ChristenverfolgungDie letzten Jünger

Gläubige werden verfolgt, Kirchen zerstört: Ist im Nahen Osten nach den arabischen Revolutionen noch Platz für die christliche Minderheit? Eine Reise zu Gläubigen in Ägypten, der Türkei und Palästina. von 

In der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der Türkei

In der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der Türkei  |  © Jörg Lau für die ZEIT

Nur ein paar Sekunden, und Fady wäre zum Märtyrer geworden. Hätte er in der Neujahrsnacht bloß ein paar Sekunden früher die Messe verlassen, wäre er heute eines jener 22 Bombenopfer, die von monumentalen Plakaten an der Markuskirche und der Petrikirche auf die Lebenden herunterlächeln. Mithilfe digitaler Bildbearbeitung hat man sie in weiße Kleider gehüllt und ihnen goldene Kronen aufgesetzt.

Die Bombe explodierte damals direkt vor der Kirche. Die Umgekommenen sind heute Heilige für die koptischen Christen Ägyptens. Ihre Überreste – Knochensplitter, Haare, blutbefleckte Kleidungsfetzen – werden in einer Kirche in der Nähe des Strandes von Alexandria ausgestellt. Pilger berühren die Reliquienschreine und beten. Sie kritzeln Wünsche auf kleine Zettel und stecken sie hinein. Fady tut das auch. Er ist 20 Jahre, trägt Jeans, ein schrilles T-Shirt. Ein ganz normaler Student der Betriebswirtschaft. Doch er kann sich nicht mehr richtig bewegen. Vor einem Jahr ist er mit dem Leben davongekommen, aber die Detonation zertrümmerte sein linkes Bein und verbrannte ihm die Hände.

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Fady M., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung gedruckt haben möchte, ist ein verfolgter Christ. Dem aufgeklärten Kirchgänger des Westens dürfte schon der Begriff Christenverfolgung unangenehm sein. Aber es gibt tatsächlich wieder Christen, die ihres Glaubens wegen ihr Leben lassen. In Europa wird das Christentum selbstkritisch mit Macht, Reichtum, Imperialismus und Kolonialismus assoziiert. Doch im Nahen Osten, an den ältesten Stätten ihrer Religion, den historischen Orten der Urgemeinde, sind Christen heute unter Druck, verletzlich, schwach – und in Gefahr. Am Schicksal der christlichen Minderheiten in Ägypten, im Irak, in Syrien und anderswo wird sich zeigen, wie human und tolerant die demokratiehungrigen islamischen Gesellschaften sind.

In Kairo wurden vor einem Jahr koptische Demonstranten von Sicherheitskräften niedergewalzt. Sie hatten vor dem Gebäude des ägyptischen Fernsehens gegen die Drangsalierung einer Gemeinde im Süden des Landes protestiert. 28 Menschen starben, Hunderte wurden schwer verletzt. Täglich werden seither Christen entführt und Kirchen angegriffen. Das Neueste ist, dass koptische Intellektuelle wegen »Blasphemie« eingesperrt werden, wenn sie den Islam kritisieren.

Die Christen gehören zu den Verlieren der arabischen Revolutionen. Wer sie besucht, findet Menschen im Ausnahmezustand vor – schwankend zwischen Panik und trotzigem Gottvertrauen, hin- und hergerissen zwischen Angriffslust und Fluchtplänen.

100 Millionen

100 Millionen Christen weltweit werden in 139 Ländern verfolgt und bedrängt.

70.000

70.000 Christen sind in Nordkorea in Arbeitslagern eingesperrt. Auch in Vietnam und China gibt es massenhafte staatliche Unterdrückung durch Einschränkung der Religionsfreiheit. In Indien kommt es immer wieder zu Massakern an Christen, vor allem durch hinduistische Nationalisten. In Indonesien wurden Dutzende Kirchen auf Druck von Islamisten abgerissen.

9 islamische Länder

Neun islamische Länder sind unter den Top Ten der Staaten im "Weltverfolgungsindex" der Menschenrechtsorganisation Open Doors – Afghanistan, Saudi-Arabien, der Irak, Jemen, Pakistan, Usbekistan, die Malediven, der Iran und Somalia. Ägypten ist seit dem Arabischen Frühling von Platz 19 auf Platz 15 aufgestiegen.

