ChristenverfolgungDie letzten Jünger

Gläubige werden verfolgt, Kirchen zerstört: Ist im Nahen Osten nach den arabischen Revolutionen noch Platz für die christliche Minderheit? Eine Reise zu Gläubigen in Ägypten, der Türkei und Palästina. von 

In der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der Türkei

In der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der Türkei  |  © Jörg Lau für die ZEIT

Nur ein paar Sekunden, und Fady wäre zum Märtyrer geworden. Hätte er in der Neujahrsnacht bloß ein paar Sekunden früher die Messe verlassen, wäre er heute eines jener 22 Bombenopfer, die von monumentalen Plakaten an der Markuskirche und der Petrikirche auf die Lebenden herunterlächeln. Mithilfe digitaler Bildbearbeitung hat man sie in weiße Kleider gehüllt und ihnen goldene Kronen aufgesetzt.

Die Bombe explodierte damals direkt vor der Kirche. Die Umgekommenen sind heute Heilige für die koptischen Christen Ägyptens. Ihre Überreste – Knochensplitter, Haare, blutbefleckte Kleidungsfetzen – werden in einer Kirche in der Nähe des Strandes von Alexandria ausgestellt. Pilger berühren die Reliquienschreine und beten. Sie kritzeln Wünsche auf kleine Zettel und stecken sie hinein. Fady tut das auch. Er ist 20 Jahre, trägt Jeans, ein schrilles T-Shirt. Ein ganz normaler Student der Betriebswirtschaft. Doch er kann sich nicht mehr richtig bewegen. Vor einem Jahr ist er mit dem Leben davongekommen, aber die Detonation zertrümmerte sein linkes Bein und verbrannte ihm die Hände.

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Fady M., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung gedruckt haben möchte, ist ein verfolgter Christ. Dem aufgeklärten Kirchgänger des Westens dürfte schon der Begriff Christenverfolgung unangenehm sein. Aber es gibt tatsächlich wieder Christen, die ihres Glaubens wegen ihr Leben lassen. In Europa wird das Christentum selbstkritisch mit Macht, Reichtum, Imperialismus und Kolonialismus assoziiert. Doch im Nahen Osten, an den ältesten Stätten ihrer Religion, den historischen Orten der Urgemeinde, sind Christen heute unter Druck, verletzlich, schwach – und in Gefahr. Am Schicksal der christlichen Minderheiten in Ägypten, im Irak, in Syrien und anderswo wird sich zeigen, wie human und tolerant die demokratiehungrigen islamischen Gesellschaften sind.

In Kairo wurden vor einem Jahr koptische Demonstranten von Sicherheitskräften niedergewalzt. Sie hatten vor dem Gebäude des ägyptischen Fernsehens gegen die Drangsalierung einer Gemeinde im Süden des Landes protestiert. 28 Menschen starben, Hunderte wurden schwer verletzt. Täglich werden seither Christen entführt und Kirchen angegriffen. Das Neueste ist, dass koptische Intellektuelle wegen »Blasphemie« eingesperrt werden, wenn sie den Islam kritisieren.

Die Christen gehören zu den Verlieren der arabischen Revolutionen. Wer sie besucht, findet Menschen im Ausnahmezustand vor – schwankend zwischen Panik und trotzigem Gottvertrauen, hin- und hergerissen zwischen Angriffslust und Fluchtplänen.

100 Millionen

100 Millionen Christen weltweit werden in 139 Ländern verfolgt und bedrängt.

70.000

70.000 Christen sind in Nordkorea in Arbeitslagern eingesperrt. Auch in Vietnam und China gibt es massenhafte staatliche Unterdrückung durch Einschränkung der Religionsfreiheit. In Indien kommt es immer wieder zu Massakern an Christen, vor allem durch hinduistische Nationalisten. In Indonesien wurden Dutzende Kirchen auf Druck von Islamisten abgerissen.

9 islamische Länder

Neun islamische Länder sind unter den Top Ten der Staaten im "Weltverfolgungsindex" der Menschenrechtsorganisation Open Doors – Afghanistan, Saudi-Arabien, der Irak, Jemen, Pakistan, Usbekistan, die Malediven, der Iran und Somalia. Ägypten ist seit dem Arabischen Frühling von Platz 19 auf Platz 15 aufgestiegen.

50 Tote und 131 Verletzte

50 Tote und 131 Verletzte hatten Nigerias Christen nach dem jüngsten Attentat der islamistischen Sekte Boko Haram zu beklagen. Die Terrorgruppe will in Nigerias Norden die Scharia einführen und die Christen vertreiben. Etwa 50 Millionen der 130 Millionen Nigerianer sind Christen. Seit 2010 hat Boko Haram über 1.000 Menschen getötet. 20 Kirchen wurden angegriffen und teils zerstört.

