Erzählungen von Don DeLilloSchlachtfelder des Schönen
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Don DeLillo schaut präzise auf unseren paranoiden Weltbetrieb

In Der Läufer (1988) wird ein Jogger im Park aus dem Augenwinkel zum Zeugen eines Verbrechens. Doch das berührt ihn nicht stärker, als hätte er davon in der Zeitung gelesen. Entsprechend führt die Erzählung vor, wie der Zeitgenosse die Dramen, die er erlebt, eben nicht mehr erlebt. In Die Akrobatin aus Elfenbein wird eine junge Amerikanerin in Athen durch eine Serie von Erdstößen in Panik versetzt. Es brechen zwar keine Häuser zusammen, aber all ihre Sicherheitsgefühle. Einziger Trost wird ihr eine kleine minoische Elfenbeinfigur, an der sie sich festhalten kann.

Auf ganz andere Weise dreht sich die Erzählung Der Engel Esmeralda (1994) um solche existenziellen Erschütterungen, in diesem Fall aber ist der Schauplatz das verelendete soziale Schlachtfeld der South Bronx. »Jetzt, wo der Schrecken lokal geworden ist, wie sollen wir da leben? dachte sie.« Das ist so ein typischer DeLillo-Satz, in der Übersetzung von Frank Heibert, der seinem Stil diese leicht bombastische Entschiedenheit, diese kalt anmutende Klarheit verleiht. Kühne Verabsolutierungen gehören zu DeLillos Sprachmusik. DeLillos Lust am Buchstaben, am Rhythmus, am Klang von Worten und Sätzen zeigt sich auch als Lust an starken Bildern, die nicht unbedingt symbolisch oder metaphorisch funktionieren, sondern eher eine ikonografisch ausdeutbare Intensität besitzen.

Eine Frau besichtigt im Museum den Baader-Meinhof-Zyklus von Gerhard Richter, sie versenkt sich darein, Tag für Tag. Dabei wird sie von einem Mann angesprochen. »Verraten Sie mir, was Sie wahrnehmen. Ernsthaft.« Sie nimmt ihn mit nach Hause, und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dies anders ausgeht als eine Bekanntschaft vor Botticellis Primavera. Der Terror gehört zum Zeitpanorama, vor dem sich DeLillos Figuren bewegen, oder vielmehr: von dem sie bewegt werden. »Jetzt haben Bombenbastler und Schießwütige dieses Territorium besetzt. Sie überfallen das menschliche Bewußtsein.« Das schrieb der Prophet DeLillo 1991 in Mao II. Wie nur wenige schafft er es, Abstraktionen in den erzählerischen Kontext zu integrieren, die das Hier und Jetzt auf den Punkt bringen. Für Seelenmelodien hat DeLillo nichts übrig, seine Figuren schieben sich zum Klang und Rhythmus der Zeit willfährig und widerstrebend zugleich über das Parkett. Manche, wie der zwanghafte Kinogeher in Die Hungerleiderin, sind psychisch deformiert, gebrochen. Sie folgen alten Impulsen und Mustern und wissen doch nicht mehr, wozu.

Mit Hammer und Sichel (2010) dagegen hat sich DeLillo eine giftige Rachefantasie erlaubt: Stellen wir uns vor, manche der Finanzbetrüger, die in der Welt ein großes Rad drehen, würden in einem Straflager landen. Einem der Internierten gelingt die Flucht, und im letzten Satz sieht er sich selbst von fern, entfremdet, wie es sich für identitätslose Funktionsträger gehört: »Es ist Jerold Bradway, dachte ich, und er atmet die Abgase der freien Marktwirtschaft ein, auf ewig.« Auch in dieser Erzählung mit fantastischer Note stecken Hinweise darauf, dass es sich um einen Tagtraum handelt, entstanden aus einem Summen in der Luft. Hochaktuell und von staunenswerter erzählerischer Intelligenz: Wer einen ganz anderen Blick auf den Weltbetrieb werfen möchte, als er bei den gängigen Helden unserer Zeit möglich ist, der kommt an Don DeLillo und auch an diesen Erzählungen nicht vorbei.

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