ZölibatWenn Liebe das Leben zerstört

Ehemalige Priester sind auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar. Wer aus dem Kirchenamt aussteigt, dem stehen harte Zeiten bevor. von 

Am Ende fiel alles in sich zusammen: Wie ein Kartenhaus stürzte Andreas Pumbergers gewohntes Leben ein. »Ich hatte das Gefühl, jetzt bin ich ganz unten angekommen«, sagt der ehemalige Priester. Schwermütig sieht der 47-Jährige aus, wenn er das innere Ringen beschreibt, mit dem er vor sieben Jahren beschloss, seine Posten als Leiter eines Priesterseminars, Schulseelsorger und Religionslehrer aufzugeben. Mit seiner frischen Liebe Melanie wollte er ein Leben zu zweit völlig neu gestalten.

Ohne Talar und Kollar, dafür mit Schmetterlingen im Bauch, stand er plötzlich auf der Straße. Mit dem Beruf verlor er auch seine Berufung und ein ganzes Bündel von Sicherheiten: die vertraute Umgebung, Kost und Logis. Er fühlte sich zurückversetzt in die Gefühlswelt eines Jugendlichen, der noch nicht weiß, was er mit seinem beruflichen Leben später anfangen will. Ihm fehlten Selbsterfahrung und Worte: »Ich wusste nicht, wofür ich mich eigentlich eigne, ich war nicht einmal imstande, einen anderen Berufswunsch zu formulieren«, erzählt er.

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Wenn sich Priester verlieben, stehen sie vor einer fatalen Wahl. Sie können versuchen, die Beziehung und vielleicht sogar Kinder geheim zu halten, oder sie bekennen sich offen zur Partnerschaft und verlieren dadurch ihre Existenzgrundlage.

Seit der Enzyklika Sacerdotalis Caelibatus (Der Zölibat der Priester) von Papst Paul VI . aus dem Jahr 1967 können Priester in den Laienstand zurückversetzt und damit vom Pflichtzölibat entbunden werden – wenn der Pontifex persönlich zustimmt.

Schon das päpstliche Lehrschreiben kannte das Problem des Priestermangels, schloss aber einen Zusammenhang mit dem Pflichtzölibat aus. Die Geschichte zeichnet ein anderes Bild: Vielen Geistlichen war es zu eng geworden, bereits 1968 kam es zu einer Flut von Laisierungsanträgen. Tausende wollten von ihren Pflichten entbunden werden. Paul VI. bereute die großzügige Regelung. Später bezeichnete er die Laisierung als »sein schwerstes Kreuz«.

Wie viele Priester in den vergangenen Jahren in Österreich laisiert wurden, will die Bischofskonferenz nicht sagen. Laut Schätzungen missachten 20 Prozent der weltweit über 400.000 Priester und Ordensgeistlichen den Zölibat. Für Österreich mit seinen knapp 4.000 römisch-katholischen Priestern würde das bedeuten, dass rund 800 Priester das Sexualverbot verletzen. Eine Zahl, die für Herbert Bartl, Obmann der Organisation Priester ohne Amt, die sich für Priester, ihre Partner und Kinder einsetzt, weit untertrieben ist. Er schätzt, dass die Hälfte aller Priester in einer geheimen Beziehung, mit einer Frau oder einem Mann, leben. Solange man nicht heiraten wolle, werde das toleriert, sagt Bartl. Wer aber den Schritt in die Öffentlichkeit wagt, der gibt den Beruf für die Liebe auf und fällt nicht selten in ein tiefes Loch.

Viele ehemalige Kleriker versuchen eine Arbeit zu finden, die der alten ähnelt

Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit antwortete Hermann Kubica auf die Frage nach seinem Befinden nur noch mit einem Wort: »Scheiße.« Dabei hatte alles so gut begonnen: Vor zwölf Jahren stellte sich der damalige Pfarrer von Völs, nahe Innsbruck , bei der Sonntagsmesse vor seine Gemeinde. »Ich habe oft über die Liebe gepredigt«, sagte er: »Heute spreche ich in eigener Sache.« Er habe eine Frau kennengelernt, wolle heiraten und gebe sein Priesteramt auf – nach kurzem Zögern applaudierten die Messgänger.

