Versuchter AnschlagEine Bombe in Bonn...

...und eine Lunte, die bis nach Somalia reicht? von 

Am vorvergangenen Montag hätte am Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs eine Bombe explodieren sollen. Der Sprengkörper explodierte nicht, weil er fehlerhaft konstruiert war. Die ehemalige Bundeshauptstadt ist einem Terroranschlag zur Rushhour entgangen.

Wer waren die Bombenleger? Manches spricht dafür, dass ihre Verbindungen bis nach Somalia reichen könnten. Die Frage nach den Tätern wäre einfacher zu beantworten, wenn es ein Bekennerschreiben gäbe oder wenn die Behörden die Terroristen zuvor observiert hätten wie in anderen Fällen. Doch der Bombenfund kam unerwartet. Mittlerweile vermuten Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt (BKA), dass es sich um militante Islamisten handelt. Es gebe Hinweise, wonach »ein möglicher Beteiligter über stabile Verbindungen in islamistische Kreise im In- und Ausland« verfüge, heißt es in Sicherheitskreisen. Wer dieser Verdächtige ist, blieb offen, ebenso, welcher Art dessen angebliche Verbindungen sind. Dahinter könnte Ermittlungstaktik stehen – oder Unwissen.

Anzeige

Die Bonner Bombe ist kein einfacher Fall. Laut Zeugen wurde die Tasche von einem dunkelhäutigen Mann an Gleis 1 abgestellt, zuvor soll der sie von einem hellhäutigen Mann übernommen haben. Kurz nach dem Bombenfund setzte die Polizei Omar D. fest, einen radikalen Bonner Islamisten mit somalischen Wurzeln. Ein Zeuge meinte, ihn erkannt zu haben. Alles schien zu passen: Ein stadtbekannter »Gefährder« – so nennt die Polizei potenzielle Terroristen – mit Beziehungen nach Somalia. Dort sind die mit Al-Kaida verbündeten Schabaab-Milizen aktiv, bei denen wiederum D.’s Freund Abdirazak B. angeheuert haben soll. Doch die Polizei musste D. gehen lassen: Sie fand nichts Belastendes.

Nach ZEIT- Informationen gilt er aber weiterhin als möglicher Mitwisser. Sein Freund B. soll sich in Kenia oder Somalia aufhalten und von dort aus Kontakt zu D. und weiteren Gesinnungsgenossen im Rheinland gehalten haben. D. selbst habe erst kürzlich schwadroniert, dass in Deutschland »etwas« passieren müsse. Für beides gibt es keine öffentlich zugänglichen Belege. Aber in Bonn existiert eine kleine Szene radikaler somalischstämmiger Islamisten, der man Sympathien für die Schabaab unterstellen darf.

Ein Anschlagsversuch der Schabaab in Deutschland wäre etwas Neues. Die somalische Miliz hat sich Anfang 2012 Al-Kaida angeschlossen. In Somalia steht die Gruppe unter Druck, Soldaten der Afrikanischen Union haben sie aus wichtigen Städten vertrieben. Als Reaktion haben die Schabaab zwar Terroranschläge angekündigt, allerdings gegen die afrikanischen Truppensteller, nicht gegen den Westen. Die Gruppe verfügt über Dutzende Kämpfer aus Europa und den USA. In Australien und Dänemark gab es Anschlagsversuche von Verdächtigen mit Schabaab-Bezügen. Und nichts steigert das Renommee einer Terrorgruppe schneller als ein Anschlag in Europa oder den USA. Dieser Gedanke hatte schon die Islamische Dschihad-Union dazu gebracht, die sogenannte Sauerland-Zelle 2007 zu einem Anschlag in Deutschland zu drängen.

Bisher ist das wenig mehr als ein Gedankenexperiment. Die Ermittler betonen, dass die Bonner Täter keine Islamisten sein müssen, einige halten es sogar für möglich, dass diesen ein Anschlag untergeschoben werden soll. Und der Generalbundesanwalt ermittelt wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Inland, nicht im Ausland: ein Indiz, dass noch keine harten Bezüge zu einer ausländischen Terrorgruppe gefunden wurden.

Bild.de behauptete am Montag, der aus Bonn stammende Konvertit Andreas M., der sich mutmaßlich den Schabaab angeschlossen hat, stehe im Visier der Fahnder. Er ähnle dem hellhäutigen Mann, der die Bombe zuerst trug. Nach Informationen der ZEIT meldete sich M. jedoch am Samstag und Sonntag bei seinen Eltern, mit einer somalischen Handynummer. Es ist also unwahrscheinlich, dass er am Tatort gewesen ist. Ein hochrangiger Ermittler bestätigte, dass M. kein Verdächtiger sei.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Anschlag | Kofferbomber | Bonn
    Service