Dass einer wie Fady seines Lebens nicht sicher sein kann, verdunkelt das Bild vom arabischen Völkerfrühling. Fady gehört selber zur Generation der Tahrir-Revolutionäre: Er ist auf Facebook aktiv, besitzt ein Smartphone und twittert. Seine Lebensträume unterscheiden sich in nichts von denen anderer 20-Jähriger. Aber für ihn werden sie sich in Ägypten nicht erfüllen. Er ist auf dem Absprung, wie viele andere junge Christen.

Heute ist er zur Kirche gekommen, um Anba Damian zu treffen, den Bischof der Kopten in Deutschland. Der hat Fady gleich nach dem Anschlag in eine Münchner Klinik fliegen lassen. Die Ärzte konnten das Bein retten, aber es ist jetzt steif und zu kurz. Fady muss humpeln. Er will noch einmal nach München, »damit sie es richtig machen«. Der Bischof hört Fady an. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal hilft. Es sind zu viele, die auf den Geistlichen aus Deutschland hoffen. Der Mittfünfziger mit der Kappe mit den zwölf aufgestickten Kreuzen wird förmlich umdrängt von Überlebenden des Anschlags. Alle strecken ihm ihre Krankenakten entgegen. Alle wollen nach Deutschland. Zur medizinischen Behandlung, und am liebsten für immer.

Dabei ist der Bischof gar nicht der Überlebenden wegen da, sondern weil die Kopten einen neuen Papst wählen. Was Damian in der Synode außerdem entscheiden muss, betrifft alle Christen im Nahen Osten: Wie sollen sie auf den Verfolgungsdruck reagieren? Die alten Schutzherren, die Diktatoren, mit denen sie sich notgedrungen arrangiert hatten, sind von den Massen hinweggefegt worden. Der Islam drängt an die Macht. Und die Frage kommt: Können die Christen sich mit den neuen Machthabern arrangieren? Sollen die Kopten für einen säkularen Staat kämpfen, obwohl das kaum Chancen hat? Oder ist es klüger, sich hinter Kirchenmauern zu verschanzen?

In Ägypten entscheidet sich das Schicksal aller Christen im Nahen Osten. Die Kopten sind hier mit acht von insgesamt 14 Millionen Christen bei Weitem die größte Kirche. Alexandria, die einst kosmopolitische Stadt am Mittelmeer, ist das Zentrum der Koptisch-Orthodoxen Kirche. Aber sie ist auch Geburtsort der Salafisten, jener Radikalgläubigen, die mit Macht das archaische islamische Rechtssystem der Scharia durchzusetzen versuchen. Alexandria war früher auch Heimat der größten jüdischen Gemeinde der arabischen Welt. 80.000 Juden waren es vor 1948, kaum ein Dutzend sind heute noch übrig. Die Christen halten das für ein Zeichen. Für kein gutes.

An der heruntergekommenen Promenade Alexandrias ist der mondäne Glanz alter Zeiten nur mehr zu ahnen. Die wenigen Frauen am Strand tragen »Burkinis«, weit geschnittene Vollkörperbadeanzüge. »Schauen Sie, auch das Meer haben sie schon islamisiert«, sagt Anba Damian kopfschüttelnd. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal sagen würde, Ägypten braucht weniger Religion. Aber wir ersticken unter demonstrativer Religiosität. Luft, Wasser, Sand, Kleidung, Essen, Geld – alles wird hier von Heiligem vereinnahmt.« Die Christen reagieren auf die Islamisierung. Sie lassen sich ihrerseits Kreuze, Madonnen und Ikonen auf den Körper tätowieren. Die Gesellschaft zerfällt: Die Christen werden ausgegrenzt und ziehen sich gleichzeitig in ihr Ghetto zurück. Fast täglich kommt es zu Übergriffen durch einen religiös aufgeheizten Mob, der Christinnen in der U-Bahn, auf der Straße oder in der Schule gewaltsam die unbedeckten Haare abschneidet.

