Erzählungen von Don DeLilloSchlachtfelder des Schönen

Uneinholbar auf der Kurzstrecke: Der amerikanische Romancier Don DeLillo zeigt auch in seinen Erzählungen unsere Existenz – und sein Können. von Eberhard Falcke

Don DeLillo im Mai 2012

Don DeLillo im Mai 2012  |  © LOIC VENANCE/AFP/GettyImages

Als Don DeLillo 1998 die deutsche Übersetzung seines Romans Unterwelt vorstellte, sagte er: »Alle meine Romane habe ich auf ganz unbestimmte Weise begonnen. Mein Schreiben wird angeregt durch die Erinnerung an Wunschträume, Tagträume, Gesichter auf den Straßen. Ein Roman kann durch ein Summen in der Luft ausgelöst werden.« Das klang erstaunlich, vor allem, wenn man gerade seinen monumentalen Zeitroman gelesen und vorangegangene epochale Werke wie Mao II und Sieben Sekunden in lebhafter Erinnerung behalten hatte. Und DeLillo sagte noch etwas: »Ich arbeite musikalisch, absolut, ich höre einen Rhythmus, eine Kadenz. Außerdem benutze ich eine Schreibmaschine mit ziemlich großer Schrift, weil ich gerne die Form der Buchstaben sehe, wenn ich die Tasten anschlage und der Hebel auf das Papier schnellt. Das ist plastisch und ein Genuss für mich.« Ein Summen in der Luft also und die Schönheit des Tippens auf der Schreibmaschine: Was hat das zu tun mit den großformatigen, literarisch glänzenden Charakterisierungen ganzer Epochen, für die DeLillo berühmt ist, der des Kalten Krieges, des Terrorismus, des Turbokapitalismus, und der aus Verheimlichung erwachsenden allgegenwärtigen Paranoia?

Die kurzen Arbeiten des Autors, seine Erzählungen, können da weiterhelfen. Denn hier herrscht größte Konzentration auf das einzelne Handlungsbild, die spezifische Stimmung, die besondere Figurenkonzeption. Bereits die erste, früheste Erzählung in dem neuen Band Der Engel Esmeralda funktioniert wie eine Abschussrampe, von der ein kleines Alltagsereignis in die Höhen emblematischer Bedeutsamkeit hinaufkatapultiert wird. Ein Paar, das nach einem Segeltörn auf dem Weg nach Hause ist, strandet am Flughafen einer Karibikinsel, weil dort nichts so funktioniert, wie es sollte. Das an einer traumhaften Bucht gelegene Hotel, wo man die Wartezeit auf den Abflug verbringt, lässt dagegen ans Paradies denken. Dann bekommt immerhin die Frau den wegen beruflicher Termine dringend ersehnten Platz im Flugzeug. Der Mann bleibt mit einer anderen Reisenden, einer Zufallsbekanntschaft, zurück. Die Gestrandeten kümmern sich umeinander, auch sexuell, und DeLillo gibt diesem unbehaglichen Idyll moderner Einsamkeiten den Titel Schöpfung. Pathos und Sarkasmus treffen sich da in Gegenden, in denen Gefühle keine Zukunft haben: Liebe im Transit, ein Tagtraum, ein Wunschtraum, ein Summen in der Luft.

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Dieser Band mit neun Erzählungen ist überhaupt der erste Erzählungsband des 76-Jährigen. Kurzgeschichten sind bei ihm eher die Ausnahme, manche mögen Vorstudien sein, andere gingen in Romane ein. DeLillos wohl berühmteste Erzählung Pafko at the Wall über das Baseballspiel der Giants gegen die Dodgers am 3. Oktober 1951 wurde zum Prolog von Unterwelt und ist folgerichtig hier nicht enthalten. Der Stoff und die Figuren der Titelerzählung Der Engel Esmeralda finden sich in anderer Form ebenfalls in Unterwelt. Trotzdem sind diese Erzählungen nicht einfach Nebenprodukte.

Vom Summen in der Luft und der Schönheit des Tippens

Die zweite Erzählung Kleine Menschlichkeiten im Dritten Weltkrieg von 1983 denkt die Bedrohungen des Kalten Krieges weiter. Zwei Weltraumsoldaten befinden sich in einem Raumschiff auf Patrouillenflügen um die Erde. Die schmerzliche Schönheit des vom Irrwitz verseuchten Blauen Planeten sehen sie von fern, ihre eigenen traurigen menschlichen Regressionen hingegen aus nächster Nähe. Das ist so ein DeLillo-Bild, in dem sich die Aneinanderreihung kleiner, handgreiflicher Eindrücke zur ganz großen Perspektive aufbaut. Diese beiden trübseligen Helden sind ihrer Erde entrissen und haben im Spiel der Kräfte, die sie durch den Raum wirbeln, nicht viel zu melden.

