Christenverfolgung : Die letzten Jünger
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Türkei: Das "zweite" Jerusalem

Jakop hofft jetzt, dass alle Aramäer aus Deutschland recht bald anreisen, denn er hat ein Hotel. Es heißt wie die Gegend, »Tur Abdin«, Jakop hat es vor ein paar Monaten gleich neben dem alten Kloster Mor Abraham eröffnet. Das Haus aus kunstvoll behauenem Sandstein ist Jakops Manifest. Jeder Raum trägt den Namen eines Dorfes, aus dem die Christen 1915, im »Jahr des Schwertes«, vertrieben wurden: Aynwardo, Kafro, Hah, Sare, Bekusyone. Heute kehren ihre Nachkommen zurück – als Heimwehtouristen. Sie wohnen in Jakops Hotel. Und manche bleiben für immer.

Das ist Jakops Mission: Die Aramäer sollen heimkommen in den Tur Abdin. Das Hotel ist der Brückenkopf seiner Operation: »Die Türken haben uns vertrieben, damit wir versprengt sind. Aber wir haben uns in Europa erst wirklich gefunden. Jetzt kehren wir zurück, damit auf dem Berg der Gottesknechte die Glocken wieder läuten.« Früher gab es im Kloster Mor Gabriel (»Heiliger Gabriel«) Hunderte Mönche, jetzt sind es nur noch drei, plus 14 Nonnen. Aramäer aus der ganzen Welt pilgern hierher. Es ist ihr »zweites Jerusalem«.

Im Juli 2012 entschied das Berufungsgericht in Ankara, dass ein großer Teil der Ländereien des Klosters an den türkischen Staat fallen solle. Schon 2008 hatten die umliegenden Dörfer und staatliche Behörden angefangen, gegen das Kloster zu prozessieren. Drei muslimische Nachbargemeinden begehren Teile des Geländes als Weidegrund für ihre Herden. In den ersten Instanzen gewannen die Mönche und Nonnen. Bis das Gerücht aufkam, das Kloster stehe auf den Fundamenten einer alten Moschee und Jugendliche würden dort »missioniert«. Beide Vorwürfe sind abwegig. Die Klage wurde vom örtlichen Amtsgericht deshalb auch abgewiesen. Da plötzlich schalteten sich das Finanzamt und das Forstamt ein. Die umkämpften Teile des Klosterbesitzes wurden kurzerhand zum »Wald« erklärt – sie werden damit nach türkischem Recht automatisch Eigentum des Staates. Dass der »Wald« aus Sträuchern, Weinreben und von den Nonnen angepflanzten Olivenbäumen besteht, kümmerte das Gericht in Ankara nicht. Das Kloster hat inzwischen in der Türkei alle Rechtsmittel ausgeschöpft, es hofft jetzt auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Jakop Gabriel sitzt auf der Terrasse seines Hotels und fährt mit dem Finger auf der Karte des Tur Abdin hin und her: »Schauen Sie, wie Mor Gabriel hier alles zusammenhält. Das ganze Netz unserer alten Dörfer ist auf das Kloster ausgerichtet. Fällt das Kloster, verlieren die Christen ihren Halt.« Die Prozesse gegen Mor Gabriel sind in seinen Augen nichts als die »Vollendung des Genozids mit anderen Mitteln«. Das Jahr 1915 – das »Jahr des Schwertes« – ist bei den Christen bis heute unvergessen. Die Osmanen vertrieben und ermordeten einen Teil der armenischen Minderheit, darunter auch eine halbe Million syrisch-orthodoxer Christen. Für die Enkel und Urenkel ist die Vergangenheit bis heute nicht vergangen.

Auch Jakop Gabriel kann sich aus der Erinnerung an alte Gräuel nicht befreien. Die Gefährdung des Klosters füttert die alten Ängste: »Schauen Sie sich unsere Dörfer an: In Hasankeyf gab es keine Überlebenden. In Aynwardo sind die Menschen in ihrer eigenen Kirche ausgehungert worden. In Zaz wurden alle massakriert. In Kerburan haben sie die Babys von den Dächern geworfen. Das sind die Geschichten, mit denen wir hier aufgewachsen sind. Die ganze Gegend hier ist ein Killing Field.«

Zurzeit beherbergt das Kloster Mor Abraham wieder verfolgte Christen: Seit drei Monaten hat hier eine vierköpfige Familie Zuflucht gefunden. Sie ist aus Kamischli geflohen, das nur 30 Kilometer entfernt in Syrien liegt. Der Vater, ein Mann Mitte fünfzig, fürchtet Repressalien durch das Assad-Regime und gleichzeitig den Hass islamistischer Befreiungskämpfer, die gegen Christen als Ungläubige und Kollaborateure hetzen. »Sie sagen, wir waren Nutznießer des Regimes. Die Wahrheit ist: Wir stören sie, weil wir der totalen Islamisierung des Landes im Weg stehen. Ich fürchte, es droht ein Exodus der Christen aus Syrien wie aus dem Irak.« Der Mann war Rechtsanwalt in Syrien, seine Frau war Lehrerin. Die beiden Töchter sind im Teenageralter.