Inzwischen haben die Christen die Hoffnung verloren, durch eine Politik der leisen Töne etwas zu erreichen. Der Bischof spricht offen von Bedrohung: »Es gibt hier Leute, die uns vertreiben wollen. Die Juden sind schon weg. Sollen wir die Nächsten sein? Jeden Tag passieren hier Dinge, die den Christen Angst machen. Und so gut wie nie werden die Täter zur Rechenschaft gezogen.«

Christen gelten als Kollaborateure der alten Unterdrücker. Das schürt den Hass doppelt. Die Islamisten haben jetzt die Deutungshoheit über die ganze Region. Sie haben auch die demokratische Legitimation – aber, sagt Bischof Damian: »Demokratie ist mehr als Herrschaft der Mehrheit.« Eine Mehrheit, die der Minderheit keinen Raum gönnt, sei nicht demokratisch, sondern totalitär. Er tritt seine Heimreise nach Deutschland voll Sorge an: »Die Welt hört die einzelnen Schreckensmeldungen. Aber niemand erkennt das Muster. Wir waren Jahrhunderte vor dem Islam hier. Und jetzt werden wir behandelt wie Fremde.« Und er fragt sich: Wie lange wird es noch Christen geben in Ägypten?

Türkei

Als die Muslime aus der Nachbarschaft plötzlich behaupteten, auf dem Gelände des Klosters Mor Abraham habe früher eine Moschee gestanden, wurde Jakop Gabriel klar, dass dies mehr war als das übliche Gezänk um Land und Weiderechte. »Die Behauptung war bizarr«, sagt Jakop. »Unser Kloster ist 200 Jahre älter als der ganze Islam. Die wahre Botschaft der Nachbarn ist: Ihr Christen gehört hier nicht hierher, und wir geben keine Ruhe, bis ihr verschwunden seid.«

Der Streit liegt vier Jahre zurück, Jakop Gabriel ist immer noch da. Er hat sogar neue Pläne. Der Mittfünfziger ist Geschäftsmann und verfolgt eine Mission. Vor 30 Jahren ist er in die Schweiz gezogen, weil die Lage in seiner Heimat unerträglich wurde. Die türkische Armee bekämpfte damals kurdische Rebellen, und die Christen gerieten zwischen die Fronten. So wie Gabriel wanderten viele türkische Christen aus; durch diesen Exodus entstanden neue Gemeinden in Deutschland, Schweden, den Niederlanden und der Schweiz. Jakop kam als Goldschmied zu Wohlstand. Er versprach seiner Frau, mit 40 Jahren nach Midyat heimzukehren, und er hat sein Versprechen gehalten. Jakop Gabriel – türkischer Bürger, aramäischer Christ und irgendwie auch Schweizer – ist jetzt wieder zu Hause in der kurdischen Kleinstadt Midyat im äußersten Südosten der Türkei, zwischen dem Tigris und der syrischen Grenze. Und er gibt nicht nach.

Nicht weit entfernt liegt der Tur Abdin, der »Berg der Gottesknechte« – so heißt auch die ganze Landschaft in der Sprache der syrisch-orthodoxen Christen. Sie nennen sich selber Aramäer. In ihren Gottesdiensten erklingt noch eine Variante des biblischen Aramäisch, der Sprache Jesu. Im Alltag spricht man Toroyo, einen aramäischen Dialekt, der mit dem Hebräischen verwandt ist.

Weil die Aramäer nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, dürfen sie ihre Sprache nicht unterrichten. Sie tun es in den Sonntagsschulen trotzdem. Auch ihre Kirchen – einige davon gehören zu den ältesten des Christentums – dürfen sie nicht reparieren. Kaum mehr als 2.000 Aramäer sind in der Türkei noch übrig. Wie groß die Diaspora in Europa ist, kann niemand sagen. Die größte deutsche Gemeinde in Gütersloh hat 13.000 Mitglieder.

Jakop hofft jetzt, dass alle Aramäer aus Deutschland recht bald anreisen, denn er hat ein Hotel. Es heißt wie die Gegend, »Tur Abdin«, Jakop hat es vor ein paar Monaten gleich neben dem alten Kloster Mor Abraham eröffnet. Das Haus aus kunstvoll behauenem Sandstein ist Jakops Manifest. Jeder Raum trägt den Namen eines Dorfes, aus dem die Christen 1915, im »Jahr des Schwertes«, vertrieben wurden: Aynwardo, Kafro, Hah, Sare, Bekusyone. Heute kehren ihre Nachkommen zurück – als Heimwehtouristen. Sie wohnen in Jakops Hotel. Und manche bleiben für immer.

Das ist Jakops Mission: Die Aramäer sollen heimkommen in den Tur Abdin. Das Hotel ist der Brückenkopf seiner Operation: »Die Türken haben uns vertrieben, damit wir versprengt sind. Aber wir haben uns in Europa erst wirklich gefunden. Jetzt kehren wir zurück, damit auf dem Berg der Gottesknechte die Glocken wieder läuten.« Früher gab es im Kloster Mor Gabriel (»Heiliger Gabriel«) Hunderte Mönche, jetzt sind es nur noch drei, plus 14 Nonnen. Aramäer aus der ganzen Welt pilgern hierher. Es ist ihr »zweites Jerusalem«.

