Peking : Schöne neue Stadt

Abriss in Peking: Der Trommelturmplatz soll einem Shoppingviertel weichen.
Wintervergnügen vor der Kulisse des Trommelturms © AFP PHOTO/Frederic J. BROWN

Mitten in Peking liegt der Trommelturmplatz. Ein bezaubernder Ort, auch wegen Herrn Liu. Herr Liu ist Rentner und ein wenig verrückt. Tagaus, tagein redet er die Nachbarn in Grund und Boden. Mal nestelt er einen kaputten billigen Armreif aus seiner Manteltasche und schaut dabei, als präsentiere er einen Kaiserschatz. »Für dich«, flüstert er, »aber sag’s keinem weiter.« Mal spielt er Beethoven auf seiner chinesischen Flöte. In anderen Vierteln Pekings wäre er wohl ein einsamer Mann, hier aber gehört er dazu, das Trommelturmviertel hat Platz für viele. An Sonnentagen schieben die Alten Stühle auf die Gassen. Kinder tollen über den Asphalt, Katzen gleiten über die Dächer. Nachtschwärmer treibt es in Bars. Trödler ziehen auf Fahrrädern durch die Gassen, jeder stößt seinen Lockruf aus. Die Klingen des Scherenschleifers surren, der Altwarenhändler singt sein Kongtiaoooooo, Dianaoooooo – alte Klimaanlagen! Computer! Die Toilettenfrau kennt die Geheimnisse der Nachbarschaft, viele Anwohner sind arm und haben kein eigenes Klo.

Seit ein paar Tagen ist mein Viertel in großer Aufregung. Auf dem Trommelturmplatz hängen neuerdings Zettel mit Hausnummern darauf. Es sind die Gebäude, die es schon bald nicht mehr geben wird. Lange ahnten wir es, jetzt haben wir Gewissheit: Unser Viertel, eines der historisch bedeutendsten Altstadtquartiere Pekings, wird nun saniert. Schon im Februar sollen die ersten Häuser abgerissen werden.

Wer verstehen möchte, was Peking wird, muss wissen, was es einst war. Ein stadtplanerisches Juwel, das den chinesischen Kosmos symbolisierte. Die Nord-Süd-Achse, die Wirbelsäule des Drachen, galt als axis mundi, die die Kraft des Himmels einfangen sollte. In ihrem Herzen die Verbotene Stadt, ein gigantischer Hofhauskomplex, um den sich im Schachbrettmuster die Hofhausviertel gruppierten. Umgrenzt wurde die Stadt von einer gewaltigen Mauer. Es wirkte, als stecke da ein Hofhaus im anderen, gleich den Puppen in einer Matroschka.

Der Mongolenherrscher Kublai Khan hatte hier 1266 die Hauptstadt der Yuan-Dynastie errichtet, Dadu. Der dritte Ming-Kaiser Zhu Di baute Peking auf ihren Ruinen. Als Mao Zedong 1949 auf dem Tiananmen-Platz die Gründung der Volksrepublik ausrief, blickte er auf eine Stadt, die sich in ihrer Struktur seit der Ming-Zeit kaum verändert hatte. Ihm aber war das Alte verkommene Last, er erträumte sich eine neue, kommunistische Stadt. Verzweifelt versuchte sein Berater, der Architekt Liang Sicheng, die Altstadt zu bewahren. Er präsentierte einen Plan, dem viele Pekinger noch heute nachtrauern. Die Stadtmauer wollte er in einen Park verwandeln. Erst dahinter sollte die neue Stadt entstehen. Mao verwarf das, die Mauer musste fallen. In der Nacht vor dem Abriss stieg Liang auf die Mauer und weinte. Anfang des Jahres wurde auch sein denkmalgeschütztes Haus abgerissen. Auf den öffentlichen Aufschrei hin beschwichtigte ein Beamter mit dem denkwürdigen Satz: »Wir bauen eine Replik. Das ist Renovierung durch Abriss.«