Die Wohnung in Kamischli hat der Familienvater abgeschlossen, den gesamten Familienbesitz zurückgelassen. Ein Cousin soll aufpassen. Aber der ist auch Christ und wird wohl nicht mehr lange bleiben. Dann ist alles verloren, und für die Familie gibt es kein Zurück.

Also werden sie weiterziehen, falls sie für irgendein Land ein Visum bekommen. Sie werden zu den Millionen orientalischer Christen stoßen, die bereits im Westen sind. Jakop Gabriel dagegen wird am Fuße des Gottesberges die Stellung halten: Ein zweites Mal wird er nicht weichen.

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Kommentare

191 Kommentare Seite 1 von 26 Kommentieren

Au fein, es ist Weihnachten!

Der Papst spricht darüber, dass Christen weltweit am häufigsten verfolgt würden. ALLE JAHRE WIEDER!

Dann ist die Zeit des gegenseitigen Religionsbashing. Man reduziert die Zuordnung der Gründe auf die Religion. Als wäre die Welt nicht komplexer!

Jeder sucht sich seine Märtyrer, Heiligtümer und Gründe. Aufgerechnet wird über Jahrhunderte. Und jeder wehrt sich nur gegen die Unterdrückung, weil die anderen ja Schuld sind! Man ist das alles ätzend!

Der „Vorteil“ dieser Vorgehensweise ist, dass man die Konflikte nicht analysieren muss und schon gar nicht lösen kann. Damit bleiben bis zum nächsten Weihnachten erhalten!

Der dümmste Verweis im Kästchen ist Nigeria, wozu ein aktueller Bericht vorliegt (http://www.zeit.de/politi...).

Im Islam gibt es keine Religionsfreiheit, weil Abtrünnige getötet werden, weshalb jeder Missionsversuch tödlich enden kann (http://www.tagesanzeiger....). Das führt natürlich zu Konflikten.

Aber geht man in Ägypten nicht gegen Menschen vor, die sich mit dem alten Diktator arrangiert hatten. Und damit man sie leichter erkennt, wählte man die Christen als stellvertretenden Sündenbock.

Man muss also wirklich prüfen, ob die Religion der ursprüngliche Auslöser der Verfolgung ist. Und wer glaubt, einer friedlichen Religion anzugehören, sollte friedliche Lösungen der Konflikte suchen!

Hass und Kriegstreiberei

Aus Ihrem eigenen Kommentar spricht ideologischer Hass und Kriegstreiberei. Dabei bleiben allgemein und uns Ihre besonderen "Erkenntnisse" vor. Wer sind die Verbrecher in Syrien? Wen genau fegt wer hinweg und warum? Und was wird dort danach errichtet? Eine westliche Diktatur im Demokratiekleid?

Was ist Islamo-Faschismus und was hat er mit den Finanzeliten zu tun? Wachen Sie auf...

Danke Steinager

"In Syrien könnte die Welt einmal zeigen, wie ernst es ihr mit Menschlichkeit ist. Sich nicht in irrelevante Lager sperren oder zum Büttel und Erfüllungsgehilfen der Golffaschisten degradieren lassen, sondern im Interesse der Humanität intervenieren. Die dortigen Verbrecher ALLE hinwegfegen, und allen dortigen Menschen ein lebenswertes Leben ermöglichen."
Ich denke auch das eine humanitäre Intervention angemessen wäre für das, was in Syrien geschieht, vielleicht ist es an der Zeit in Syrien etwas zu machen und diese Verbrecher hinwegzufegen. Das, was dort gerade passiert auch mit Unterstützung der Golf Monarchien führt, leider zu nichts Gutem und Assad ist nicht bereit von sich aus zurückzutreten und damit diesen Bürgerkrieg zu beenden.

Verdrehung

Hass und Kriegstreiberei, sind die Dinge welche zur Lage in Syrien bereits geführt haben, ebenso wie Ideologien.

Die Verbrecher in Syrien sind jene, welche gegen die in der UN-Charta und der Genfer Konvention formulierten Rechte verstoßen haben.