Im Juli 2012 entschied das Berufungsgericht in Ankara, dass ein großer Teil der Ländereien des Klosters an den türkischen Staat fallen solle. Schon 2008 hatten die umliegenden Dörfer und staatliche Behörden angefangen, gegen das Kloster zu prozessieren. Drei muslimische Nachbargemeinden begehren Teile des Geländes als Weidegrund für ihre Herden. In den ersten Instanzen gewannen die Mönche und Nonnen. Bis das Gerücht aufkam, das Kloster stehe auf den Fundamenten einer alten Moschee und Jugendliche würden dort »missioniert«. Beide Vorwürfe sind abwegig. Die Klage wurde vom örtlichen Amtsgericht deshalb auch abgewiesen. Da plötzlich schalteten sich das Finanzamt und das Forstamt ein. Die umkämpften Teile des Klosterbesitzes wurden kurzerhand zum »Wald« erklärt – sie werden damit nach türkischem Recht automatisch Eigentum des Staates. Dass der »Wald« aus Sträuchern, Weinreben und von den Nonnen angepflanzten Olivenbäumen besteht, kümmerte das Gericht in Ankara nicht. Das Kloster hat inzwischen in der Türkei alle Rechtsmittel ausgeschöpft, es hofft jetzt auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Jakop Gabriel sitzt auf der Terrasse seines Hotels und fährt mit dem Finger auf der Karte des Tur Abdin hin und her: »Schauen Sie, wie Mor Gabriel hier alles zusammenhält. Das ganze Netz unserer alten Dörfer ist auf das Kloster ausgerichtet. Fällt das Kloster, verlieren die Christen ihren Halt.« Die Prozesse gegen Mor Gabriel sind in seinen Augen nichts als die »Vollendung des Genozids mit anderen Mitteln«. Das Jahr 1915 – das »Jahr des Schwertes« – ist bei den Christen bis heute unvergessen. Die Osmanen vertrieben und ermordeten einen Teil der armenischen Minderheit, darunter auch eine halbe Million syrisch-orthodoxer Christen. Für die Enkel und Urenkel ist die Vergangenheit bis heute nicht vergangen.

Auch Jakop Gabriel kann sich aus der Erinnerung an alte Gräuel nicht befreien. Die Gefährdung des Klosters füttert die alten Ängste: »Schauen Sie sich unsere Dörfer an: In Hasankeyf gab es keine Überlebenden. In Aynwardo sind die Menschen in ihrer eigenen Kirche ausgehungert worden. In Zaz wurden alle massakriert. In Kerburan haben sie die Babys von den Dächern geworfen. Das sind die Geschichten, mit denen wir hier aufgewachsen sind. Die ganze Gegend hier ist ein Killing Field.«

Zurzeit beherbergt das Kloster Mor Abraham wieder verfolgte Christen: Seit drei Monaten hat hier eine vierköpfige Familie Zuflucht gefunden. Sie ist aus Kamischli geflohen, das nur 30 Kilometer entfernt in Syrien liegt. Der Vater, ein Mann Mitte fünfzig, fürchtet Repressalien durch das Assad-Regime und gleichzeitig den Hass islamistischer Befreiungskämpfer, die gegen Christen als Ungläubige und Kollaborateure hetzen. »Sie sagen, wir waren Nutznießer des Regimes. Die Wahrheit ist: Wir stören sie, weil wir der totalen Islamisierung des Landes im Weg stehen. Ich fürchte, es droht ein Exodus der Christen aus Syrien wie aus dem Irak.« Der Mann war Rechtsanwalt in Syrien, seine Frau war Lehrerin. Die beiden Töchter sind im Teenageralter.

Die Wohnung in Kamischli hat der Familienvater abgeschlossen, den gesamten Familienbesitz zurückgelassen. Ein Cousin soll aufpassen. Aber der ist auch Christ und wird wohl nicht mehr lange bleiben. Dann ist alles verloren, und für die Familie gibt es kein Zurück.

Also werden sie weiterziehen, falls sie für irgendein Land ein Visum bekommen. Sie werden zu den Millionen orientalischer Christen stoßen, die bereits im Westen sind. Jakop Gabriel dagegen wird am Fuße des Gottesberges die Stellung halten: Ein zweites Mal wird er nicht weichen.

