Christenverfolgung : Die letzten Jünger
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 Palästina: Oktoberfest in Taybeh

Als David Canaan Khoury, der damals in Boston lebte, 1994 vom Erfolg der Osloer Friedensverhandlungen erfuhr, begann es in ihm zu rumoren. Sollte es wirklich bald einen eigenen palästinensischen Staat geben? Da wird man uns Christen brauchen, dachte er. Er musste sofort zurück nach Taybeh, ins Dorf seiner Väter, auf dem höchsten Punkt des Westjordanlands. David Khoury fragte sich: »Was braucht eine Nation?« Und fand auch bald die Antwort: »Eine Hymne, eine Fußballmannschaft und ein Bier.«

18 Jahre später ist der Staat Palästina immer noch nichts weiter als eine Hoffnung. Doch in Taybeh, nicht weit von Ramallah, gibt es das beste Bier des Nahen Ostens. Es trägt den Namen »Taybeh Golden« und wird von Davids Bruder Nadim gebraut – nach dem deutschen Reinheitsgebot mit Gerste aus Bayern, Hopfen und Malz aus Tschechien und Hefe aus England. Weil das Bier danach schmeckt, feiern sie seit ein paar Jahren in Taybeh auch »Oktoberfest«, mit Musik und Tanz.

Taybeh ist das letzte christliche Dorf in Palästina. Auf einer Höhe von fast 1.000 Metern recken drei Kirchtürme ihre Kreuze in den blauen Himmel. Von dort kann man herunterschauen auf die muslimischen Nachbardörfer und den Ring jüdischer Siedlungen. Bei gutem Wetter kann man sogar Jerusalem sehen. Hinfahren kann man nicht. Seit dem blutigen Aufstand der Zweiten Intifada gibt es für Palästinenser aus der Westjordanland keine Passierscheine mehr für die Heilige Stadt. Die Christen haften mit für den islamistischen Terror. Dabei wollen die Dschihadisten nicht nur die Juden, sondern auch die Christen aus dem Land vertreiben. David Khoury ist seit sieben Jahren nicht nur Brau-, sondern auch der Bürgermeister der 1.200 verbliebenen Christen von Taybeh. Seine Familie hatte das Dorf verlassen müssen, als die israelische Armee 1967 im Sechstagekrieg das Westjordanland besetzte. Er wurde in Boston Ingenieur und brachte es mit Immobilien zu Wohlstand. Die alte Heimat blieb als dumpfer Schmerz in der Brust. Doch nie hätte Khoury sich damals vorstellen können, dass er zurückkehren und Politiker werden würde. Heute ist sein kleines Büro in der Dorfverwaltung mit Bildern von Jassir Arafat und Mahmud Abbas geschmückt. Er ist Beamter der Palästinensischen Autonomiebehörde: »Es leben mehr Christen aus Taybeh in Dearborn, Michigan, als hier bei uns. Und immer noch ziehen welche weg, weil ihnen das Leben unter der Besatzung zu schwer wird. Ich kaufe dann die Grundstücke, damit sich die Muslime aus den Nachbardörfern und die jüdischen Siedler nicht hier festsetzen.«

In Taybeh muss keine Frau ein Kopftuch tragen. Die Regierung unter der gemäßigten Fatah-Partei in Ramallah unterstützt Khoury. Sie will die Christen im Land halten. Wenn eines Tages auch hier die Islamisten von Hamas an die Macht kämen, wäre es damit vorbei.

Die Bewohner von Taybeh sind stolz, dass ihr Dorf sogar im Neuen Testament erwähnt wird. Allerdings kommt es im Alten Testament auch schon vor – darauf pochen die radikalen jüdischen Siedler vom Hügel gegenüber. Sie beanspruchen das gesamte historische Judäa, das genau bei Taybeh ans biblische Samaria grenzt. Ihre um sich greifenden Orte schnüren die palästinensischen Dörfer immer weiter ein. Die Siedler haben moderne Straßen, auf denen sie in 20 Minuten von hier nach Jerusalem brausen. Palästinenser dürfen auf diesen Straßen nicht fahren, sie müssen die schlechten, umständlichen Wege durchs biblische Gelände nehmen. Und wenn sie dann noch in einen der unangekündigten »fliegenden Checkpoints« der israelischen Armee geraten, dauert die Fahrt nach Ramallah statt einer Viertelstunde einen Tag. David Khourys Bier wird auf diesen teuren Umwegen exportiert. Fast ein Drittel davon nach Israel, wo coole Tel Aviver Bars Taybeh Golden als Spezialität anbieten. »Drink for Freedom. Taste the Revolution« lautet der Werbespruch. Die Konsumenten ahnen nicht, was sie da trinken.