Für Kubica und seine Frau Nicole, eine Schauspielerin und Stewardess, begann mit der Hochzeit ein neues Leben. Doch die Euphorie darüber wich rasch der Ernüchterung. Im Alter von 38 Jahren stand er ohne Job da. »Berater oder Coach« wollte er werden, besuchte Akademikerkurse beim AMS und merkte, dass der Schritt in die Selbstständigkeit wirtschaftlich zu riskant sei. »Ich begann darunter zu leiden, keinen Job zu haben«, erzählt der heute 50-Jährige. Früher predigte er, sein Rat war gefragt, er konnte Menschen helfen. Nun fühlte er sich wie auf dem Abstellgleis der Gesellschaft – es fehlte ein Ziel im Leben. Zum ersten Mal kamen die Menschen nicht auf ihn zu, er musste auf sie zugehen. Kubica führte unzählige Vorstellungsgespräche und wurde nirgends angeheuert. Er besorgte sich Ratgeber für Stellenbewerbungen, ließ nicht locker und hatte trotzdem keinen Erfolg.

Den meisten ehemaligen Priestern fällt die Arbeitssuche schwer. Da sie ihren Beruf aufgeben mussten, ihn aber weiterhin lieben, versuchen viele eine Aufgabe zu finden, die ihrer vorherigen ähnelt. Sie wollen ihre Begabung und Kenntnisse nicht brachliegen lassen, sondern sie einsetzen, Menschen begleiten und unterstützen.

Der frühere Priester paukte Betriebswirtschaft, viel half es nicht

Um den Esstisch der Familie Pumberger tanzen glucksend und lachend zwei kleine Kinder. Sie klettern auf ihrem Papa herum, ziehen an seinen Jeans und den rosa Hemdzipfeln. In dem modernen Haus erinnert nichts an seine Vergangenheit als Priester. Überall liegt Kinderspielzeug herum.

Im Frühling 2005 begegneten der Priester und die Grafikerin Melanie einander bei einer Theatervorstellung. Zufällig saßen sie nebeneinander. Es funkte sofort. »Man fühlt sich schon schuldig. Aber nicht vor Gott, der hat dafür Verständnis. Man fühlt sich in erster Linie schuldig gegenüber dem Menschen, auf den man sich nicht vollständig und offen einlassen kann«, sagt Pumberger.

Richard Picker hatte kein schlechtes Gewissen, ihn plagte nach sieben Jahren als Priester die Einsamkeit. Noch im Amt machte sich der heute 80-jährige Psychotherapeut und Theologe auf die Suche nach einer Frau sowie neuen Berufswegen und begann eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Die Enzyklika Pauls VI. machte schließlich den Weg frei, er ließ sich laisieren und heiratete 1970 Christl Picker. Lange Zeit hofften die beiden, der Priester außer Dienst würde seinen Weg in die christliche Berufsschiene zurückfinden. Aber der Wunsch erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, er durfte nicht mehr unterrichten, nicht einmal mehr fromme Lieder dirigieren. Der Direktor einer Pädagogischen Akademie in Linz war auf ihn aufmerksam geworden und hätte ihn gern als Religionslehrer und Chorleiter angestellt. »Aber die Kirche hat das verhindert«, erzählt Picker. Auch als er Erziehungsleiter eines Werkschulheims hätte werden sollen, soll die Obrigkeit dazwischengefunkt haben. Schließlich blieb ihm nur die Selbstständigkeit: Der Seelenhirte wurde zum Seelenklempner.

Heute ist es weniger die Amtskirche als steigende Qualifikationsanforderungen, die ehemaligen Priestern Grenzen aufzeigen. Das AMS weiß nur zu sagen, man müsse neue Betätigungsfelder von ehemaligen Priestern »individuell klären«.

Andreas Pumberger interessierte sich nach seinem Ausscheiden aus dem Kirchendienst für Personalwesen. Doch die Realität am Arbeitsmarkt machte seine Vorstellungen schnell zunichte. »Menschenkenntnis und die Fähigkeit gut mit Leuten umgehen zu können, genügen heute nicht mehr«, sagt er: »Oft muss man zwei verschiedene Studien absolviert haben.« Er versuchte sein berufliches Profil zu schärfen und seine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Deshalb durchlief er beim AMS eine Schulung, bei der er sich betriebswirtschaftliches Wissen aneignen konnte.