Als David Canaan Khoury, der damals in Boston lebte, 1994 vom Erfolg der Osloer Friedensverhandlungen erfuhr, begann es in ihm zu rumoren. Sollte es wirklich bald einen eigenen palästinensischen Staat geben? Da wird man uns Christen brauchen, dachte er. Er musste sofort zurück nach Taybeh, ins Dorf seiner Väter, auf dem höchsten Punkt des Westjordanlands. David Khoury fragte sich: »Was braucht eine Nation?« Und fand auch bald die Antwort: »Eine Hymne, eine Fußballmannschaft und ein Bier.«

18 Jahre später ist der Staat Palästina immer noch nichts weiter als eine Hoffnung. Doch in Taybeh, nicht weit von Ramallah, gibt es das beste Bier des Nahen Ostens. Es trägt den Namen »Taybeh Golden« und wird von Davids Bruder Nadim gebraut – nach dem deutschen Reinheitsgebot mit Gerste aus Bayern, Hopfen und Malz aus Tschechien und Hefe aus England. Weil das Bier danach schmeckt, feiern sie seit ein paar Jahren in Taybeh auch »Oktoberfest«, mit Musik und Tanz.

Taybeh ist das letzte christliche Dorf in Palästina. Auf einer Höhe von fast 1.000 Metern recken drei Kirchtürme ihre Kreuze in den blauen Himmel. Von dort kann man herunterschauen auf die muslimischen Nachbardörfer und den Ring jüdischer Siedlungen. Bei gutem Wetter kann man sogar Jerusalem sehen. Hinfahren kann man nicht. Seit dem blutigen Aufstand der Zweiten Intifada gibt es für Palästinenser aus der Westjordanland keine Passierscheine mehr für die Heilige Stadt. Die Christen haften mit für den islamistischen Terror. Dabei wollen die Dschihadisten nicht nur die Juden, sondern auch die Christen aus dem Land vertreiben. David Khoury ist seit sieben Jahren nicht nur Brau-, sondern auch der Bürgermeister der 1.200 verbliebenen Christen von Taybeh. Seine Familie hatte das Dorf verlassen müssen, als die israelische Armee 1967 im Sechstagekrieg das Westjordanland besetzte. Er wurde in Boston Ingenieur und brachte es mit Immobilien zu Wohlstand. Die alte Heimat blieb als dumpfer Schmerz in der Brust. Doch nie hätte Khoury sich damals vorstellen können, dass er zurückkehren und Politiker werden würde. Heute ist sein kleines Büro in der Dorfverwaltung mit Bildern von Jassir Arafat und Mahmud Abbas geschmückt. Er ist Beamter der Palästinensischen Autonomiebehörde: »Es leben mehr Christen aus Taybeh in Dearborn, Michigan, als hier bei uns. Und immer noch ziehen welche weg, weil ihnen das Leben unter der Besatzung zu schwer wird. Ich kaufe dann die Grundstücke, damit sich die Muslime aus den Nachbardörfern und die jüdischen Siedler nicht hier festsetzen.«

In Taybeh muss keine Frau ein Kopftuch tragen. Die Regierung unter der gemäßigten Fatah-Partei in Ramallah unterstützt Khoury. Sie will die Christen im Land halten. Wenn eines Tages auch hier die Islamisten von Hamas an die Macht kämen, wäre es damit vorbei.

Die Bewohner von Taybeh sind stolz, dass ihr Dorf sogar im Neuen Testament erwähnt wird. Allerdings kommt es im Alten Testament auch schon vor – darauf pochen die radikalen jüdischen Siedler vom Hügel gegenüber. Sie beanspruchen das gesamte historische Judäa, das genau bei Taybeh ans biblische Samaria grenzt. Ihre um sich greifenden Orte schnüren die palästinensischen Dörfer immer weiter ein. Die Siedler haben moderne Straßen, auf denen sie in 20 Minuten von hier nach Jerusalem brausen. Palästinenser dürfen auf diesen Straßen nicht fahren, sie müssen die schlechten, umständlichen Wege durchs biblische Gelände nehmen. Und wenn sie dann noch in einen der unangekündigten »fliegenden Checkpoints« der israelischen Armee geraten, dauert die Fahrt nach Ramallah statt einer Viertelstunde einen Tag. David Khourys Bier wird auf diesen teuren Umwegen exportiert. Fast ein Drittel davon nach Israel, wo coole Tel Aviver Bars Taybeh Golden als Spezialität anbieten. »Drink for Freedom. Taste the Revolution« lautet der Werbespruch. Die Konsumenten ahnen nicht, was sie da trinken.