Vor sieben Jahren entkamen David Khoury und seine Frau Maria nur knapp dem Tod. Davids Cousin stand im Verdacht, eine Affäre mit einer Muslimin aus dem Nachbardorf zu haben. Die Schwangere wurde von Mitgliedern ihres eigenen Clans ermordet, weil sie mit dem Christen aus Taybeh »Schande« über ihre Familie gebracht haben sollte. Ein aufgebrachter Mob aus Nachbarn zog 2005 in einer Septembernacht durch Taybeh. Vierzehn Häuser wurden gebrandschatzt; in letzter Minute konnte die Polizei die Wütenden daran hindern, auch die Brauerei und das Haus der Khourys anzustecken. Das war nicht der letzte bedrohliche Angriff: Vor zwei Jahren haben Unbekannte auf Khoury geschossen, als er sich in seiner Küche einen Kaffee machte. Und einmal wurde sein Auto nachts vor dem eigenen Haus abgefackelt. David Khoury könnte morgen weggehen, er hat noch immer Immobilien in Amerika, von denen sich gut leben ließe. Aber er denkt nicht daran. Lieber steckt er sein ganzes Geld in die Brauerei.

Die Taybeh-Brauerei bietet jetzt sogar vier verschiedene Biersorten an: Ein dunkles, ein bitteres und ein alkoholfreies sind zum Golden noch hinzugekommen. Braucht ein Staat Palästina wirklich vier Biere? 98,5 Prozent seiner Bewohner sind Muslime, die keinen Alkohol trinken dürfen. »Das ist richtig«, sagt Khoury verschmitzt, »aber es halten sich nicht alle dran. Jedes Mal im Fastenmonat Ramadan bricht unser Absatz beim Bier ein.« Nun ist auch noch ist Davids Nichte Madees Khoury in den Betrieb eingestiegen. »Sie ist die erste arabische Bierbrauerin überhaupt«, sagt der Onkel voller Stolz: »Unser Bier ist unser Widerstand mit friedlichen Mitteln.«

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Kommentare

191 Kommentare Seite 1 von 26 Kommentieren

Au fein, es ist Weihnachten!

Der Papst spricht darüber, dass Christen weltweit am häufigsten verfolgt würden. ALLE JAHRE WIEDER!

Dann ist die Zeit des gegenseitigen Religionsbashing. Man reduziert die Zuordnung der Gründe auf die Religion. Als wäre die Welt nicht komplexer!

Jeder sucht sich seine Märtyrer, Heiligtümer und Gründe. Aufgerechnet wird über Jahrhunderte. Und jeder wehrt sich nur gegen die Unterdrückung, weil die anderen ja Schuld sind! Man ist das alles ätzend!

Der „Vorteil“ dieser Vorgehensweise ist, dass man die Konflikte nicht analysieren muss und schon gar nicht lösen kann. Damit bleiben bis zum nächsten Weihnachten erhalten!

Der dümmste Verweis im Kästchen ist Nigeria, wozu ein aktueller Bericht vorliegt (http://www.zeit.de/politi...).

Im Islam gibt es keine Religionsfreiheit, weil Abtrünnige getötet werden, weshalb jeder Missionsversuch tödlich enden kann (http://www.tagesanzeiger....). Das führt natürlich zu Konflikten.

Aber geht man in Ägypten nicht gegen Menschen vor, die sich mit dem alten Diktator arrangiert hatten. Und damit man sie leichter erkennt, wählte man die Christen als stellvertretenden Sündenbock.

Man muss also wirklich prüfen, ob die Religion der ursprüngliche Auslöser der Verfolgung ist. Und wer glaubt, einer friedlichen Religion anzugehören, sollte friedliche Lösungen der Konflikte suchen!

Hass und Kriegstreiberei

Aus Ihrem eigenen Kommentar spricht ideologischer Hass und Kriegstreiberei. Dabei bleiben allgemein und uns Ihre besonderen "Erkenntnisse" vor. Wer sind die Verbrecher in Syrien? Wen genau fegt wer hinweg und warum? Und was wird dort danach errichtet? Eine westliche Diktatur im Demokratiekleid?

Was ist Islamo-Faschismus und was hat er mit den Finanzeliten zu tun? Wachen Sie auf...

Danke Steinager

"In Syrien könnte die Welt einmal zeigen, wie ernst es ihr mit Menschlichkeit ist. Sich nicht in irrelevante Lager sperren oder zum Büttel und Erfüllungsgehilfen der Golffaschisten degradieren lassen, sondern im Interesse der Humanität intervenieren. Die dortigen Verbrecher ALLE hinwegfegen, und allen dortigen Menschen ein lebenswertes Leben ermöglichen."
Ich denke auch das eine humanitäre Intervention angemessen wäre für das, was in Syrien geschieht, vielleicht ist es an der Zeit in Syrien etwas zu machen und diese Verbrecher hinwegzufegen. Das, was dort gerade passiert auch mit Unterstützung der Golf Monarchien führt, leider zu nichts Gutem und Assad ist nicht bereit von sich aus zurückzutreten und damit diesen Bürgerkrieg zu beenden.