So ähnlich ergeht es DeLillos Figuren auch auf Erden. Die meisten von ihnen werden als Marionetten dargestellt, die an den Fäden der Mechanismen hängen, die ihre Zeit bestimmen. Stets sind sie mit klaren Umrissen gezeichnet, aber ihr Innenleben bleibt opak. Gegenseitig beobachten sie sich mehr, als dass sie miteinander kommunizieren. Zueinander kommen sie nie so richtig oder nur in sehr flüchtiger Weise. Bei DeLillo ist der einzelne Mensch nicht mehr heldentauglich, auf Psychologie und Handlungsmotivationen kommt es kaum noch an.

In Der Läufer (1988) wird ein Jogger im Park aus dem Augenwinkel zum Zeugen eines Verbrechens. Doch das berührt ihn nicht stärker, als hätte er davon in der Zeitung gelesen. Entsprechend führt die Erzählung vor, wie der Zeitgenosse die Dramen, die er erlebt, eben nicht mehr erlebt. In Die Akrobatin aus Elfenbein wird eine junge Amerikanerin in Athen durch eine Serie von Erdstößen in Panik versetzt. Es brechen zwar keine Häuser zusammen, aber all ihre Sicherheitsgefühle. Einziger Trost wird ihr eine kleine minoische Elfenbeinfigur, an der sie sich festhalten kann.

Auf ganz andere Weise dreht sich die Erzählung Der Engel Esmeralda (1994) um solche existenziellen Erschütterungen, in diesem Fall aber ist der Schauplatz das verelendete soziale Schlachtfeld der South Bronx. »Jetzt, wo der Schrecken lokal geworden ist, wie sollen wir da leben? dachte sie.« Das ist so ein typischer DeLillo-Satz, in der Übersetzung von Frank Heibert, der seinem Stil diese leicht bombastische Entschiedenheit, diese kalt anmutende Klarheit verleiht. Kühne Verabsolutierungen gehören zu DeLillos Sprachmusik. DeLillos Lust am Buchstaben, am Rhythmus, am Klang von Worten und Sätzen zeigt sich auch als Lust an starken Bildern, die nicht unbedingt symbolisch oder metaphorisch funktionieren, sondern eher eine ikonografisch ausdeutbare Intensität besitzen.

Eine Frau besichtigt im Museum den Baader-Meinhof-Zyklus von Gerhard Richter, sie versenkt sich darein, Tag für Tag. Dabei wird sie von einem Mann angesprochen. »Verraten Sie mir, was Sie wahrnehmen. Ernsthaft.« Sie nimmt ihn mit nach Hause, und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dies anders ausgeht als eine Bekanntschaft vor Botticellis Primavera. Der Terror gehört zum Zeitpanorama, vor dem sich DeLillos Figuren bewegen, oder vielmehr: von dem sie bewegt werden. »Jetzt haben Bombenbastler und Schießwütige dieses Territorium besetzt. Sie überfallen das menschliche Bewußtsein.« Das schrieb der Prophet DeLillo 1991 in Mao II. Wie nur wenige schafft er es, Abstraktionen in den erzählerischen Kontext zu integrieren, die das Hier und Jetzt auf den Punkt bringen. Für Seelenmelodien hat DeLillo nichts übrig, seine Figuren schieben sich zum Klang und Rhythmus der Zeit willfährig und widerstrebend zugleich über das Parkett. Manche, wie der zwanghafte Kinogeher in Die Hungerleiderin, sind psychisch deformiert, gebrochen. Sie folgen alten Impulsen und Mustern und wissen doch nicht mehr, wozu.

Mit Hammer und Sichel (2010) dagegen hat sich DeLillo eine giftige Rachefantasie erlaubt: Stellen wir uns vor, manche der Finanzbetrüger, die in der Welt ein großes Rad drehen, würden in einem Straflager landen. Einem der Internierten gelingt die Flucht, und im letzten Satz sieht er sich selbst von fern, entfremdet, wie es sich für identitätslose Funktionsträger gehört: »Es ist Jerold Bradway, dachte ich, und er atmet die Abgase der freien Marktwirtschaft ein, auf ewig.« Auch in dieser Erzählung mit fantastischer Note stecken Hinweise darauf, dass es sich um einen Tagtraum handelt, entstanden aus einem Summen in der Luft. Hochaktuell und von staunenswerter erzählerischer Intelligenz: Wer einen ganz anderen Blick auf den Weltbetrieb werfen möchte, als er bei den gängigen Helden unserer Zeit möglich ist, der kommt an Don DeLillo und auch an diesen Erzählungen nicht vorbei.

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