Vor sieben Jahren entkamen David Khoury und seine Frau Maria nur knapp dem Tod. Davids Cousin stand im Verdacht, eine Affäre mit einer Muslimin aus dem Nachbardorf zu haben. Die Schwangere wurde von Mitgliedern ihres eigenen Clans ermordet, weil sie mit dem Christen aus Taybeh »Schande« über ihre Familie gebracht haben sollte. Ein aufgebrachter Mob aus Nachbarn zog 2005 in einer Septembernacht durch Taybeh. Vierzehn Häuser wurden gebrandschatzt; in letzter Minute konnte die Polizei die Wütenden daran hindern, auch die Brauerei und das Haus der Khourys anzustecken. Das war nicht der letzte bedrohliche Angriff: Vor zwei Jahren haben Unbekannte auf Khoury geschossen, als er sich in seiner Küche einen Kaffee machte. Und einmal wurde sein Auto nachts vor dem eigenen Haus abgefackelt. David Khoury könnte morgen weggehen, er hat noch immer Immobilien in Amerika, von denen sich gut leben ließe. Aber er denkt nicht daran. Lieber steckt er sein ganzes Geld in die Brauerei.

Die Taybeh-Brauerei bietet jetzt sogar vier verschiedene Biersorten an: Ein dunkles, ein bitteres und ein alkoholfreies sind zum Golden noch hinzugekommen. Braucht ein Staat Palästina wirklich vier Biere? 98,5 Prozent seiner Bewohner sind Muslime, die keinen Alkohol trinken dürfen. »Das ist richtig«, sagt Khoury verschmitzt, »aber es halten sich nicht alle dran. Jedes Mal im Fastenmonat Ramadan bricht unser Absatz beim Bier ein.« Nun ist auch noch ist Davids Nichte Madees Khoury in den Betrieb eingestiegen. »Sie ist die erste arabische Bierbrauerin überhaupt«, sagt der Onkel voller Stolz: »Unser Bier ist unser Widerstand mit friedlichen Mitteln.«

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Leserkommentare
  1. 1. Danke,

    Herr Lau! Vielen Dank!

    3 Leserempfehlungen
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    Der Papst spricht darüber, dass Christen weltweit am häufigsten verfolgt würden. ALLE JAHRE WIEDER!

    Dann ist die Zeit des gegenseitigen Religionsbashing. Man reduziert die Zuordnung der Gründe auf die Religion. Als wäre die Welt nicht komplexer!

    Jeder sucht sich seine Märtyrer, Heiligtümer und Gründe. Aufgerechnet wird über Jahrhunderte. Und jeder wehrt sich nur gegen die Unterdrückung, weil die anderen ja Schuld sind! Man ist das alles ätzend!

    Der „Vorteil“ dieser Vorgehensweise ist, dass man die Konflikte nicht analysieren muss und schon gar nicht lösen kann. Damit bleiben bis zum nächsten Weihnachten erhalten!

    Der dümmste Verweis im Kästchen ist Nigeria, wozu ein aktueller Bericht vorliegt (http://www.zeit.de/politi...).

    Im Islam gibt es keine Religionsfreiheit, weil Abtrünnige getötet werden, weshalb jeder Missionsversuch tödlich enden kann (http://www.tagesanzeiger....). Das führt natürlich zu Konflikten.

    Aber geht man in Ägypten nicht gegen Menschen vor, die sich mit dem alten Diktator arrangiert hatten. Und damit man sie leichter erkennt, wählte man die Christen als stellvertretenden Sündenbock.

    Man muss also wirklich prüfen, ob die Religion der ursprüngliche Auslöser der Verfolgung ist. Und wer glaubt, einer friedlichen Religion anzugehören, sollte friedliche Lösungen der Konflikte suchen!

    Der Kommentar von ErekoseSK gefällt mir sehr gut! Mit solchen Menschen kann man Probleme lösen.

    Vielleicht lest ihr seinen Kommentar zuerst, bevor ihr euch im Bashing verliert (http://www.zeit.de/2012/5...).

  2. Ich bedanke mich bei Ihnen, daß es Ihnen gelungen ist das Wesen der Christenverfolgung im Nahen Osten umfassend darzustellen.

    Die Christenverfolgung dort speist sich eben nicht aus einzelnen Aktionen einzelner Täter, sondern ist ein langfristiges Konzept welches Gruppierungen wie bestimmenden Teilen der Moslembrüder und Salafisten, ebenso wie der Politik verschiedener Golfstaaten eigen ist.