50 Tote und 131 Verletzte

50 Tote und 131 Verletzte hatten Nigerias Christen nach dem jüngsten Attentat der islamistischen Sekte Boko Haram zu beklagen. Die Terrorgruppe will in Nigerias Norden die Scharia einführen und die Christen vertreiben. Etwa 50 Millionen der 130 Millionen Nigerianer sind Christen. Seit 2010 hat Boko Haram über 1.000 Menschen getötet. 20 Kirchen wurden angegriffen und teils zerstört.

Dass einer wie Fady seines Lebens nicht sicher sein kann, verdunkelt das Bild vom arabischen Völkerfrühling. Fady gehört selber zur Generation der Tahrir-Revolutionäre: Er ist auf Facebook aktiv, besitzt ein Smartphone und twittert. Seine Lebensträume unterscheiden sich in nichts von denen anderer 20-Jähriger. Aber für ihn werden sie sich in Ägypten nicht erfüllen. Er ist auf dem Absprung, wie viele andere junge Christen.

Heute ist er zur Kirche gekommen, um Anba Damian zu treffen, den Bischof der Kopten in Deutschland. Der hat Fady gleich nach dem Anschlag in eine Münchner Klinik fliegen lassen. Die Ärzte konnten das Bein retten, aber es ist jetzt steif und zu kurz. Fady muss humpeln. Er will noch einmal nach München, »damit sie es richtig machen«. Der Bischof hört Fady an. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal hilft. Es sind zu viele, die auf den Geistlichen aus Deutschland hoffen. Der Mittfünfziger mit der Kappe mit den zwölf aufgestickten Kreuzen wird förmlich umdrängt von Überlebenden des Anschlags. Alle strecken ihm ihre Krankenakten entgegen. Alle wollen nach Deutschland. Zur medizinischen Behandlung, und am liebsten für immer.

Leserkommentare
  1. Weil es in Saudi-Arabien kaum Christen gibt. Die Konversion vom Islam zu Christentum kann mit dem Tode bestraft werden. Im Gegensatz steht dazu die angebliche christliche Führungsmacht USA, Protektor der al Sauds und einer klerikalen Monarchie, die gegen alles steht, wofür angeblich die USA stehen. Ist das nicht eine Offenbarung über das Wesen der USA selbst. Ja.

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    Die Frage, die sich da insgesamt auftut, da auch Deutschland ein verbündete der Saudis ist, ob dieser Einfluss so klein ist und ob die Politik überhaupt etwas gegen solche Verlogenen unmenschliche Gesetze des Islams macht. Ich schätze mal das die Saudis sich alles Erlauben können, was den Menschenrechten widerspricht, da ihre Religion ja darübersteht und in der Politik wohl auch nie direkt darauf eingegangen wird. Nur eben warum macht eigentlich ein Assad der Einfluss besitzt, nichts in schiitischen Ländern wie dem Iran etwas dagegen? Die sind doch im Grunde alle auch nicht besser. Auch will man in Saudi Arabien wohl seine wirtschaftlichen Beziehungen wohl nicht gefährden. Zu hoffen bleibt nur das bei den neu entstehenden Demokratien wie in Ägypten, Libyen und Tunesien ein Widerstand gegen diese Gesetze bei den Muslimen entsteht und sich grundlegend etwas ändert.

  2. Die Antwort ist natürlich nicht an Sie gerichtet, sondern an Kommentar #6. Sie muss irgendwie verrutscht sein.

    Zu diesem Kommentar nur: Besagte christliche Gemeinde ist Teil der Autonomiebehörde. Die Attacken durch Muslime sind daher nicht Palästina zuzurechnen, sondern radikalen Einzelgruppierungen. Systematisch ist die Unterdrückung damit schon garnicht.

    Anders das im Artikel angesprochene Apartheid-Regime Israels in den unterdrückten Gebieten: DAS ist systematische Unterdrückung.

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    • Gariban
    • 25. Dezember 2012 19:34 Uhr

    ...aus demselben Grund, warum soviele Menschen dort drüben ein Problem mit der "opferreligion" Christentum haben.
    Man fordert von den Christen nun mal Integration :)
    Und bevor gedröhnt wird: die christen waren aber vorher da; allein der Umstand, dass es sie dort noch gibt (und in einigen Teilen Europas hingegen keine Muslime mehr) sagt schon viel über die "Friedensreligion" aus, oder nicht?

