Leistungsfähigkeit von großen Kopf- und Durchgangsbahnhöfen miteinander verglichen. Das Resultat: Bei der gleichen Anzahl von Gleisen kann ein Durchgangsbahnhof 45 Prozent mehr Züge durchschleusen als ein Kopfbahnhof. Stuttgart 21 wird aber nur halb so viele Gleise haben wie der heutige Bahnhof. Allein da hätte man misstrauisch werden müssen.

ZEIT: Nach der Schlichtung des Bahnhofsstreits wurde Stuttgart 21 einem aufwendigen Stresstest unterzogen. Der bescheinigte dem neuen Bahnhof eine 30 Prozent höhere Leistungsfähigkeit als dem alten.

Engelhardt: Der Auditor, das Schweizer Gutachterbüro SMA, kam zu dem Ergebnis, dass der neue Bahnhof eine wirtschaftlich optimale Betriebsqualität aufweist. Wirtschaftlich optimal ist aber schlechter als eine gute Betriebsqualität, wie sie im Stresstest gefordert war. Genau genommen wurde dieser Test nicht bestanden, der Gutachter hat wohl das eine Auge zugekniffen und manchmal auch das zweite. Die Bahn ist einer der größten Kunden der SMA.

ZEIT: Klingt nach Verschwörungstheorie.

Engelhardt: Überhaupt nicht. Der Stresstest war ein Meisterwerk der Täuschung. Man hat überall die Schrauben überdreht, um noch ein paar mehr Züge rauszuholen. Tatsächlich wurden schon vor Jahren für die Planfeststellung 32,8 Züge pro Stunde als Grenze ermittelt. Der neue Bahnhof sollte aber am Tag 50 Prozent mehr leisten. Die absurde Konsequenz: Künftig müssten nachts mehr Züge fahren als mittags, um die geforderten Zugzahlen zu erreichen. Eine gigantische Milchmädchenrechnung!

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