    Der sich hieraus ergebende Islamofaschismus ist in seiner Einheit mit maßgeblichen Teilen der Finanzeliten heute schon eine existenzielle Bedrohung des Weltfriedens.

    Ekelerregend ist es, wie die meisten politisch bestimmenden Teile der Welt hierauf nur mit Geschwurbel reagieren.

    Gegenüber Faschisten ist Rücksichtnahme nicht angebracht. Die Beschwichtigungen der PC sind nichts weiter als Blendwerk in deren Interesse. Und diejenigen welche ohne zu hinterfragen solch Interessen unterstützen, müssen sich fragen lassen wie weit sie sich eigentlich im Dienste ihrer Ideologie von jedweden humanitären Werten noch verabschieden wollen.

    In Syrien könnte die Welt einmal zeigen, wie ernst es ihr mit Menschlichkeit ist. Sich nicht in irrelevante Lager sperren oder zum Büttel und Erfüllungsgehilfen der Golffaschisten degradieren lassen, sondern im Interesse der Humanität intervenieren. Die dortigen Verbrecher ALLE hinwegfegen, und allen dortigen Menschen ein lebenswertes Leben ermöglichen. Denn auch viele Muslime dürften wissen, nach den Christen sind sie selber dran.

    2 Leserempfehlungen
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    • zfat90
    • 25. Dezember 2012 19:07 Uhr

    " Islamofaschismus ist in seiner Einheit mit maßgeblichen Teilen der Finanzeliten"

    ... ist mehr als ekelerregend.

    Aus Ihrem eigenen Kommentar spricht ideologischer Hass und Kriegstreiberei. Dabei bleiben allgemein und uns Ihre besonderen "Erkenntnisse" vor. Wer sind die Verbrecher in Syrien? Wen genau fegt wer hinweg und warum? Und was wird dort danach errichtet? Eine westliche Diktatur im Demokratiekleid?

    Was ist Islamo-Faschismus und was hat er mit den Finanzeliten zu tun? Wachen Sie auf...

    "In Syrien könnte die Welt einmal zeigen, wie ernst es ihr mit Menschlichkeit ist. Sich nicht in irrelevante Lager sperren oder zum Büttel und Erfüllungsgehilfen der Golffaschisten degradieren lassen, sondern im Interesse der Humanität intervenieren. Die dortigen Verbrecher ALLE hinwegfegen, und allen dortigen Menschen ein lebenswertes Leben ermöglichen."
    Ich denke auch das eine humanitäre Intervention angemessen wäre für das, was in Syrien geschieht, vielleicht ist es an der Zeit in Syrien etwas zu machen und diese Verbrecher hinwegzufegen. Das, was dort gerade passiert auch mit Unterstützung der Golf Monarchien führt, leider zu nichts Gutem und Assad ist nicht bereit von sich aus zurückzutreten und damit diesen Bürgerkrieg zu beenden.

  3. Dass die Muslime ebenfalls in den letzten 100 Jahren von den dortigen Diktaturen unterdrückt wurden, wird leider nicht erwähnt...
    Was ist mit all den Moscheen die nach 1914 geschlossen wurden und all den Imamen, die erhängt wurden?
    Der Bericht ist meiner Meinung nach sehr einseitig und suggeriert, dass es die Moslems waren, die die Minderheiten unterdrücken..
    Palästina? Ich glaube, dass es ebenfalls die Muslime sind, die seit 70 Jahren von einem gewissen Nachbarn unterdrückt werden...Syrien und Irak lasse ich mal unerwähnt...

    Eine Leserempfehlung
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    "Der Bericht ist meiner Meinung nach sehr einseitig und suggeriert, dass es die Moslems waren, die die Minderheiten unterdrücken.."

    Von wem die Christen und anderen Minderheiten im Nahen Osten sonst noch so unterdrückt werden?

    Werden Muslime im Nahen Osten in der Regel nicht von gegensätzlichen muslimischen Rechtsschulen unterdrückt.

    Wie fühlen sie sich eigentlich so, bei der Relativierung von offensichtlichsten Verbrechen an der Menschlichkeit?

    Es geht ums hier und jetzt.
    Unrecht muss benannt werden. Vor allem wenn es darauf hinaus läuft das viele Ethnien aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Auch Christen haben Menschenrechte.

    • Gerry10
    • 25. Dezember 2012 18:43 Uhr

    Da können wir im wahrsten Sinne des Wortes bis zurück in biblische Zeiten gehen.