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    • M.R.K
    • 25. Dezember 2012 19:56 Uhr

    ...hoffen wir, dass es auch in Zukunft noch Christen im Nahen Osten geben wird. In Ländern wie z.B. der Türkei sind es sehr wenige geworden. In Irak werden es immer weniger und möglicherweise bald auch in Ägypten und Syrien.
    Wenn man sich auf die arabische Welt konzentriert, ist Algerien das einzige Land, in dem die Christlichen Kirchen einen nennenswerten Zulauf haben. Das hängt damit zusammen, dass es dort eine nennenswerte Anzahl an Moslems gibt, die sich nach all den Jahren des Bürgerkriegs, Staatsterrorors und den Gräueltaten der Islamisten nicht mehr mit dem Islam identifizieren können. Bestraft werden kann freilich auch in Algerien der Übertritt zum Christentum, es gibt aber mutige Menschen, die sich von den Drohungen des Staates nicht beieindrucken lassen.

    Dass man Integration durch Dezimierung (Bombenanschläge) fördert?

    Genauso wenig scheinen Sie Ahnung von der Geschichte der Region zu haben. Vielleicht sollte ich Ihnen mal die Bedeutung des Begriffs al-Futuhat erklären, damit Sie den Satz "Das Christentum gab es in dieser Region schon vor dem Islam." etwas genauer begreifen.

    Was soll die Formulierung, es gäbe in Teilen Europas keine Muslime "mehr"?

    Wenn ich durch die Städte Europas spaziere, sehe ich mehr Muslime denn je! (Von wegen, es gibt keine Muslime "mehr")
    In der Vergangenheit gab es in Europa leider nie Muslime, im Orient ist das Christentum aber alteingesessen und älter als der gesamte Islam selbst. Ihr Kommentar ist ein klassischer Fall von einem Äpfel- und Birnenvergleich!

    Wenn es mal ein paar Muslime auf verschlungenen Wegen nach Europa führte, so wurden sie selbstverständlich toleriert (siehe Lipka-Tataren in Polen und Litauen)

    Ich schätze mal, Sie spielen (mal wieder) auf Andalusien an (Oder nennen Sie mir bitte IRGENDEIN anderes Beispiel, wo Ihr Beitrag halbwegs zutreffen würde).
    Nun, die Araber kamen dort als Eroberer, und als die Spanier wieder stark genug waren, das fremde Joch abzuschütteln, haben sie sich wieder befreit. Das war ihr gutes Recht. Daß die Araber dort während ihrer langen Herrschaft vielleicht auch die eine oder andere bemerkenswerte kulturelle Prägung hinterlassen haben, schenke ich Ihnen!

    Auf dem Balkan leben dagegen nach der Zurückdrängung des Osmanischen Reichs bis heute Muslime!

    Außerdem ist es sehr, sehr ermüdend, wenn zum "Beweis" angeblicher christlicher Intoleranz immer und immer wieder diese mittlerweile schon fast tausend Jahre alten Kreuzzüge aus der Mottenkiste geholt werden. (Gegenüber hunderten von Beispielen islamischer Intoleranz) Ein Zweitbeispiel wäre mal höchst willkommen!

  3. Aus Ihrem eigenen Kommentar spricht ideologischer Hass und Kriegstreiberei. Dabei bleiben allgemein und uns Ihre besonderen "Erkenntnisse" vor. Wer sind die Verbrecher in Syrien? Wen genau fegt wer hinweg und warum? Und was wird dort danach errichtet? Eine westliche Diktatur im Demokratiekleid?

    Was ist Islamo-Faschismus und was hat er mit den Finanzeliten zu tun? Wachen Sie auf...

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    Antwort auf "Sehr geehrter Herr Lau"
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    Hass und Kriegstreiberei, sind die Dinge welche zur Lage in Syrien bereits geführt haben, ebenso wie Ideologien.

    Die Verbrecher in Syrien sind jene, welche gegen die in der UN-Charta und der Genfer Konvention formulierten Rechte verstoßen haben.

    Genau diese sollten auch hinweggefegt werden, und zwar von einer internationalen Truppe mit Kampfauftrag.

    Was danach dort errichtet wird, muß auf der UN-Charta beruhen. Es muß alles getan werden, damit weder die Ideologen des Finanzkapitals noch die einer "Religion" dort die Deutungshoheit bekommen. Syrien darf kein Spielball sein, eine selbstbestimmte Nation muß das Ziel sein.

    Ich weiß, ganz schön viel, aber mal anfangen lohnt sich.

    Islamofaschismus bedeutet für mich einen politischen Islam, welcher Menschen in Gruppen einteilt und diesen unterschiedliche Wertigkeit mit allen Folgen zuweist. Die Grundlage "Religion" (bei anderen die "Rasse"), dient am Ende der Durchsetzung eigener Ziele. Nicht Zugehörige werden "abgeschafft", Zugehörige haben sich in ein Regelwerk einzufügen. So etwas nennt man landläufig Faschismus.

