Buch "Die Macht der Gewohnheit"Kein Wein ist keine Lösung

Mehr Vitamine, kein Nikotin? Charles Duhigg setzt auf Selbstoptimierung gegen schlechte Gewohnheiten. von Ursula März

In der Erziehung von Kindern sind feste Gewohnheiten bekanntlich die halbe Miete. Es gibt Theorien, die sehr plausibel erklären, wie und warum das junge Ego von jener Sicherheit profitiert, die sich aus der verlässlichen Wiederholung von Handlungen, Situationen und Impulsen ergibt. Die Praxis fügt die Erkenntnis hinzu, dass sich ein von Gewohnheiten getragenes Zusammenleben auch auf die Nerven der Eltern heilsam auswirkt. Was Routine geworden ist, muss nicht immer aufs Neue bequasselt, begründet, aufgezwungen werden.

Wenn der kleine Uhrzeiger sich wie ein Arm ganz gerade nach rechts ausstreckt, ist es drei. Wenn es drei ist, machen wir ein Picknick auf dem Fußboden im Kinderzimmer. Vor jedem Picknick wird der Fußboden aufgeräumt. Nach jeder Rückkehr aus dem Urlaub lassen wir die Koffer vierundzwanzig Stunden ungeöffnet im Flur stehen. An jedem ersten Sonntag im Monat ist bei Facebook Tag des offenen Bildschirms für die Eltern. Ist einfach so; Schluss, aus.

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Was sich im Kleinkosmos der Familie bewährt, gilt erst recht für das Großgebilde der Gesellschaft. Sie ist ohne Gewohnheiten, ohne deren Durchsetzungskraft und Gesetzmäßigkeit so wenig vorstellbar, dass es überflüssig, ja banal erscheint, an diesen Tatbestand überhaupt zu erinnern. Oder doch? Jetzt, zum bevorstehenden Jahreswechsel, wenn wie üblich die sogenannten schlechten Gewohnheiten zum Teufel gejagt und wieder einmal tausend neue Vorsätze beschworen werden, hat die alte Gewohnheit vielleicht doch eine Gedenkminute verdient. Denn in Wahrheit hat sie es derzeit nicht leicht. Ihr Ansehen schwindet in der Moderne zusehends. Das buchstäblich Konservative der Gewohnheit ist in Misskredit geraten. Einer Kultur, die vernarrt ist in ihre rasende Veränderbarkeit und deren Prozesse, erscheint die Gewohnheit als Bremsklotz, als Zwang. Die Urbotschaft der Gewohnheit lautet ja: Das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir auch jetzt so. Wir essen um eins zu Mittag. Um vier gibt es Kaffee. Und nicht umgekehrt.

Dass und wie sich die Mentalität der Gewohnheit verwandelt hat und weiter verwandelt, lässt sich sehr schön an einem populärwissenschaftlichen Buch studieren, das der Amerikaner Charles Duhigg verfasste. Duhigg, Jahrgang 1974, arbeitet als Wissenschaftspublizist. Seine Schrift hat den Titel Die Macht der Gewohnheit, und dieser Titel sagt schon einiges. Denn so betriebsam Charles Duhigg es nicht versäumt, alle paar Seiten den Wert individueller und sozialer Gewohnheiten hervorzuheben, so unübersehbar geht es ihm im Kern um Strategien, mit deren Hilfe sich ihre Macht eben brechen lässt. Duhigg nimmt, anders kann man es nicht deuten, am Charakter der Gewohnheit in erster Linie den tyrannischen Zug wahr. Nichts, lautet seine Botschaft, muss bleiben und gemacht werden, wie es immer war und gemacht wurde. Wo Zigarette war, kann Apfel sein. Wer es gewohnt ist, den Feierabend auf dem Sofa zu verhocken, kann sich zum fanatischen Jogger wandeln. Wer Depressionen erleidet, kann ihrer Herr werden durch Techniken der Umgewöhnung, die am Habituellen ansetzen, nach innen durchgreifen und zuletzt die Seele umkrempeln. Das klingt erst mal prächtig. Und man braucht beim Lesen eine Weile, um die unterschwellige smarte, ideologische Tendenz zu begreifen, die diese Revolutionslehre der Gewohnheit antreibt.

Duhiggs Ausgangspunkt ist zunächst nicht zu widersprechen: Er unterscheidet zwischen positiven und negativen Gewohnheiten. Dass diese nicht per se, nur weil sie welche sind, einen sittlichen Wert darstellen, versteht sich ebenfalls von selbst. Wenn es beispielsweise zum Repertoire der Familiengewohnheiten gehört, Kindern eine Ohrfeige zu verpassen, wenn sie mit verschmutzten Stiefeln in die Wohnung laufen, wird niemand dies gutheißen. Je routinierter die Ohrfeigenhand ausfährt, umso schlimmer. Ebenso können Gesellschaften kollektive Gewohnheiten ausprägen, rassistische Verhaltensweisen etwa, die zu erhalten sich gerade nicht empfiehlt.

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King wäre vermutlich langsamer in Gang gekommen, wenn die 42-jährige Afroamerikanerin Rosa Parks nicht am 1. Dezember 1955 in Montgomery, Alabama, von ihrer Gewohnheit abgewichen wäre, ihren Platz im mittleren Abschnitt eines Busses für einen weißen Mann frei zu machen, den dieser für sich beanspruchte – ebenfalls aus Gewohnheit. Rosa Parks blieb sitzen, wurde verhaftet und der Vorfall zum Funken, der ein Ölfass zum Explodieren brachte. Dem Rhode Island Hospital im Südosten Neuenglands wiederum gelang Mitte der neunziger Jahre die Senkung der Todesrate von Intensivpatienten allein dadurch, dass der Chefchirurg auf eine lieb gewordene Gewohnheit verzichtete. Bis dahin hatte er das Vorgespräch des OP-Teams zum Telefonieren oder zum Kaffeetrinken in einem Nebenraum genutzt. Nachdem er versehentlich die falsche Schädelseite eines Patienten geöffnet hatte und dieser an dem Missgriff verstarb, unterzog sich der Klinikbetrieb einer Grundreinigung seiner verschlampten Gewohnheiten. Ein Fortschritt – keine Frage.

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