Musiker Jake Bugg : Zwei Finger für Victory

Er ist 18, kommt aus England und singt den Blues: Jake Bugg lehrt Teenie-Idole wie Justin Bieber das Fürchten.
Jake Bugg in den Straßen Londons, Oktober 2011 © Universal Music

Jake Buggs Traumband sieht so aus: Ringo Starr, Schlagzeug, Paul McCartney, Bass, Ray Charles als Mann am Klavier und Johnny Cash an der Rhythmusgitarre. Die Bottleneck würde von Robert Johnson gespielt, die Leadgitarre von Jimi Hendrix, der Posten am Mikrofon aber gebührte keinem Geringeren als Elvis, denn, so hat Jake es dem britischen Independent zu Protokoll gegeben, »he was such a showman, he had all the moves«. Fünf Tote und zwei Männer im Rentenalter, eine seltsame Bilanz für einen 18-Jährigen. Aber als gewöhnlichen 18-Jährigen sollten wir uns Jake Bugg nicht vorstellen.

Natürlich twittert er, wo er geht und steht, ob aus Manchester (»Thank you very much, Manchester!«), Austin, Texas (»Playing in Austin tonight, looking forward to it«), oder New York (»Off to New York, knackered!«). Und natürlich kommt alles auf Facebook, vom kleinsten Pubauftritt bis hin zur Titelgeschichte. An seinen Postings kann es nicht liegen, dass daheim in England ein beträchtlicher Hype um ihn entstanden ist. Stellt man Buggs allerdings auf die Bühne, beginnt eine eindrucksvolle Verwandlung.

Mit dem Mikro vor dem Mund wird aus Jake Bugg, dem Milchgesicht, ein Troubadour, der zur Akustischen so schaurig erfahren von seinen Reisen singt, dass man das halbe Hemd da droben ganz vergisst. Wo er überall gewesen sein will! Auf den staubigsten Straßen, den höchsten Bergen, den sieben Weltmeeren. Und diese Stimme! Buggs frühreif verrostetes, mit Dosenbier geschmeidig gehaltenes Organ scheint aus einem anderen, viel älteren Körper zu kommen, dem Körper eines Mannes, der alles gesehen hat und dessen Berufung es ist, uns ahnungslose Couch-Potatoes daheim über den wahren Stand der Dinge da draußen zu unterrichten. Dass der echte Jake Bugg bis zur Erreichung der Volljährigkeit nie aus England herausgekommen ist, tut der Faszination keinen Abbruch. Man kann ja auch in Liedern reisen.


Es ist der Blues, der hier Teenagergestalt angenommen hat, mit all den dazugehörigen Symptomen: der Absage an vor Computerbildschirmen platt gesessenen Hintern, dem obsessiven Hineinhorchen in alles, was nach Schellack rauscht und knistert, dem Wunsch, in einem anderen Jahrzehnt groß geworden zu sein, als der Himmel noch weit schien und die Musikgeschichte nicht auf eine einzige Festplatte passte. Der Blues ist diesem abtrünnigen Sohn des Social-Media-Zeitalters Sehnsuchtsort und Wahlheimat, er gibt ihm das Recht, seine Blitze gegen Castingshows, Karaoke-Pop und Justin Bieber zu schleudern, mit dem er kurioserweise sowohl die Initialen als auch, mit nur einem Tag Unterschied, das Geburtsdatum teilt. Während alle reinwollen – ins Fernsehen, das Reihenhaus, den Erfolg –, will Jake Bugg raus. Die obligatorischen Dylan-Vergleiche sind trotzdem unpassend.

So sehr Jake Bugg nämlich der reinen Lehre verpflichtet ist, so unverkennbar ist seine Auslegung von einer spezifisch insularen Rabaukigkeit, wie man sie nur hinbekommt, wenn man wie er den anderen Blues kennengelernt hat: den Blues englischer Trabantenstädte, die Tristesse, die sie an vernieselten Nachmittagen ausatmen, den heimelig ranzigen Geruch nach Fish ’n’ Chips und unter Trockenhauben vor sich hin kokelnden Dauerwellen. Die in einer Sozialbausiedlung am Rand von Nottingham zugebrachte Jugend ist den Songs seines schlicht Jake Bugg betitelten Debutalbums in jedem Moment anzuhören, zu geradeheraus gestrummten Akkorden erzählen sie in bester Britpopmanier von der Langeweile und dem Wunsch, sie hinter sich zu lassen. Ein Zufall ist es jedenfalls nicht, dass Noel Gallagher, oberster aller Working Class Heroes, sich bereits als Mentor ins Spiel gebracht hat. Amerika mag groß sein, die Melancholie aber ist immer noch in England zu Hause.