    Die Finanzeliten denken sie könnten diese Strömung für ihre Ziele nutzen. Deren Kontrolle sei einmal dahingestellt, die Förderung steht außer Zweifel.

  4. "In Syrien könnte die Welt einmal zeigen, wie ernst es ihr mit Menschlichkeit ist. Sich nicht in irrelevante Lager sperren oder zum Büttel und Erfüllungsgehilfen der Golffaschisten degradieren lassen, sondern im Interesse der Humanität intervenieren. Die dortigen Verbrecher ALLE hinwegfegen, und allen dortigen Menschen ein lebenswertes Leben ermöglichen."
    Ich denke auch das eine humanitäre Intervention angemessen wäre für das, was in Syrien geschieht, vielleicht ist es an der Zeit in Syrien etwas zu machen und diese Verbrecher hinwegzufegen. Das, was dort gerade passiert auch mit Unterstützung der Golf Monarchien führt, leider zu nichts Gutem und Assad ist nicht bereit von sich aus zurückzutreten und damit diesen Bürgerkrieg zu beenden.

    Antwort auf "Sehr geehrter Herr Lau"
    • beendet
    • 25. Dezember 2012 19:50 Uhr

    dass sich auch die EKD eindeutig gegen christenverfolgung positioniert. da diese aber ihre kirchensteuer und personelle ressourcen so zeitaufwändig für die formulierung politischer thesen von migranten, energiewende usw. usf. einsetzt, bleibt für so etwas unwichtiges wie christenverfolgung...

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    das sich die Politik CSU und FDP sich zur Augabe machen würden effektiv etwas gegen Christenverfolgung zu tun und ihren Einfluss auf die Golfmonarchen auch mal voll einfordern würden.

  5. Die Frage, die sich da insgesamt auftut, da auch Deutschland ein verbündete der Saudis ist, ob dieser Einfluss so klein ist und ob die Politik überhaupt etwas gegen solche Verlogenen unmenschliche Gesetze des Islams macht. Ich schätze mal das die Saudis sich alles Erlauben können, was den Menschenrechten widerspricht, da ihre Religion ja darübersteht und in der Politik wohl auch nie direkt darauf eingegangen wird. Nur eben warum macht eigentlich ein Assad der Einfluss besitzt, nichts in schiitischen Ländern wie dem Iran etwas dagegen? Die sind doch im Grunde alle auch nicht besser. Auch will man in Saudi Arabien wohl seine wirtschaftlichen Beziehungen wohl nicht gefährden. Zu hoffen bleibt nur das bei den neu entstehenden Demokratien wie in Ägypten, Libyen und Tunesien ein Widerstand gegen diese Gesetze bei den Muslimen entsteht und sich grundlegend etwas ändert.

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    Ich finde, unsere "Verbündeten" sagen mehr über uns aus, als uns lieb ist. Was ist aus uns geworden, wenn wir selbst deklarierte Werte wie Menschenrechte und Demokratie und nicht zuletzt unseren eigenen Glauben für wirtschaftliche Interessen verkaufen. Was wird aus einer Gesellschaft, die keine Selbstachtung mehr hat, die alle Werte systematisch verkauft. Die Saudis machen mir keine Sorgen, es sind unsere Politiker, die jedes Mass verloren haben und ihr Verhältnis zur Demokratie. Neulich verkündet die Bundeskanzlerin: wer sich verschuldet, muss Kompetenzen abtreten. Das bezieht sich einerseits auf den Staat als Instrument der Interessenvertretung der Bevölkerung als auch auf das Individuum selbst. All die Bündnisse mit den "Antidemokraten" überall auf der Welt - nicht zuletzt in Syrien, wo wir ein friedliches Land in einen Bürgerkrieg gestürzt haben, weil sich unsere Kapitalisten von Iran, China und Russland herausgefordert fühlen - sind Zeugnis des wahren Charakters unserer Politik und ihrer Vertreter. Diese Politiker können eine Demokratie nicht leiten, sie sind die Antithese.

  6. das sich die Politik CSU und FDP sich zur Augabe machen würden effektiv etwas gegen Christenverfolgung zu tun und ihren Einfluss auf die Golfmonarchen auch mal voll einfordern würden.

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    Aber da hat Dirk Niebel mit seiner letzten Aktion im Libanon uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Was für die Union die Christenverfolgung ist, das ist für die Liberalen der Islamunterricht.

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  • Schlagworte Christentum | Nahost | Religion | Minderheit
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