Buch "Die Macht der Gewohnheit"Kein Wein ist keine Lösung
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Bei Duhigg wird das Bewahren von Gewohnheiten zum Nachteil

Problematisch ist allerdings, dass solche Beispiele, die das Buch in kaum enden wollender Fülle anführt, zur Illustrierung einer Argumentationsführung dienen, die die Gewohnheitskultur ganz grundsätzlich als renovierungsbedürftig zur Kenntnis nimmt. Kurz gesagt: Charles Duhigg schreibt hier über die Bedingungen der Möglichkeit, dem Zwang der schlechten Gewohnheit (rauchen, trinken, überfressen, Missmanagement in Wirtschaft, Bürokratie und Politik) zu entkommen und sie durch gute Gewohnheit zu ersetzen (regelmäßig Sport treiben, sich maßvoll, vitaminreich und möglichst fleischarm ernähren, mäßig Alkohol trinken, auf keinen Fall rauchen, Wirtschaft, Bürokratie und Politik effizient umstrukturieren etc.). Er stützt sich dabei auf umfangreiche neurobiologische Forschungsergebnisse, die beweisen, dass und wie unser Gehirn umerzogen werden und lernen kann, auf einen Reiz nicht in der gewohnten Weise zu reagieren. An der Stelle, an der die Synapsen normalerweise nach einem gezuckerten Schokoladenkeks gieren, kann sich der Appetit auf eine Birne einstellen. Nur stützt sich Charles Duhigg nebenbei auch auf ein Ideologem: das der andauernden effizienzorientierten Selbstoptimierung. Es betrifft Individuen wie Wirtschaftsunternehmen und Institutionen.

Im ersten Kapitel des Buches baut Duhigg eine wahre Monsterfigur auf. Er beschreibt eine Mittelklasseamerikanerin, die durch verschiedene Schicksalsschläge in den Kreislauf schädlichster Gewohnheiten geraten war. Sie war dabei, sich zu Tode zu rauchen. Je mehr sie rauchte, desto mehr trank sie. Je mehr sie trank, desto weniger ernährte sie sich. Sie kannte weder Tag und Nacht, nur mehr ein diffuses, mit Lastern gefülltes Zeitkontinuum. Eine schwere Depression ließ nicht auf sich warten, die Zug um Zug die Laster steigerte. Anschließend beschreibt Duhigg, wie die Frau durch eine Verhaltenstherapie der Logik ihrer destruktiven Angewohnheiten entkam, indem sie lernte, die Glieder der Kette voneinander zu lösen, ihr Hirn sich darin übte, Rauchen und Trinken zu trennen, bis beides verschwand. Die Geschichte ist glaubhaft, kein Psychologe würde ihren Realitätsgehalt bestreiten. Nur ist sie als Prämisse einer Studie über die Geschichte der Gewohnheit tendenziös. Denn diese Prämisse verlängert sich zu einer Perspektive, in der das Bewahren von Gewohnheiten per se eher von Nachteil als von Vorteil ist.

Allein der Blick auf das unbestreitbare Gegenwartsproblem kindlicher Fettsucht widerlegt diese Argumentation. Die Wurzel des Problems liegt ja nicht darin, dass übergewichtige Kinder sich den Konsum von Fast Food und Süßgetränken nur mit größter Mühe abgewöhnen lassen. Die Wurzel des Problems liegt darin, dass die Propaganda für diese Drecksernährung es geschafft hat, die hergebrachte Gewohnheitskultur privater Essenszubereitung und familiärer Mahlzeiten zu zerstören. Tausend Beispiele für den Sinn der Bewahrung von Gewohnheiten ließen sich hier anführen. Duhigg ist an ihnen nicht sonderlich interessiert. Sie widersprächen dem Manifest permanenter Selbstdisziplin und Selbstmaximierung, das er in sein Buch eingewoben hat. Es steht im Schatten einer Mentalitätspolitik, die man als neoliberal bezeichnen darf. Sie verlangt vom Einzelnen nichts anderes als den Bruch mit all jenen Gewohnheiten, die seiner Tüchtigkeit und seiner Brauchbarkeit im Wege stehen. Genau genommen unternimmt Charles Duhigg eine Kritik der Gewohnheit nach Maßstäben, die der Hygienefantasie entstammen.

Da machen wir lieber nicht mit. Wir machen es diesmal überhaupt ganz anders. Wir erstellen am Neujahrsmorgen keine Liste der Gewohnheiten, die unbedingt zu verabschieden sind. Wir machen eine Liste der Gewohnheiten, die unbedingt zu erhalten sind. Im Übrigen ist es so, dass Kinder, wenn sie ein Alter erreicht haben, in dem sie auf sich selbst, auf ihre frühe Kindheit zurückschauen können, auf die Frage, was sie damals glücklich machte, zuallererst von gemeinsamen Ritualen und festen Gewohnheiten berichten. Wie schön es doch war, den Fußboden aufzuräumen, bevor darauf ein Picknick stattfand.

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