Wuchtigstes Beispiel für Buggs Fähigkeit, amerikanische Aufbruchsromantik mit urbritischem kitchensink-Realismus zusammenzubringen, ist Two Fingers, ein Epos direkt aus der Wohnstube: Dad säuft, Mom glotzt TV, brandmauergrau ziehen die Tage dahin, während draußen vor dem Supermarkt, wo die Bollocks abhängen, Joints entfacht werden. »But something is changing, changing, changing«: Schon einen Vers weiter werden wir Zeuge, wie der Held seine Gitarre schultert, eine Zigarette aus der Packung klopft und, zwei Finger zum Siegeszeichen emporgereckt, die Stätte seines Missvergnügens für immer verlässt. In dreieinhalb Minuten die Kurve kratzen und dabei alle anderen alt aussehen lassen, das ist grandios, das ist fast Punk, das Stück ist der beste Oasis-Song, den Noel Gallagher in den letzten 20 Jahren nicht geschrieben hat. Wenn der Junge es nicht doch noch irgendwo unterwegs vergeigt, wird in den nächsten Jahren mit ihm zu rechnen sein.

Ein bisschen Luft nach oben wäre da allerdings. Zu den Ironien der späten Geburt gehört, dass der mental mit allen Wassern gewaschene Bugg gerade erst dabei ist, jene mythischen Landstriche kennenzulernen, die er in seinen Liedern längst bereist hat. In Austin, Texas, war er schon, ebenso in Nashville, auch New York soll ihm ganz gut gefallen haben. Vielleicht wird sein Weg ihn demnächst in den amerikanischen Süden führen, wo alles anfing. Bei Robert Johnson, dem König der Mississippi-Bluessänger, war das noch umgekehrt, er kam von den Rändern und schaffte es erst nach seinem Tod in die Mitte, doch solche Details sollte man nicht überbewerten, denn so funktioniert nun einmal Popmusik: Man schneidert sich aus Resten ein Gewand. Hineinwachsen kann man dann immer noch.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Zielgruppenorientierung vs. Zielgruppenorientierung

Ob der junge Mann einem Justin Bieber das Fürchten lehrt, denke ich kaum. Er schwebt doch in etwas anderen Sphären und es wäre beinahe schon ein kleines Wunder, wenn der Amerikaner den Engländer überhaupt zur Kenntnis nehmen würde. Doch wozu sollte er auch? Die Zielgruppen scheinen klar verteilt: Auf der einen Seite des Atlantiks jüngere Teenager, auf der anderen Seite die ältere Generation, die gern hätte, dass heute alle Teenager mehr wären wie Jake Bugg als wie Justin Bieber. Dennoch muss ich sagen: Ein Bieber wirkt für mich bei aller musikalischen Flachheit noch immer authentischer als Mr. Bugg, der auf der Suche nach Eigenständigkeit doch nur auf die üblichen, tausendmal zitierten Verblichenen des Rock-Geschäftes zurückgreift.

Potzblitz, wie langweilig

Derivativmusik erster Güte mit sehr professioneller Geste. Wirkt außerordentlich kalkuliert (der Act hat laut Wikipedia bereits Musik für Werbung verkauft, bevor es überhaupt ein Album gab).
Ältere Leute kaufen mehr Musik, also schneidern wir zielgruppengerecht ein Angebot und pushen es in die Channels.

Natürlich ist das ganze

kalkuliert, zielgruppenorientiert und vom Produzenten zurechtgebügelt. Das ist die Musik von Rihanna, Metallica, Madonna und allen anderen auch. Das nennt sich Musikbuiseness. Ich hab jetzt ganze vier Songs von ihm gehört und finde es gut. Und auch wenn die Musik für eine bestimmte Generation "zurechtgeschneidert" sein sollte - bin ich mit dem Produkt immer noch zufriedener als mit dem ganzen Superpopstarzeugs für welches ich nicht einen Cent ausgeben würde. Mir gefällt's und authentisch kann man werden, wenn man es sich leisten kann, den umgekehrten Weg zu gehen, halte ich im Showgeschäft für nahezu unmöglich. Gebt dem jungen eine Chance, Talent scheint er ja zu haben.