Der massenhafte Abriss der Altstadtviertel begann mit der gewaltigen Urbanisierungswelle in den neunziger Jahren. Konservativen Schätzungen zufolge, schreibt der amerikanische Professor für Urban Planning, Thomas Campanella, »wurden zwischen 1990 und 2002 40 Prozent der Altstadt dem Erdboden gleichgemacht, in nur einem Jahrzehnt wurde eine Stadtlandschaft ausradiert, die 600 Jahre Krieg, Frieden und Revolution überdauert hatte«. An ihre Stelle trat meist drittklassige Moderne. Versuchte die Regierung anfangs, einstige Bewohner am selben Ort anzusiedeln, gab sie dies angesichts schwindelerregender Grundstückspreise bald auf. Die Armen wurden in Neubaugebiete am Rande der Stadt verfrachtet. Während die Reichen in neu errichtete Hofhäuser in historischem Stil zogen. »Die Regierung will, dass die Altstadt ein Ort der Reichen und Beamten wird«, sagt He Shuzhong, Gründer der Nichtregierungsorganisation Beijing Cultural Heritage Protection Center. »Sie findet das Leben der einfachen Leute heruntergekommen und möchte nicht, dass die Welt das sieht.« Genau dieses Leben aber bezaubert die Touristen, die von jeher das Trommelturmviertel besuchen.

Ein Maler im Trommelturmviertel © Ed Jones/AFP/Getty Images

Die Stadtregierung selbst spricht ungern über ihre Pläne für das Viertel, sie hat aus ihren Fehlern gelernt. Vor ein paar Jahren veröffentlichte sie das Vorhaben »Time Cultural City«, auf dem Trommelturmplatz sollte ein Museum entstehen, es sollte eine Wiedergutmachung für die mehrstöckige Shoppingmall plus Tiefgarage sein. Der Aufschrei war groß, die Regierung nahm den Plan zurück. Jetzt vollzieht sich alles im Stillen. Sicher ist: Der Platz soll vergrößert werden. Alle weiteren Vorhaben sind nicht bekannt, für Interviews steht die Regierung nicht zur Verfügung. Mit den Anwohnern geht sie vorsichtiger um als bei früheren Abrissen. Ausziehen müssen nur die Hausbesitzer direkt am Platz, die Anwohner in den angrenzenden Gassen haben die Wahl: bleiben, wo sie zum Teil geboren sind. Oder eine neue Wohnung außerhalb mit Toilette und Bad.

Ist also alles nur halb so schlimm? He Shuzhong, der seit Jahren mit der Regierung verhandelt, ist anderer Meinung. Sie plane ein großes Shoppingviertel. »Die Regierung will ihr Verständnis von Geschichte zeigen, und das ist: dass China immer mächtig war. Vor allem aber will sie Wirtschaftswachstum.« Sie schätze keine Orte, die von der Geschichte gezeichnet sind. »Sie will es groß und glänzend.«

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

China lernt die falschen Dinge

"Die Regierung will ihr Verständnis von Geschichte zeigen, und das ist: dass China immer mächtig war."

Es gibt verschiedene Arten von Macht. Macht aus geistiger Armut heraus sollte wohl weniger erstrebsam erscheinen.

"Vor allem aber will sie Wirtschaftswachstum.« Sie schätze keine Orte, die von der Geschichte gezeichnet sind. »Sie will es groß und glänzend."

Wer seine Kultur, Geschichte und Identität aufgibt, wird am Ende merken das er nichts mehr hat. Denn all der oberflächliche Glimmer und Glitzer ist nur eines, inhaltsleere zukunftslose Betäubung der verkümmerten Sinne.

Oh je,

es ist einfach nur bedauernswert das Peking gerade durch ein neues ShoppingViertel den einzigartigen Charakter verliert, als Stadtplaner muss man da schon sehr sehr herzlos agieren um so einen Kulturschatz zu zerstören.
Ich wünschte ich hätte dieses wunderbare Reiseziel noch in seiner Ursprünglichkeit gesehen und erlebt.