Bologna-Reform"Sie können das nicht unterzeichnen!"

Wie sieben Männer die größte Revolution an den Schweizer Universitäten anzetteln. Die unglaubliche Geschichte der Bologna-Reform von 

Das Orchester spielt Beethoven, die neunte Symphonie. »Freude, schöner Götterfunken...« Gedrängt sitzen die Universitätsrektoren und Bildungspolitiker aus dreißig Ländern in der festlich geschmückten Aula Magna. Einige blättern in den vier A4-Seiten, die man ihnen eben ausgehändigt hat; die Musik übertönt das Rascheln des Papiers. Was sie lesen, bestätigt ihre Befürchtungen: An den europäischen Universitäten wird bald nichts mehr sein wie früher.

Es ist der 19. Juni 1999, ein Samstag, als die europäischen Bildungsminister an der Universität von Bologna ihre Unterschrift unter eine Absichtserklärung setzen, die später als »Bologna-Deklaration« bekannt wird. Mit dabei ist auch eine siebenköpfige Delegation aus der Schweiz, angeführt von Charles Kleiber, dem Staatssekretär für Bildung und Wissenschaft.

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Diese Herren machen sich daran, die größte Revolution an den Schweizer Universitäten anzuzetteln. Bologna ist ein Paradigmenwechsel – vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Mussten sich früher die Studierenden ihr Wissen selber erarbeiten, den Stoff durchdringen, wird ihnen fortan Bildung häppchenweise in Modulform serviert.

Heute, zehn Jahre nachdem die Bologna-Reform an allen Schweizer Universitäten umgesetzt wurde, erzählt eine Dissertation erstmals, wie »Bologna« in die Schweiz kam. Geschrieben hat sie die Zürcher Erziehungswissenschaftlerin Barbara Müller, eine Befürworterin der Reform.

Es ist die Geschichte von sieben Männern, die eine Revolution entflammen – und sich dabei selbst überrumpeln. Es ist die Geschichte einer Bildungsreform, die nie in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird – aber unsere Vorstellung von Bildung komplett verändert. Es ist die Geschichte einer Reform, von der bis heute niemand weiß, was sie tatsächlich bringt. Kurzum: Es ist eine unglaubliche Geschichte.

Oder wie Gerhard Schuwey, der frühere Direktor des Bundesamts für Bildung und Wissenschaft, rückblickend feststellt: »Wenn man ehrlich ist, muss man auch sagen, dass man die Wirkung nicht nur in der Schweiz völlig unterschätzt hat.«

Die Feier in Bologna glänzt mit italienischem Pomp, mit dunklen Staatskarossen, Chauffeuren und Motorradkolonnen. Die Schweizer Delegation ist beeindruckt. In der Aula werden unter Namensaufruf die Minister nach vorn zur Unterzeichnung gebeten. »Es wäre unfassbar gewesen, dass der Staatssekretär das nicht unterschreiben würde, das wäre eine solche Bloßstellung gewesen«, sagt heute Rudolf Nägeli, der als Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz nach Bologna gereist war.

Die Würfel sind gefallen. Dabei hegen die Schweizer Rektoren große Skepsis gegenüber der angekündigten Reform. Eine Woche zuvor hält ihre Plenarversammlung unmissverständlich fest: »Selbst eine kurze Auseinandersetzung mit dem Papier Bologna-Entwurf zeigt jedoch, dass das Bachelor/Master-System wie vorgeschlagen für die Schweiz nicht akzeptabel ist.«

Am Vorabend der Vertragsunterzeichnung treffen sich die Schweizer zu einem informellen Nachtessen. Die Stimmung ist gespannt, denn die Einladung zur Konferenz erfolgte sehr kurzfristig. Für eine breite Diskussion der Ideen blieb keine Zeit. Die Rektoren befürchten, die Politik würde ihnen von nun an die Bedingungen diktieren. Und dies ausgerechnet jetzt, als sie sich in zahlreichen Volksabstimmungen ihre Unabhängigkeit erstritten haben. Die bis anhin kantonalen Universitäten kriegen weiterhin Geld vom Staat, dürfen nun aber selber bestimmen, was sie damit machen wollen. Staatssekretär Kleiber, der an jenem Abend mit den europäischen Bildungsministern zu Tisch saß, erinnert sich heute: »Die Rektoren kamen zu meinem Hotel. Und sie sagten mir, ›Sie können das nicht unterzeichnen!‹ Und danach habe ich gesagt, ich werde unterschreiben, aber wir können trotzdem darüber diskutieren.«

Ich entscheide. Ich unterschreibe. Egal, was ihr denkt. Überrascht hat diese Haltung des Staatssekretärs niemanden. »Wir haben keine Wahl«, sagte Charles Kleiber bereits ein Jahr zuvor in einem einstündigen Fernsehinterview. »Die Universitäten stehen heute außerhalb der Geschichte, sie sind Gefangene ihrer archaischen Strukturen.« Kleiber tritt sein Amt als Staatssekretär an, um die Universitätslandschaft umzustechen. Er veröffentlicht im Vorfeld sogar ein programmatisches Buch – Die Universität von morgen. Er sieht sich als Prinz, der das Dornröschen Universität wachküsst. Der studierte Architekt will eine neue akademische Welt erbauen, und diese soll ganz dem Zeitgeist der späten neunziger Jahre gehorchen.

Mehr Wettbewerb, mehr Leistung, mehr Effizienz. Und vor allem: mehr Europa. Das sind die Losungen. Was der Euro für die Wirtschaft, soll Bologna für die Wissenschaft sein. Die große europäische Einigungswelle hat auch das Bildungswesen erfasst.

Und so beginnt diese Geschichte auch nicht erst in der Aula Magna in Bologna, sondern ein Jahr zuvor in Paris, wo im Mai 1998 die weltberühmte Sorbonne ihr 800-jähriges Jubiläum feierte, wie Barbara Müller in ihrer Dissertation zeigt.

Leserkommentare
  1. Ein interessanter Bericht! Habe ich so präzis noch nirgendwo gelesen.

    Das eine Zitat stach mir in die Augen: "Nur ein Sechstel aller Studierenden (in der Schweiz) wechselt für den Master die Hochschule. Weniger als fünf Prozent der Bachelorabsolventen geht dafür ins Ausland."

    Das ist ja nun wohl nicht ein Mangel von "Bologna", sondern hat mit Bequemlichkeit, geringer Flexibilität und Desinteresse der Studierenden zu tun - keine idealen Voraussetzungen in einer Welt der Globalisierung.

    Wenn sich bei den heutigen Möglichkeiten nicht mal 5% der Bachelorabsolventen ins Ausland trauen, stimmt etwas nicht.

    Klar kann man behaupten: Ist halt bei uns alles besser, drum bleiben sie hier.

    Hierbleiber haben wir aber genug. Rausgeher und Zurückkommer zu wenig.

    Und dass erhabene Professoren mit lebenslanger Anstellungsgarantie von "Bologna" ein wenig durchgeschüttelt werden, ist wohl nicht nur schlecht. Vielleicht sollte "Bologna" künftig auch befristete Verträge für Professoren zur Pflicht machen.

    Rotation und Wettbewerb machen weniger träge als eine Lebensstellung (die es kaumirgendwo sonst noch gibt), insbesondere, wenn Professur und Lehrstuhl schon um die 30 erobert und nie mehr losgelassen werden....

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