    Sicher gibt es schwere Ungerechtigkeiten der israelischen Regierung gegen die Palästinenser, aber das sind nicht nur Muslime und es hat nichts mit Religion zu tun. Es hat auch nichts mit Pogromen zu tun. Da geht es um Besitz und strategische Sicherheit.
    Das ist aber Gegenstand anderer Beiträge.

    in muslimischen Staaten befinden sich in einer fast hoffnungslosen Situation.
    Sie leben in Staaten, deren Rechtssytem von der Scharia geprägt und deshalb religiös tendentiös ist. Keine weltumspannende Gemeinschaft - anders als die Umma für die Muslime auf aller Welt - fühlt sich dafür verantwortlich, ihnen international Gehör zu verschaffen. Die westliche christlich geprägte Staatengemeinschaft pflegt ein säkuläres Selbstverständnis und kann gar nicht pro-christliche Positionen einnehmen, sondern muß sich auf (menschen)rechtliche Aspekte konzentrieren.
    Das greift regelmäßig zu kurz, wenn wie am Beispiel Türkei ersichtlich, nationales Recht nicht gebrochen wird.

    Ich habe großen Respekt vor den von Vertreibung und Ermordung bedrohten Menschen in diesen Gemeinden.

    Aktuell: Nigeria:
    http://www.zeit.de/politi...

    k.

    Der Artikel suggeriert gar nichts, sondern stellt Fakten dar. In dem Artikel geht es um die Gegenwart. Und sorry - diese Gegenwart ist für sehr viele Menschen sehr unerfreulich, weil in der arabischen Welt viele die Sharia als Zukunftsprogramm ansehen.

  4. "Der Bericht ist meiner Meinung nach sehr einseitig und suggeriert, dass es die Moslems waren, die die Minderheiten unterdrücken.."

    Von wem die Christen und anderen Minderheiten im Nahen Osten sonst noch so unterdrückt werden?

    Werden Muslime im Nahen Osten in der Regel nicht von gegensätzlichen muslimischen Rechtsschulen unterdrückt.

    Wie fühlen sie sich eigentlich so, bei der Relativierung von offensichtlichsten Verbrechen an der Menschlichkeit?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Interessant..."
    • EU fan
    • 25. Dezember 2012 18:42 Uhr

    zu sein und so einen Bericht haette ich eher in der 'Welt' als in der 'Zeit' erwartet. Wollen wir hoffen das es nicht bei einer Weihnachtsanekdote bleibt!
    Gerade das Beispiel Aegypten zeigt mir das es angezeigt waere die Zahlungen dorthin sehr streng zu überdenken, von Palestina (natürlich auch Israel mit seiner Siedlungspolitik) ganz zu schweigen!

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    Aus Ihrem eigenen Kommentar spricht ideologischer Hass und Kriegstreiberei. Dabei bleiben allgemein und uns Ihre besonderen "Erkenntnisse" vor. Wer sind die Verbrecher in Syrien? Wen genau fegt wer hinweg und warum? Und was wird dort danach errichtet? Eine westliche Diktatur im Demokratiekleid?

    Die Antwort ist natürlich nicht an Sie gerichtet, sondern an Kommentar #6. Sie muss irgendwie verrutscht sein.

    Zu diesem Kommentar nur: Besagte christliche Gemeinde ist Teil der Autonomiebehörde. Die Attacken durch Muslime sind daher nicht Palästina zuzurechnen, sondern radikalen Einzelgruppierungen. Systematisch ist die Unterdrückung damit schon garnicht.

    Anders das im Artikel angesprochene Apartheid-Regime Israels in den unterdrückten Gebieten: DAS ist systematische Unterdrückung.

  5. Es geht ums hier und jetzt.
    Unrecht muss benannt werden. Vor allem wenn es darauf hinaus läuft das viele Ethnien aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Auch Christen haben Menschenrechte.

    Antwort auf "Interessant..."
    • Gerry10
    • 25. Dezember 2012 18:43 Uhr

    Da können wir im wahrsten Sinne des Wortes bis zurück in biblische Zeiten gehen.

    Antwort auf "Interessant..."
    • zfat90
    • 25. Dezember 2012 19:07 Uhr

    " Islamofaschismus ist in seiner Einheit mit maßgeblichen Teilen der Finanzeliten"

    ... ist mehr als ekelerregend.

    Antwort auf "Sehr geehrter Herr Lau"
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    sondern die klare Benennung der Tatsache, daß die geostrategischen Interessen der Einen die Exzesse der Anderen fördern.

    Und glauben Sie mir, beide haben nicht die geringste Intention im Interesse der Menschen zu handeln. Die kennen diesen Ansatz noch nicht einmal als Gedankenspiel.

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