Genau diese sollten auch hinweggefegt werden, und zwar von einer internationalen Truppe mit Kampfauftrag.

Was danach dort errichtet wird, muß auf der UN-Charta beruhen. Es muß alles getan werden, damit weder die Ideologen des Finanzkapitals noch die einer "Religion" dort die Deutungshoheit bekommen. Syrien darf kein Spielball sein, eine selbstbestimmte Nation muß das Ziel sein.

Ich weiß, ganz schön viel, aber mal anfangen lohnt sich.

Islamofaschismus bedeutet für mich einen politischen Islam, welcher Menschen in Gruppen einteilt und diesen unterschiedliche Wertigkeit mit allen Folgen zuweist. Die Grundlage "Religion" (bei anderen die "Rasse"), dient am Ende der Durchsetzung eigener Ziele. Nicht Zugehörige werden "abgeschafft", Zugehörige haben sich in ein Regelwerk einzufügen. So etwas nennt man landläufig Faschismus.

Die Finanzeliten denken sie könnten diese Strömung für ihre Ziele nutzen. Deren Kontrolle sei einmal dahingestellt, die Förderung steht außer Zweifel.

Moment mal!

"Sie leben in Staaten, deren Rechtssytem von der Scharia geprägt und deshalb religiös tendentiös ist."
In den meisten muslimischen Ländern werden oder wurden bis vor Kurzem Muslime von "Säkularen" nidergemacht, verhaftet und verurteilt; weil sie islamische Positionen einnahmen, weil sie ihre Religion leben und lehren wollten. In der Türkei wurden sie sogar hingerichtet, wenn sie die Kleiderordnung anfochten und nach wie vor schweben die säkularen "Republikswächter" wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Muslime. (Religionsministerium? Das war lange Zeit ein Organ zur Manipulation und Kontrolle von Muslimen, in denen Fatwas vom Staatesgnade gegeben wurden).
Dieses leid der Vergangenheit nicht anzuerkennen, bedeutet nicht nur den heutigen Trieben der muslime mit Unverständnis zu begegnen, es zeugt auch von immenser Ignoranz.

Unterdrückung

"In den meisten muslimischen Ländern werden oder wurden bis vor Kurzem Muslime von "Säkularen" nidergemacht, verhaftet und verurteilt; weil sie islamische Positionen einnahmen."

Ich würde mal eher sagen, dass Islamisten von weniger strengen Moslems niedergemacht wurden. Unterdrückung ist immer schlecht! Ohne Ausnahme! Hoffen wir aber, dass es nicht dazu kommt, dass eine Mehrheit von Sunniten andere Glaubensrichtungen tyrannisiert. Ein Staat der seine Minderheiten nicht schützt begeht Unrecht!

Ihre Bahuptungen treffen nicht zu.

"In den meisten muslimischen Ländern werden oder wurden bis vor Kurzem Muslime von "Säkularen" nidergemacht, verhaftet und verurteilt; weil sie islamische Positionen einnahmen, weil sie ihre Religion leben und lehren wollten. In der Türkei wurden sie sogar hingerichtet, wenn sie die Kleiderordnung anfochten und nach wie vor schweben die säkularen "Republikswächter" wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Muslime."

Ihre Behauptung trifft für die Türkei nicht zu, im Gegenteil Ihre Bahuptung ist fast schon lächerlich. Sie wissen genau, dass nach dem letzten Militärputsch 1980 die rechtsradikalen und linken in den Folterzentren getötet wurden, die religiösen hingegen wurden als Bollwerk gegen den Kommunismus gestützt. Kenan Evren als Führer des Putsches hat nicht umsonst einige hundert Imam Hatip Schulen (Religionsschulen) bauen lassen. Die Islamisten waren immer Nutznieser des Systems, die einzige Ausnahme war das Tragen des Kopftuches im öffentlichen Ämtern.

Ihre Behauptung, dass die Islamisten in der Türkei Opfer waren ist die selbe die der Islamist Erdogan immer und immer wieder behauptet. Dumm nur, dass er keine Belege dafür hat, ausser dem Kopftuchverbot.

Korrektur

Die Antwort ist natürlich nicht an Sie gerichtet, sondern an Kommentar #6. Sie muss irgendwie verrutscht sein.

Zu diesem Kommentar nur: Besagte christliche Gemeinde ist Teil der Autonomiebehörde. Die Attacken durch Muslime sind daher nicht Palästina zuzurechnen, sondern radikalen Einzelgruppierungen. Systematisch ist die Unterdrückung damit schon garnicht.

Anders das im Artikel angesprochene Apartheid-Regime Israels in den unterdrückten Gebieten: DAS ist systematische Unterdrückung.