Kürzlich ertappte ich mich dabei, wie ich mitten im Gedränge der hell beleuchteten Zürcher Bahnhofstraße in Gedanken versunken den Weihnachtsbaum am Paradeplatz bestaunte und mich auf Weihnachten freute. Was ist es, was mir an diesem Fest gefällt? Ist es die Zeit mit meinen Nächsten? Das gemeinsame Essen, Singen, Lachen und die Gespräche über die Werte, die uns in der Weihnachtszeit häufiger als sonst in Erinnerung gerufen werden?

Ja! Es ist die freie Zeit über die Weihnachtstage, die uns Raum bietet zur Besinnung, Raum, um über Werte wie Gerechtigkeit, Toleranz, Verlässlichkeit, Verantwortung und Nächstenliebe im Kreise von Menschen zu reflektieren, bei denen wir uns geborgen fühlen. Verstädterung, niedrige Geburtenraten, eine steigende Anzahl psychisch Kranker, Isolation, Anonymität und Einsamkeit sind Entwicklungen, die uns daran erinnern sollten, wie sehr wir den persönlichen Kontakt mit anderen brauchen.

Dass der Mensch ein soziales Wesen ist, wissen wir spätestens seit dem Sprachexperiment von Kaiser Friedrich II. Er ließ Säuglinge an den Hof bringen, um herauszufinden, welche Sprache ein Mensch von Natur aus spricht. Die Säuglinge erhielten zwar Nahrung und Körperpflege, den Hebammen war es aber strikt verboten, mit den Säuglingen zu sprechen oder ihnen in irgendeiner Form Zuneigung zu schenken. Die Säuglinge lernten nicht sprechen, und sie starben alle an mangelnder sozialer Zuneigung.

Auch Dr. Manfred Spitzer, Professor für kognitive Neurowissenschaft und Psychiatrie an der Uni Ulm, argumentiert, dass der Mensch nur zur Schaffung unserer hoch entwickelten Gesellschaft fähig war, weil es ihm gelungen ist, in großem Stil mit anderen zu kooperieren. Es sei kein Zufall, dass wir in Herden leben. Unser Gehirn sei ein überaus soziales Organ.

Der Mensch braucht die Gemeinschaft, aber nicht nur für das nackte Überleben, sondern auch, um sich und sein Handeln beurteilen zu können. In der Einsamkeit können sich keine Werte bilden. Dies erkannte schon Adam Smith, der Urvater der modernen Ökonomie. Moralische Werte, so Smith, entstünden durch gesellschaftliche Interaktion. Nur durch die Reaktion anderer bekomme man einen Spiegel vorgehalten – was Einfluss habe auf das eigene Tun.

Wir können Smith zwar nicht mehr fragen, was er von Social-Media-Netzwerken hält, und man muss nicht Spitzers umstrittenes Buch Digitale Demenz gelesen haben, um zu wissen, dass Facebook kein face to face ersetzten kann. Im Internet wird man nicht weniger einsam, und es werden keine Werte vermittelt – Cybermobbing ist da nur ein Stichwort.

Und so hoffe ich, dass es mir selbst gelingt, in der freien Zeit über Weihnachten mein Blackberry, das iPad und das Surfen auf Facebook beiseitezulassen, um in der wirklichen Welt mit meinen Nächsten zu leben und mich mit ihnen darüber auszutauschen, wen wir im neuen Jahr wieder einmal besuchen könnten, der vielleicht einsamer ist als andere.