Viel half das nicht. Letztendlich waren es private Kontakte, die ihm zu einer Anstellung verhalfen. Bei einer Firmung lernte Pumberger den Personalberater Bernhard Winkler kennen. Den ließ das Schicksal des Priesters nicht mehr los: Wie kann man einen Theologen wieder auf den Markt bringen? Winkler erarbeitete mit fünf Firmen ein Traineeprogramm, das dem Priester jene Erfahrung vermitteln sollte, die ihm fehlte. Für jeweils drei Monate sollte er bei jeder dieser Firmen arbeiten. Der Versuch glückte, am Ende stand ein Job im Familienreferat des Landes Oberösterreich. Er versuchte, sich auf die neue Aufgabe zu konzentrieren, fühlte sich aber in dieser völlig anders funktionierenden Branche, deren Regeln ihm so fremd waren, zu weit weg von seiner ursprünglichen Tätigkeit als Priester und Christ. »Ich habe mich nach meiner alten Aufgabe zurückgesehnt.«

Wenn sie aus dem Priesteramt scheiden, bedeutet dies für viele Priester, Abschied zu nehmen vom Vorhersehbaren, von bekannten Aufgaben und auch von ihrer bisherigen Identität. Weitgehend abgeschnitten vom weltlichen Lauf der Dinge, fehlt es ihnen oft an Erfahrung mit den Umgangsregeln und den sozialen Codes der Berufswelt abseits der Theologie. Kündigungen oder Kollektivvertrag sind für die meisten Begriffe aus einer fremden Sphäre. Nur die wenigsten führten jemals Bewerbungsgespräche. Und wenn Ordenspriester aus ihrem Klosterverband aussteigen, haben sie nicht einmal eine Arbeitslosenversicherung. Was zuvor von der Gemeinschaft geregelt und getragen wurde, wird für Aussteiger mit einem Schlag zur Herausforderung. Manchmal auch für den Berufsweg der Partnerin.

Als Herbert Bartl von Priester ohne Amt sich 1969 nach zwei Jahren aus dem Priesteramt verabschiedete, war es seine Frau, welche die Folgen der Entscheidung zu spüren bekam: Sie wurde von ihm unverheiratet schwanger, noch bevor der Vater des Kindes laisiert war. Die werdende Mutter arbeitete in der katholischen Arbeiterjugend, und als man dort von der Schwangerschaft erfuhr, wurde sie in die Kirchenbeitragsstelle strafversetzt, wo sie niemandem auffallen oder für Gesprächsstoff hätte sorgen können. »Als wäre ich eine Verbrecherin«, sagt Rosa Bartl.

Nicht zuletzt das Engagement von Priester ohne Amt hat dazu geführt, dass ein ehemaliger Priester heute ebenso wenig eine Persona non grata für die Kirche ist wie seine Frau. Sie dürfen an Messen teilnehmen, die Kommunion empfangen und kirchlich heiraten. Einen Job zu finden ist dennoch immer schwierig. Über ein Jahr bewarb sich Hermann Kubica erfolglos, und schlussendlich half auch ihm nur ein glücklicher Zufall: Über eine Bekannte landete er bei einem Versicherungsunternehmen im Außendienst. Seit elf Jahren verkauft er nun Polizzen – und wirkt zufrieden. »In diesem Beruf muss man gut zuhören können. Es geht um soziales Gespür und die Lebensplanung anderer Menschen. Das hat schon ein wenig Ähnlichkeit mit meinem alten Beruf«, sagt er. Auch wenn am Ende kein Sakrament gespendet, sondern ein Vertragsabschluss erzielt werden soll.

Auch Andreas Pumbergers berufliche Sehnsucht wurde bald gestillt. Nach einem Jahr im Landesdienst vermittelte ihn eine Personalberaterin an die Kreuzschwestern. Der Orden suchte für seinen Schulverein in Linz einen Geschäftsführer mit pädagogischem Hintergrund. »Man kam auf mich zu«, sagt Pumberger stolz. Er wusste nicht, wie die Nonnen auf ihn und seine Geschichte reagieren würden. Gleich beim ersten Gespräch legte er die Karten auf den Tisch. Die Schwestern zeigten sich davon unbeeindruckt und stellten ihn ein.

Mittlerweile ist Ruhe eingekehrt im Hause Pumberger. Seine jüngere Tochter sitzt auf dem Schoß ihres Vaters. Mit dem Finger zeichnet er kleine Kreise in den blonden Haarflaum des Mädchens. Im nächsten Jahr erwartet Melanie Pumberger ihr drittes Kind. »Es ist fatal zu sagen, der Zölibat ist Pflicht, genauso wie es fatal wäre, zu sagen, der Zölibat gehörte abgeschafft«, meint Pumberger. Nachdenklich wiegt den Kopf hin und her. Es gebe durchaus glaubhaft gelebten Zölibat. Seinen katholischen Glauben hat Pumberger nicht verloren. Und doch fühlt es sich für ihn oft so an, als würde er von der Kirche wie ein Betriebsunfall behandelt. Eine Ausnahme, die es nicht geben darf.

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