Verdrehung

Hass und Kriegstreiberei, sind die Dinge welche zur Lage in Syrien bereits geführt haben, ebenso wie Ideologien.

Die Verbrecher in Syrien sind jene, welche gegen die in der UN-Charta und der Genfer Konvention formulierten Rechte verstoßen haben.

Genau diese sollten auch hinweggefegt werden, und zwar von einer internationalen Truppe mit Kampfauftrag.

Was danach dort errichtet wird, muß auf der UN-Charta beruhen. Es muß alles getan werden, damit weder die Ideologen des Finanzkapitals noch die einer "Religion" dort die Deutungshoheit bekommen. Syrien darf kein Spielball sein, eine selbstbestimmte Nation muß das Ziel sein.

Ich weiß, ganz schön viel, aber mal anfangen lohnt sich.

Islamofaschismus bedeutet für mich einen politischen Islam, welcher Menschen in Gruppen einteilt und diesen unterschiedliche Wertigkeit mit allen Folgen zuweist. Die Grundlage "Religion" (bei anderen die "Rasse"), dient am Ende der Durchsetzung eigener Ziele. Nicht Zugehörige werden "abgeschafft", Zugehörige haben sich in ein Regelwerk einzufügen. So etwas nennt man landläufig Faschismus.

Die Finanzeliten denken sie könnten diese Strömung für ihre Ziele nutzen. Deren Kontrolle sei einmal dahingestellt, die Förderung steht außer Zweifel.

Moment mal!

"Sie leben in Staaten, deren Rechtssytem von der Scharia geprägt und deshalb religiös tendentiös ist."
In den meisten muslimischen Ländern werden oder wurden bis vor Kurzem Muslime von "Säkularen" nidergemacht, verhaftet und verurteilt; weil sie islamische Positionen einnahmen, weil sie ihre Religion leben und lehren wollten. In der Türkei wurden sie sogar hingerichtet, wenn sie die Kleiderordnung anfochten und nach wie vor schweben die säkularen "Republikswächter" wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Muslime. (Religionsministerium? Das war lange Zeit ein Organ zur Manipulation und Kontrolle von Muslimen, in denen Fatwas vom Staatesgnade gegeben wurden).
Dieses leid der Vergangenheit nicht anzuerkennen, bedeutet nicht nur den heutigen Trieben der muslime mit Unverständnis zu begegnen, es zeugt auch von immenser Ignoranz.

Unterdrückung

"In den meisten muslimischen Ländern werden oder wurden bis vor Kurzem Muslime von "Säkularen" nidergemacht, verhaftet und verurteilt; weil sie islamische Positionen einnahmen."

Ich würde mal eher sagen, dass Islamisten von weniger strengen Moslems niedergemacht wurden. Unterdrückung ist immer schlecht! Ohne Ausnahme! Hoffen wir aber, dass es nicht dazu kommt, dass eine Mehrheit von Sunniten andere Glaubensrichtungen tyrannisiert. Ein Staat der seine Minderheiten nicht schützt begeht Unrecht!

Ihre Bahuptungen treffen nicht zu.

"In den meisten muslimischen Ländern werden oder wurden bis vor Kurzem Muslime von "Säkularen" nidergemacht, verhaftet und verurteilt; weil sie islamische Positionen einnahmen, weil sie ihre Religion leben und lehren wollten. In der Türkei wurden sie sogar hingerichtet, wenn sie die Kleiderordnung anfochten und nach wie vor schweben die säkularen "Republikswächter" wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Muslime."

Ihre Behauptung trifft für die Türkei nicht zu, im Gegenteil Ihre Bahuptung ist fast schon lächerlich. Sie wissen genau, dass nach dem letzten Militärputsch 1980 die rechtsradikalen und linken in den Folterzentren getötet wurden, die religiösen hingegen wurden als Bollwerk gegen den Kommunismus gestützt. Kenan Evren als Führer des Putsches hat nicht umsonst einige hundert Imam Hatip Schulen (Religionsschulen) bauen lassen. Die Islamisten waren immer Nutznieser des Systems, die einzige Ausnahme war das Tragen des Kopftuches im öffentlichen Ämtern.

Ihre Behauptung, dass die Islamisten in der Türkei Opfer waren ist die selbe die der Islamist Erdogan immer und immer wieder behauptet. Dumm nur, dass er keine Belege dafür hat, ausser dem Kopftuchverbot.

Korrektur

Die Antwort ist natürlich nicht an Sie gerichtet, sondern an Kommentar #6. Sie muss irgendwie verrutscht sein.

Zu diesem Kommentar nur: Besagte christliche Gemeinde ist Teil der Autonomiebehörde. Die Attacken durch Muslime sind daher nicht Palästina zuzurechnen, sondern radikalen Einzelgruppierungen. Systematisch ist die Unterdrückung damit schon garnicht.

Anders das im Artikel angesprochene Apartheid-Regime Israels in den unterdrückten Gebieten: DAS ist systematische Unterdrückung.